Zunächst einmal: Kim Gordon kann als lebende Legende natürlich machen, was immer sie will, und weil die frühere Bassistin und Sängerin von Sonic Youth ziemlich sicher auch keine Platten verkaufen muss, um die Miete zahlen zu können, steht auch nicht der Verdacht im Raum, dass ihre künstlerischen Entscheidungen wie bei so vielen jüngeren Acts von kommerziellen Hintergedanken geleitet werden. Trotzdem fragt man sich beim Hören von „Play Me“ schon ein wenig, für wen (außer sich selbst) Kim Gordon dieses Album aufgenommen hat.
Von den alteingesessenen Sonic Youth-Fans, die inzwischen selbst stramm auf die Rente zugehen, dürften sich hier nur die allerwenigsten, besonders aufgeschlossenen Hörerinnen und Hörer angesprochen fühlen, und dass sich jetzt die Generation TikTok für die Platte einer Musikerin begeistert, die alt genug ist, um ihre (Ur-)Großmutter zu sein, darf doch zumindest bezweifelt werden.
Noch mehr als auf dem experimentellen Vorgängerwerk „The Collective“ entfernt sich die 72-jährige Amerikanerin hier von dem, was sie einst berühmt gemacht hat, und taucht endgültig ab in die Welt der Elektronik. Während man das letzte Album noch mit gutem Gewissen als „Industrial-Noise mit Samples und Trap-Beats” beschreiben konnte, gibt es auf „Play Me“ nur einen einzigen Song, der an Gordons glorreiche Alternative-Rock-Vergangenheit anknüpft: das verräterischerweise als Vorabsingle ins Rennen geschickte „Not Today“.
Die anderen elf Songs klingen eher so, als habe der Produzent – erneut Justin Raisen (Charli XCX, Sky Ferreira) – den Auftrag erhalten, ein möglichst verstörendes elektronisches Gewummer zusammenzuschrauben, das Gordon als Background dient, um mit ihrem unnachahmlichen Sprechgesang den Schaden der Tech- und Milliardärsklasse, den Abbau demokratischer Strukturen, KI-getriebene Kulturverflachung und den absurden Alltag im Spätkapitalismus anzuklagen. Mehr als das tut sie indes nicht, denn Antworten auf all die brennenden Fragen hat natürlich auch sie nicht parat.
„Radikal gegenwärtig und kompromisslos eigenständig“ nennt die Plattenfirma das Album, und obwohl das nicht gelogen ist, lässt es zumindest den Schreiber dieser Zeilen doch ziemlich ratlos zurück.
„Play Me“ von Kim Gordon erscheint auf Matador/Beggars Group/Indigo.




