Hoffnung und Wut offenbaren die Pole, zwischen denen sich die Gefühle bewegen, die Joe Jackson erfassen, wenn er auf sein England blickt. Selbst aus einer Arbeiterfamilie stammend und durch erfolgreiche Platten, vor allem in den 1980ern, den sozialen Aufstieg erlebt, kennt das Leben der unteren Schichten, hat aber auch die nötige Distanz, um Ironie walten zu lassen. Mit rotziger Attitüde listet er in raunendem Sprechgesang „Errungenschaften“ moderner Freizeitkultur auf. Willkommen in „Burning-By-Sea“, einem fiktiven Küstenstädtchen mit Seebrücke, Erlebnispark, Shopping Mall und Fast-Food-Restaurants. In „End Of The Pier“ kehren wir noch einmal dorthin zurück. 1922 bereitet sich eine Familie auf einen Ausflug ans Meer vor, eine kleine Belohnung für die Plackerei in der Arbeitswoche. Und dann der Sprung ins Jahr 2022. Eine vergleichbare Szene. Aber warum losfahren, wenn man sich die ganze Welt auf den Bildschirm holen kann? Und überhaupt, wer will denn noch auf die Seebrücke, auf der nostalgische, aus der Zeit gefallene Unterhaltungsshows für ewig Gestrige geboten werden (denn dafür steht die englische Redewendung „end of the pier“). Ein Seemannschor schmettert ein paar Lalalas. Und dann geht die ganze Chose in Flammen auf. Wie auf dem Plattencover. Jackson, dandyhaft mit einer Tasse Tee in der Hand, hat sich abgewandt. Schaut er frustriert oder doch optimistisch in die Ferne? Der Schlusssong klingt jedenfalls versöhnlich. Geige und Bratsche werden gezupft und gestrichen, Jacksons Gesang fast croonerhaft. Das Handy ist ausgestellt, der Blick verweilt auf Sandburgen bauenden Kindern am Strand, man könnte sich einen Sundowner genehmigen.
Nein, wir lassen uns nicht runterziehen von dieser Welt, die Gott zum Lachen bringt. Aber ein bisschen Sarkasmus darf’s schon sein. „Made God Laugh“ ist einer dieser Popsongs, wie er auch auf die Erfolgsalben „Night And Day“ und „Body And Soul“ passen würde. Mit hübschen Melodielinien am Klavier, den auf- und absteigenden Gesangsharmonien, dem groovenden Bass von Jacksons ewigem Wegbegleiter Graham Maby und Teddy Kumpels Gitarrensolo. In „After All This Time“ legt der Gitarrist einen Carlos Santana-Sound über einen perkussiven Latin-Beat, der auch „I’m Sorry“ prägt. „Fabulous People“ begleitet den armen Billy nach Sodom-on-Sea, offensichtlich eine „LGBTQIA+“-Hochburg. Und der bedauernswerte Billy ist einfach nur heterosexuell. Jackson betrachtet das alles mit einem Augenzwinkern, die Pianotöne perlen, Mabys Bass pluckert, das „Night And Day“-Gefühl ist endgültig zurück, ohne dass sich Jackson selbst kopiert. Dazu klingen die Songs zu frisch, wie eine Meeresbrise, die über den Pier herüberweht. „The best thing is to laugh“ singt Jackson im aufgeräumten „Do Do Do“-Sixties-Pop mit straightem Schlagzeugbeat.
Joe Jacksons erste sechs Platten waren stilprägend. An diese Zeit schließt „Hope And Fury“ nahtlos an. Sorgten Jacksons Annäherungen an Klassik oder Musical für wenig Begeisterung, so gelangen ihm mit „Rain“, „Fool“ oder dem Music Hall-Album „Max Champion In »What A Racket!«“ in den letzten Jahren bereits wieder äußerst hörenswerte Werke. „Hope And Fury“ aber besticht mit einem bunten Strauß an Arrangement-Ideen und einer feinen, keineswegs bösartigen Ironie, die eher einem lakonischen Schulterzucken gleicht: „I’m not falling off the world’s end“. Humor ist dann doch die beste Waffe in Zeiten wie diesen. Dieses Album will kein politisches Statement sein, wohl aber eine kritische Sozialstudie, ohne dass die kompositorische Form dem lyrischen Inhalt untergeordnet wird. Große Kunst. Jackson nennt’s „Bicoastal LatinJazzFunkRock“.
„Hope And Fury“ von Joe Jackson erscheint auf earMUSIC/Edel.



