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Nachschlag 2.0
Die Amsterdamer Band Marathon hat ebenso wie Lucy Kruger & The Lost Boys auch bereits auf dem Orange Blossom Special gastiert. Kay Koopmans, Nina Lijzenga und Lennart van Hulst hatten mit ihren Marathon-Tourmusikern erst im letzten Jahr gezeigt, wie man eine Festivalbühne mit einem stürmischen Auftritt zerlegt und Lucy Kruger & Co. hatten ein Jahr zuvor beim OBS 26 das Publikum mit einer intensiven Darkwave-Predigt in ihren Bann gezogen. Beide zurecht als Tages-Headliner – denn nach den Auftritten der beiden Acts hätte nichts Überzeugenderes mehr folgen können. Schon witzig, dass die beiden Bands dann für den OBS-Nachschlag dieses Mal dann zum Duett (nicht Duell) antraten.
Seither ist ja einige Zeit ins Land gezogen, in der beispielsweise Marathon emsig daran gearbeitet hatten, ihre Fähigkeiten als performerische Urgewalt weiter zu perfektionieren – die sich ja auf der Debüt-lP „Fading Image“ nur ansatzweise produktionstechnisch hatte einfangen lassen. Und Lucy Kruger & The Lost Boys hatten inzwischen eine neue LP namens „Pale Bloom“ veröffentlicht, auf der sich die südafrikanische Wahlberlinerin erneut musikalisch neu aufgestellt hatten.
Da Marathon noch nicht dazu gekommen sind, einen neuen Longplayer fertig zu stellen, bestand die Setlist weitestgehend aus den Songs des Debüt-Albums „Fading Image“ und der ersten EP, von der die Tracks „Tired“, „Fameless“ und „How Does It Feel“ im Mittelteil der Show gelandet waren. Freilich ist es im Falle von Marathon auch nicht so wichtig, welche Songs gespielt werden – da zum einen die Studioproduktionen nur einen inadäquaten Eindruck davon vermitteln, was Marathon auf der Bühne daraus machen, und zum anderen die schiere Energie und die ansteckende Lebensfreude, mit der die Musiker sich ins Geschehen stürzen und das Material nach allen Regeln der Klangkunst aufbohren, eh keine Vergleiche notwendig macht. Es kann auch deshalb gar nicht darum gehen, die Studio-Aufnahmen möglichst detailgetreu auf der Bühne zu reproduzieren, weil die unerhörte Energie, mit der sich zumindest das Kerntrio der Band in die Performance einbringt, den destruktiv/dystopischen Charakter des Materials in eine Art Manifestation musikalischer Lebensfreude umdeutet. Zugegeben: Sänger Kay Koopmans gibt sich alle Mühe, als junger wilder Mann mit manischem Gehabe den Musikrebellen herauszukehren – begeistert dann aber einfach auch durch die Art, wie er dann durch das Auditorium tobt und mit den Zuschauern Performance-Party macht.
Ein besonderer Fall von performerischem Sonnenschein demonstrierte dann die als Gitarristin, Bassistin und Sängerin tätige Nina Sluizenga, die ihre Instrumente mit einer solchen Energie beackerte, dass nicht nur ihre Haare, sondern im übertragenen Sinne auch die Fetzen flogen. (Tatsächlich meinte sie nach der Show, dass es ihr im Grunde genommen egal sei, ob sie gerade einen Bass oder eine Gitarre unter habe und beide Instrumente mit derselben wilden Attitüde beackere.) Ähnlich körperbetont hatten Marathon auch auf dem Orange Blossom Special agiert – nur dass man das, was sie da auf der Bühne trieben, in der Harmonie dank der Rockpalast-Ausleuchtung dann auch sehen konnte.
Ganz ähnlich war das dann auch beim Auftritt von Lucy Kruger & The Lost Boys, die bei eigenen Shows (und auch bei ihrem Auftritt auf dem OBS 26) eher gerne aus den Schatten heraus agieren; die ja auch in der Musik eine wichtige Rolle spielen. Freilich passte das Rockpalast-Setting eigentlich ganz gut zum Wesen des neuen Albums „Pale Bloom“ (von dem der Löwenanteil des präsentierten Materials stammte), das für Lucys Verhältnisse geradezu leichtfüßig und luftig daher kommt. Die Sache ist dabei die, dass sich Lucy Kruger als Künstlerin nicht mit dem Replizieren bestimmter Formate zufrieden gibt (selbst, wenn sie diese selbst erfunden hat), sondern sich verlässlich unzuverlässig von Projekt zu Projekt neu aufstellt: Auf eine Flüster-Phase zu Beginn der Lost Boys-Laufbahn, folgte eine zornige Phase und auf dem Album „Heaving“ kamen verstärkt elektronische Elemente hinzu. Diese sind jetzt wieder weitestgehend passé, denn auf dem Album „Pale Bloom“, auf dem sich Lucy mit Erinnerungen beschäftigt, gibt es eine Entwicklung hin zu fast schon konventionellen Songstrukturen zu beobachten.
Aber kommen wir mal zu der Show in der Harmonie: Dass Lucy Kruger immer noch an ihrem Bandnamen „Lost Boys“ festhält, ist mittlerweile schon seltsam, denn nachdem Lucy ihre Partnerin Liú Mottes und ihre südafrikanische Freundin, die Viola-Spielerin und Multiinstrumentalistin Jean-Louise Parker zu festen Bandmitgliedern gemacht hatte (und mit Sally Brown (Plattenbau) in Bonn gar noch eine echte Bassistin dabei hatte), ist der letzte verbliebene „Lost Boy“ im Grunde der Drummer Martin Perret, der aber zusätzlich zumindest noch für ein wenig Elektronik-Flair sorgte. Musikalisch geht es bei Lucy Kruger nie um den musikalischen Abriss – sondern um das Erzeugen und (meistens) Auflösen von Spannungen – meist, indem die Songs sich vom Flüstern zum Orkan verdichten. Logischerweise war das auch in der Harmonie der Fall.
Wie schon seit einiger Zeit üblich beginnt die Performance damit, dass Lucy das Publikum fixiert und zu hypnotisieren sucht, bevor sie dann – meist mit Sprechgesang – in die Performance der Band einsteigt, dann gelegentlich zur Gitarre greift und letztlich dann auch als inbrünstige Sängerin reüssiert. Wie gesagt bestand das Material aus den Songs der neuen Scheibe. Insbesondere bei balladeskeren Nummern wie „Bloom“, „Nectarine“, „Woolf“ oder „Fawning“ kam dann ein melodischer, songorientierter Aspekt ins Spiel, den es früher eher weniger im Wirken von Lucy Kruger gegeben hatte.
Gelegentlich aufgelockert wurde das Programm mit einigen „Hits“ vom „Heaving“-Album wie „Howl“, „Auditorium“ oder „Pray“ (das mit dem Slogan „Hey Girl Let’s Go“ nicht nur eine Aufforderung zum Tanz, sondern gar einen Mitsing-Part zu bieten hat). Für Musiknerds von Interesse war der Umstand, dass die elektronischen Parts dann (dank Sally Browns stoischem Bassspiel) elegant in eine organische Richtung umgebogen wurden. Andererseits sorgte diese dann in den wenigen druckvollen Nummern von „Pale Bloom“ etwa „Damp“ oder „Ambient Heart“ dann auch für die notwendige Bodenhaftung. Für die nötigen atmosphärischen Störfeuer sorgten dann Jean-Louis mit ihrem nervenstarken Viola-Gesäge und Líu Mottes mit ihren Gitarrenattacken. Unter dem Strich präsentierten Lucy Kruger & The Lost Boys mit dieser Show dann durchaus neue Facetten ihres Tuns und zeigten sich auch dieses Mal zum Glück verlässlich unzuverlässig.
Im Herbst wird die OBS-Nabelschau im Rockpalast dann mit weiteren Acts fortgesetzt, die auf dem Festival bereits aufgetreten waren.












































