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Ohne Frage haben Willy Vlautin und seine Delines gerade einen Lauf. Es ist ja gerade mal ein Jahr her, seit das letzte Delines-Album „Mr. Luck And Ms. Doom“ veröffentlicht wurde – und nun liegt bereits der Nachfolger „The Set Up“ vor. Das hat Gründe, denn die Songs des neuen Werkes entstanden zum Teil während der Sessions zum letzten Werk – passten dann aber tonal und atmosphärisch nicht ganz zu der Storyline des Albums – wodurch sozusagen mit „The Set Up“ ein etwas düsterer Zwilling entstand, der sich allerdings jetzt – wo er vorliegt – dann doch nahtlos in das Willy Vlautin-Universum einfügt. Das ist dann ein Universum, in dem sich die Disziplinen, derer sich Vlautin als Auteur bemächtigt, immer mehr miteinander vermischen: Im Mai erscheint sein neuer Roman „The Left And The Lucky“. Dazu bastelten die Delines bereits einen instrumentalen Soundtrack – wie sie das zum Beispiel auch für den Roman „The Night Always Comes“ machten, der gerade eben von Netflix verfilmt wurde. Diesen Soundtrack werden die Delines bereits als Bonus-LP einer Special Edition des nun erscheinenden Albums „The Set Up“ veröffentlichen. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ist „The Set Up“ als Mix aus Noir-Konzeptalbum, Theater-Hörspiel und nicht zuletzt Film-Soundtrack angelegt. Grund genug, sich wieder einmal mit Willy zu unterhalten.
Das neue Delines Album überrascht konzeptionell durch einen Mix aus regulären Songs, dem mehrteiligen Spoken-Word-Titeltrack und atmosphärischen Instrumentals. War es von vorneherein die Absicht, „The Set Up“ als eine Art Soundtrack mit Hörspiel-Charakter zu formatieren? „Ja“, räumt Willy unumwunden ein, „ich bin von dieser Idee geradezu besessen. Als meine Frau im Krankenhaus lag, hat sie viel Instrumentalmusik gehört. Ich höre meine Spaghetti-Western-Sammlung jeden Tag. Ich war schon von Soundtracks und atmosphärischer Musik besessen, seit ich ein kleines Kind war. Das hängt damit zusammen, dass ich immer schon Welten erschaffen wollte. Das Größte, was passieren kann, wenn du eine Scheibe auflegst, ist, dass du plötzlich nicht mehr in deinem Alltagsleben, deinem Job und denselben Sachen, die du jeden Tag siehst, gefangen bist. Du kannst der Realität so entfliehen. Was ich mit den Delines immer erreichen wollte, war Musik zu machen, die wie ein Soundtrack klingt, in dem du dich verlieren kannst.“
Wenn Willy sagt, dass er von Instrumentalmusik besessen sei, dann liegt das sicher daran, dass er ein großer Fan von italienischen Soundtrack-Komponisten ist. Neben offensichtlichen Kandidaten wie Ennio Morricone sind das dann Spezialisten wie Bruno Nicolai, Gianni Ferrio, Carlo Savina, Piero Piccioni, Francesco De Masi und viele andere. Was fasziniert ihn denn so am Spaghetti-Western-Soundtrack? „Ich habe eine Farm und besitze Pferde, lade Heu und kümmere mich um die Tiere. Wenn man dazu einen passenden Soundtrack hat, macht das viel mehr Spaß. Alles im Leben macht Spaß, wenn die Musik spielt. Immer wenn es hart wird im Leben, dann höre ich mir meine Soundtrack-Weirdo-Musik an.“
War das immer schon so? „Ja, denn weil ich als Kind oft gesundheitliche Probleme hatte, habe ich mich vielleicht mehr als andere auf die Musik eingelassen“, resümiert Willy, „wenn man als Kind in einer instabilen Situation lebt, dann sucht man mehr als alles andere nach Stabilität und Sicherheit. Und in Schallplatten fand ich solche Sicherheiten. Sie verändern sich nie, sie können dir Hoffnung vermitteln oder meine Misere mit mir teilen. Wenn da jemand über irgendetwas lamentierte, dann konnte ich mir sagen: ‚Bruder, ich verstehe deinen Schmerz‘. Man fühlt sich dann besser – und nicht mehr so alleine. Das habe ich mir dann schon früh zu Eigen gemacht – und das hat sich auch nicht geändert. Mein Ziel in Bezug auf Bücher und Musik ist immer das, mich darin zu verlieben. Also lese ich die Bücher und höre die Scheiben, die ich cool finde. Als Schriftsteller sollte ich vielleicht viel mehr ikonische Weltliteratur lesen – aber ich lese lieber die Sachen, die ich cool finde, damit ich mich darin verlieben kann.“
Ergibt sich denn aus einem solchen Ansatz auch die musikalische Gestaltung – etwa der neuen Scheibe, denn hier sind ja konventionelle Songstrukturen durch eine erzählerische Dramaturgie ersetzt worden – so dass eben „The Set Up“ als Soundtrack funktioniert? „Das Coole an den Delines ist die Tatsache, dass Amy Boone und ich uns immer als die schlechtesten Musiker in der Band bezeichnen können“, berichtet Willy, „wir können eigentlich machen, was wir wollen – weil die Jungs aus der Band so gut sind. Sean Oldham, Freddy Trujillo und Cory Gray sowie unser Produzent John Askew sind so gut in ihrem Metier, dass sie alles, was wir uns vorstellen, umsetzen können. Der Grund, warum wir übrigens so gerne mit John Askew zusammenarbeiten, ist der, dass er sein Geld mit Soundtracks verdient und selber Musik für Dokumentarfilme schreibt. Wir sind da also auf derselben Seite.“
Wie gut kennt Willy Vlautin seine Charaktere eigentlich? Versucht er, diese zu lenken – oder lässt er ihnen freien Lauf? „Das ist eine schwierige Sache, weil man schließlich durch seine eigene Perspektive geprägt ist“, überlegt Willy, „ich könnte ja versuchen, eine Geschichte zu schreiben, in der zum Beispiel die Frau aus ‚The Reckless Life‘ – die aus einem Krankenhaus in Seattle verschwindet, mit dem Lover ihrer Mutter durchbrennt und die Brieftasche ihrer besten Freundin klaut – glücklich bis ans Ende ihrer Tage lebt. Ich würde dann aber immer weiter daran arbeiten und hier und da Änderungen vornehmen – und bevor ich mich besinnen könnte, würde sie vielleicht mit einem üblen Typen durchbrennen und sterben, bevor sie 30 ist. Man versucht es als Autor immer wieder – aber es ist schwierig, sich von seiner eigenen Seele zu lösen – weil das Einzige, was dich leitet, deine Seele ist. Meine Narrativen sind düster, weil mein Ausblick auf das Leben düster ist. Man kann versuchen, sich davon zu lösen – aber wer du bist, schlägt immer wieder auf dich zurück und kommt dann auch in deiner Arbeit zum Vorschein. Ich weiß ganz gut, wer meine Charaktere sind – weil ich so viel Zeit mit ihnen verbringe – und ich nehme auch Anteil an ihrem Schicksal. Mit Songs ist das einfacher als mit Romanen. Die tragischste Figur ist für mich ‚Dilaudid Diane‘ – weil ich in ihr so viel Potenzial gesehen habe. Ich hoffe jedenfalls, dass sie es schaffen wird.“ (Das Betäubungsmittel „Dilaudid“ ist übrigens der neueste Hype in der US-Opioid-Krise.)
Woran liegt es eigentlich, dass Willys Charaktere – sowohl die aus seinen Romanen, wie auch jene, die seine Songs bevölkern, immer so rastlos und ständig in Bewegung sind – ohne dabei ein wirkliches Ziel zu haben? „Das ist ein interessanter Punkt“, räumt Willy ein, „es geht um die Idee, die die Charaktere haben: Anstatt zu versuchen, herauszufinden, was in einem selbst vorgeht, tendieren sie dazu zu sagen: ‚Vielleicht ist es ja in Seattle oder Montana oder in Dallas besser‘. Der Gedanke, dass ein Ort, ein neuer Freund, eine Party oder Dinge im Allgemeinen dich retten könnten, anstatt zu versuchen, dich selbst zu retten, hadern viele meiner Charaktere. Sie glauben wirklich, dass es einen Ort geben könnte, an dem es ihnen besser geht.“
In dem Zusammenhang: Wohin verschwindet dann wohl die Titelheldin aus dem Song „The Reckless Life“? „Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass das für sie gut ausgeht“, überlegt Willy, „sie ist zu naiv und zu zornig. Immerhin folgt sie dem Liebhaber ihrer Mutter, klaut die Brieftasche ihrer besten Freundin. Sie ist eine gescheiterte Romantikerin – aber keine besonders nette.“
Betrachtet sich Willy eigentlich als klassischer Songwriter – oder mittlerweile eher als eine Art Regisseur? „So habe ich das noch nie gesehen“, räumt Willy ein, „mein Ziel ist es ja, über meine Songs Geschichten zu erzählen. Aber wie du erkannt hast, sind die ja wie kleine Filme. Bei Richmond Fontaine war das ja ähnlich – aber das spielte sich damals alles im Rahmen einer Cowpunk-Band ab und war weniger offensichtlich. Heute geht es mir vor allen Dingen um den emotionalen Gehalt. Ich muss eine Welt für jede Geschichte erschaffen – und in dieser Hinsicht bin ich dann tatsächlich eine Art Regisseur. Ich habe immer lange Gespräche mit John Askew, in denen wir überlegen, wie wir den Hörer dazu bringen können, die Geschichte zu glauben, die wir erzählen möchten. Wie können wir den Hörer veranlassen, sich in dem Song ‚The Reckless Life‘ zu verlieren? Wie können wir es erreichen, dass die Hörer des Songs ‚Can You Get Me Out Of Phoenix‘ dazu bringen, dass er sich eine Frau vorstellt, die am Pool sitzt und ohne es anzusprechen zu vermitteln, wo sie lebt und herkommt und wie sie herkommt? Das sind die einzigen Dinge, über die ich nachdenke, wenn ich Songs schreibe. Wenn ich mal einen catchy Song schreibe, dann deswegen, weil meine Band mich dazu auffordert – nicht, weil ich selbst darüber nachdenken würde.“
Die LP „The Set Up“ von The Delines erscheint am 06.03.2026 auf dem Label Decor Records. Es wird eine Special Edition geben, die einen Soundtrack zu Willy Vlautins Roman „The Left And The Lucky“ enthält (der im Mai in Europa und im August in den USA erscheint). In Europa werden die Delines dann allerdings erst im Herbst dieses Jahres auf Tour gehen.




