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Drama Deluxe
Das ging ja schon mal gut los: Bei der Anreise zum zweiten Termin ihrer aus dem letzten Jahr verschobenen „Visions“-Tour in der Kölner Kantine gerieten Alice Merton und ihre Musiker mit ihrem Lastwagen wegen Überladung in die Fänge der Bundespolizei, sodass die Band – wegen der damit einhergehenden Verspätung – noch bis kurz vor dem Einlass mit dem Soundcheck beschäftigt war und ein angesetztes VIP Meet & Greet für besserverdienende Fans dann nochmals für Verzögerungen im Zeitplan führte. Da wäre es ja vielleicht dann doch von Vorteil gewesen, wenn der Merton-Tross mit einem Nightliner gereist wäre – was Alice aber ja rundweg abgelehnt hatte. Sei es drum: Als dann die Show deutlich nach 21 Uhr mit dem Auftritt des in Berlin ansässigen Liedermachers Lias losging, gab es letztlich kein Halten mehr.
Dabei mussten die Fans zunächst mal mit dem überschaubaren Angebot von Lias vorliebnehmen. Der junge Mann steht noch am Anfang seiner Laufbahn und hat bislang zwei EPs mit dem von ihm favorisierten Männerschmerz-Jammerpop produziert, den er insbesondere mit seinem Signature-Song „Lost“ zum Thema macht. Auf der Support-Tour für Alice Merton ging es aber darum, neue Songs seiner kommenden Debüt-LP zu präsentieren. Als Performer überzeugte Lias durch seinen jugendlichen Charme und die selbstbewusste Art, mit der er das Publikum umgarnte und keine Mühe hatte, vor allen Dingen die weiblichen Fans für sich einzunehmen – auch wenn die Qualität seines generischen Songmaterials das eigentlich gar nicht hergab; denn Lias muss noch lernen, seinem bislang aus vorhersehbaren Klischees zusammengesetzten Material eine über die Narrative hinausgehende, eigene musikalische Identität zu vermitteln.
Mit einer eigenen Identität hat Alice Merton spätestens seit der Zeit, in der sie beschloss, nicht mehr irgendwelchen Ratschlägen zu folgen und stattdessen auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen (was sie mit dem neuen Song „Jane Street“ zum Thema macht), nun wirklich keine Probleme mehr. Mit ihrem neuen Album „Visions“ schlug sie ein neues musikalisches Kapitel auf, das sie in eine druckvollere, fast schon rockige Richtung führte. Auf der Tour ging es nun darum, dieses Album vollständig vorzustellen. Für die alten Hits blieb dabei natürlich nicht mehr so viel Raum – was aber für das Publikum kein besonderes Problem darzustellen schien, da die Fans das „Visions“-Album bereits auswendig gelernt hatten und sich somit bestens mit dem neuen Material auskannten.
Alice Merton startete die Show mit einigen Überraschungen. So nahm sie für den ersten Track „Coasting“ hinter einem Piano Platz, spielte beim anschließenden Titeltrack „Visions“ Bass und griff erst beim dritten Stück „Mirage“ zum Mikro, um sich dem Publikum zu widmen. Auf die Sache nach dem Bass ging sie später noch einmal ein: Erst vor kurzem habe sie gelernt, das Instrument zu spielen und sei noch nicht besonders gut darin – versprach aber, in Zukunft dann noch besser zu werden. Stolz sei sie indes auf den coolen Rickenbacker-Bass für Linkshänder, der so auch nicht an jeder Straßenecke zu finden ist. Besonders bemerkbar machte sich das musikalisch allerdings nicht – denn der Keyboarder ihrer Tour-Band sorgte mit der linken Hand auch dann für Bass-Sounds, wenn Alice sich auf das Singen konzentrierte und den Bass eher als Stage-Prop benutzte.
Wie gesagt, kamen die älteren Tracks – beispielsweise „Vertigo“, „Treasure Island“, „I Don’t Hold A Grudge“ und natürlich „No Roots“ (das sich Alice bis zur Zugabe aufgehoben hatte) nur unter „ferner liefen“ vor. Es gab jedoch einen unerwartet emotionalen Rückgriff auf die Geschichte, als Alice nach dem in Island entstandenen Track „Joyride“, der von einer Autofahrt durch die isländische Landschaft handelt, einen „Pick A Song“-Wettbewerb ausrief, bei dem das Publikum gebeten wurde, einen Songwunsch zu äußern. Dabei entschied sich Alice schließlich dazu, den Song „Honeymoon Heartbreak“ vom „Mint“-Album zu spielen, den sich die Hardcore-Fans aus der ersten Reihe gewünscht hatten, da das ein Lieblingssong eines inzwischen verstorbenen Fans aus ihrer Mitte gewesen war. Die anrührende, tränenreiche Ansprache, bei der Alice das Schicksal der verstorbenen Eva dem Publikum nahebrachte, verlieh der nachfolgenden Präsentation natürlich eine besondere emotionale Note – zumal der selten gespielte Song als klassische, bittersüße Powerballade mit einem dramatischen Touch angelegt ist.
Und damit wären wir endlich bei der musikalischen Wertschätzung der Show angelangt. Während die Band eher unauffällig im Hintergrund agierte (der Drummer sogar in einer Plexiglas-Burg), stand Alice Merton natürlich ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit. Lediglich Gitarrist Regi Drake leistete sich einige stadienreife Posen. Alice benutzte derweil ihre Pole-Position, um eine bislang eher unterschwellige performerische Note ins Spiel zu bringen, die auf den Alben (nicht zuletzt aufgrund der aufdringlichen Power-Pop-Produktionsnote) in den Hintergrund tritt. Das ist dann eine überraschende Hinwendung zum Drama- und Kook-Pop der 80er und 90er Jahre. Diese kommt weniger durch aufwendig abgewandelte Arrangements zum Tragen, als vielmehr durch Alices Fähigkeit, stimmlich einen sehr großen Bereich abzudecken und ohne Scheu auch in höheren Tonlagen zu brillieren. Das funktioniert erstaunlich gut und insbesondere bei den dynamisch aufgebohrten Tracks und den Balladen (von denen es eigentlich viel zu wenige gibt), fühlt sich der geneigte Musikfreund oft an die Kunst von Acts wie Tori Amos oder Kate Bush erinnert. Das kommt dem Vortrag immens zu Gute, denn aufgrund dessen, dass fast alle Tracks des neuen Albums als Full-Frontal-Attack-Power-Pop angelegt sind (was für die Anbindung der Fans natürlich von Vorteil ist), läuft dann vieles auf einem vergleichbaren Energie-Level ab, so dass ein bisschen Artpop-Drama hier schon für Abwechslung sorgt.
Nachdem Alice mit dem Disco-Kracher „I Don’t Hold A Grudge“ von dem „Mint“-Album noch mal ordentlich Schwung in die Bude gebracht hatte, ging es mit dem Song „Landline“ (mit dem Alice Merton ihren Festnetz-Anschluss feiert) und dem „Visions“-Closer „Marigold“ dann noch einmal eher besinnlicher zu – bzw. mit dem hymnisch angelegten „On The Wire“ dramatisch, bevor Alice die Zuschauer mit „No Roots“ in die inzwischen fortgeschrittene Nacht brachte.































