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Powerplay im Doppelpack
Wer sich vielleicht gefragt haben sollte, wie die Auswahl der Rockpalast-Aufzeichnungen für die Frühlings- und Herbst-Editions 2026 zustande gekommen sein könnte, dem sei empfohlen, sich mal mit dem Orange Blossom Special Festival zu beschäftigen – denn alle Acts, die in diesem Jahr bei den Rockpalast-Aufzeichnungen zu sehen sind und sein werden, haben schon einmal auf dem Orange Blossom Special Festival gespielt – oder werden das in diesem Jahr tun. Eine gute Gelegenheit also für OBS-Fans, gegebenenfalls verpasstes nachzuholen bzw. sich mit zukünftig auftretenden Acts bekanntzumachen.
Den Anfang machten dieses Mal Katja Seiffert und ihr inzwischen zu einer tighten Band zusammengewachsenes Projekt Blush Always, das den Rockpalast-Reigen mit dem inzwischen zum Markenzeichen gewordenen, melodischen Grunge-Indie-Popwerpop einleitete. Die Sache ist dabei die, dass Blush Always die Gelegenheit nutzten, sich mit der ersten Show in diesem Jahr (und dem allerersten Auftritt in Bonn überhaupt) mit einem Querschnitt des Angebotes aus den beiden LPs „You Deserve Romance“ und „An Ode To“ – zwar ohne neues Songmaterial – auch auf die anstehende Festival-Saison einzustimmen.
Den Namen Blush Always hatte sich Katja ja deswegen gegeben, weil sie in der Vergangenheit oft mit ihrer chronischen Schüchternheit – wohl bis hin zum Imposter-Syndrom zu kämpfen gehabt hatte. Inzwischen – so erklärte die smarte Songwriterin – habe sie die Sache nicht zuletzt aufgrund ihrer Beschäftigung mit der Musik und dem gemeinsamen Arbeiten an Songs mit ihren Musikern ganz gut im Griff. Dennoch trug sie auch bei dieser Show wieder jenen Fellhut, von dem Kollege Carsten Wohlfeld bereits letztes Jahr vermutet hatte, dass sie diesen vermutlich von Jamiroquai geliehen haben könnte. Das bedeutete dann, dass Katjas Gesicht dann dauernd im Schatten lag und die WDR-Kamera-Crew ständig bemüht schien, sie von unten in die Nasenlöcher zu filmen.
Mit dem Transit von der ersten zur zweiten LP hatten Blush Always ja bereits die Entwicklung vom schroff/abrasiven hin zum druckvoll/grungigen Power-Pop vollzogen – und das war dann auch eine Sache, die bei dieser Show zu beobachten war: Blush Always klingen heute eben weniger schroff oder gar abrasiv als zu Beginn und haben gelernt, sich einen im Vergleich eleganten Live-Sound zuzulegen – ohne dabei Kompromisse in Sachen Powerplay zu machen. Ein geschickter Set-Aufbau sorgte für den gewissen Kick in Sachen Dramatik (denn als performerische Alleinunterhalterin sieht sich Katja nach wie vor eher nicht): Die Show begann mit den soliden Starter-Tracks „Divers“ und „My Mums Birthday“, ging dann nahtlos in die beiden Signature-Hits „Fond Of Her“ und „Coming Of Age“ (jeweils die Songs mit dem höchsten Wiedererkennungs-Potential der beiden Alben). Im Mittelteil versammelten sich dann nicht nur ruhigere Tracks wie „Oddly Romantic“ oder „Dance Into My Head“ (und sorgten damit für eine Art Verschnaufpause im Power-Pop-Orkan), sondern auch die Kollaborationen „Enemy“ und „Bigger Picture“, die Katja mit ihren Kolleginnen Sophie Lindinger bzw. Brockhoff eingespielt hatte. Gegen Ende der Show gab es dann mit „Drop Of Rain“ und „Postpone“ noch zwei Tracks von der ersten EP und ganz bis zum Schluss hatten sich Blush Always den punkigen Bonus-Track „Autoimmunity“ der „An Ode To“ aufgehoben. Viel zu meckern gab es da letztlich nicht.
Blush Always werden ja erst beim nächsten Orange Blossom Special Festival aufspielen – während Hannah Merrick und Craig Whittle a.k.a. King Hannah das bereits im letzten Jahr getan haben. Hannah Merrick – die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sowohl vor den jeweiligen Shows wie auch danach alleine den Merch-Verkauf anzukurbeln (während Whittle derweil zugegebenermaßen mit den Tour-Musikern der Rhythmus-Gruppe für den Auf- und Abbau auf der Bühne tätig ist) – konnte sich jedenfalls noch gut an die grandiose Show beim OBS 27 erinnern – wenngleich auch hauptsächlich deswegen, weil es damals so kalt gewesen war, dass sie ihr eher luftiges, rotes Bühnenkostüm nicht anziehen hätte können und stattdessen im Trainingsanzug aufgetreten war.
Auch King Hannah hatten nur wenig neues Material im Gepäck – was aber gar nicht so schlimm war, denn erstens kannte ein Teil des Laufpublikums in der Harmonie das Programm des Duos ja noch gar nicht – und zum anderen hatten King Hannah auch am bewährten Programm immer noch so viel Spaß, dass die Show in der Harmonie zu einem spielfreudigen, intensiven, grandiosen Grunge-Orkan aufgebohrt wurde (und zwar dieses Mal mit Bühnen-Outfit). Das Prinzip, nach dem King Hannah ihre Song-Dramen ausrichten, ist eigentlich immer gleich – sorgt dann aber im Abgang trotzdem immer wieder für Begeisterung. Zunächst wird nämlich erst mal eine fast schon unerträgliche Spannung aufgebaut. Meist steht Hannah Merrick regungslos auf der Bühne, schaut mit „bösem Blick“ ins Publikum und bringt mit stoischem Sprechgesang ihr inhaltliches Anliegen zum Vortrag, während Whittle im Hintergrund dystopische Klangflächen ausbreitet. Anders als bei vielen anderen Acts, die eine solche Technik anwenden, versanden diese aufgebauten Spannungen aber nicht im frustrierenden Nichts, sondern werden verlässlich aufgelöst – nämlich dann, wenn Whittle den inneren Neil Young von der Leine lässt, mit Amphetamin impft und im Folgenden musikalisch ohne Betäubung am offenen Herzen operiert – dabei nervenzerfetzende psychedelische Soundwände aufbauscht – und zum Kollaps bringt; mal mit und mal ohne Beihilfe Hannahs, die öfter auch mal die Rolle der Rhythmus-Gitarristin übernimmt, während sich Craig austobt. Dieses Austoben kommt übrigens um den Preis daher, dass Whittle seine Gitarre kontinuierlich um- und nachstimmen muss. Das kommt dann halt davon, wenn man seine Gitarre so traktiert, wie er es nun mal tut.
Nun könnte man ja annehmen, dass man sich als Zuschauer von einem solchen, sich wiederholenden Prozedere irgendwann gelangweilt fühlt. Doch weit gefehlt: Die von der Bühne ausströmende Energie und Intensität verbreitet sich mühelos im ganzen Raum (und im Falle von Open-Air-Shows dann auch darüber hinaus) und zieht die Zuhörer in ihren hypnotischen Bann. Das Spiel mit Spannungen und der Dynamik wird auch nur selten einmal unterbrochen: Entweder mit Humor, wenn sich Hannah und Craig einen Spaß daraus machen, das „Hell No“ des Songs „Go-Kart Kid“ zu zelebrieren, oder aber wenn es persönlicher wird und King Hannah in dem neuen Track „This Hotel Room“ indirekt erneut ihr Idol John Prine (und die verehrten Country-Folk-Helden) referenzieren bzw. Gillian Welchs „Look At Miss Ohio“ covern – und dabei erstaunlich souverän auch gesanglich zusammenfinden. Dann zeigen King Hannah, dass sie auch musikalische Liebesbriefe schreiben bzw. vortragen können.
Als Meister der Theatralik hatten sich King Hannah den Titeltrack des „Big Swimmer“-Albums bis zum Schluss aufgehoben – was ja auch Sinn macht, denn die Zweiteilung des Songs in einen eher folkigen und einen eher rockigen Teil bietet sich für ein kumulatives Dénouement, wie sie es auch in Bonn zelebrierten, ja auch geradezu an. Bei alldem sehen King Hannah übrigens immer noch so cool und lässig aus, wie zu Beginn der gemeinsamen Laufbahn – wirken dabei aber längst nicht mehr so blasiert und distanziert wie bei den ersten gemeinsamen Shows.




































