Dass sich die norwegische Songwriterin Juni Habel mit ihrem neuen Album „Evergreen In My Mind“ auf eine Reise zwischen Traum und Realität begäbe, heißt es in der aktuellen Bio. Das kann man natürlich so sehen – aber da eben nie so richtig deutlich wird, was nun Traum und was Realität sein soll – und zudem der Begriff „Evergreen“ im Titel steht – ist anzunehmen, dass es auch um das Aufgreifen von Erinnerungen geht – zumal diese ja (wie auch Träume) ja keine faktische Wissenschaft darstellen. Der inhaltliche Aspekt spielt dabei aber sowieso nur eine untergeordnete Rolle, da sich die Atmosphäre des Albums eher über den Klang und die musikalische Intention erschließt.
Prinzipiell ist das Album als Neo-Folk-Projekt angelegt, bei dem der Gesang Junis mit dem offensichtlich typisch norwegischen Vibrato (Ane Brun) im Vordergrund steht und die von nur wenigen Effekten und rhythmischen Akzenten unterlegte akustische Gitarrenarbeit einen beiläufigen Charakter ausstrahlen soll. So jedenfalls haben sich das Juni und ihr Produzent Stian Skaaden ausgedacht und die Songs dann erst mal in ruhigen Ecken ihrer Wohnung eingespielt. Freilich ist es gar nicht so einfach, den Eindruck von Mühelosigkeit, die diese Aufnahmen dann auszeichnen, auf der technischen Ebene zu erreichen, denn die Songs mussten dann schon mehrfach aufgenommen werden, um die richtige Wirkung zu erzielen.
Der Hörer bekommt davon nichts mit, denn tatsächlich klingt das Ganze dann beiläufig und mühelos – was aber die emotionale Wirkung und die transzendente Wirkung der Aufnahmen eher noch steigert; besonders dann, wenn etwa im Falle des Titeltracks „Evergreen In Your Mind“, „Colours Close To Me“ oder dem abschließenden „Statues“ mit gedoppelten Stimmen gearbeitet wird oder wenn im Falle der Instrumentals „Pearl Cloud Song“ oder „Gitarhum“ dann noch zusätzliche Instrumente, Field Recordings und psychedelische Effekte ins Spiel kommen.
Auch wenn die Scheibe im akustischen Song-Setting angelegt ist, handelt es sich nicht um ein klassisches Folk-Album – denn zum einen hat Juni Habel mit klassischen Folk-Narrativen nicht viel am Hut und zum anderen legen die Sound-Treatments, Tweaks und eingestreute Field-Recordings, Effekte, Overdubs und besonders die zahlreichen nonverbalen Gesangseinlagen nahe, dass es Juni Habel und Stian Skaaden eher um Atmosphären und Klänge ging, als um das Erzählen von Geschichten. Die Songs wurden offensichtlich mit analogem Equipment aufgenommen – was einerseits zwar zu einem warmen, organischen Klangbild führt, aber andererseits auch zu einem deutlich hörbaren Bandrauschen. Das wäre in heutigen Zeiten eigentlich nicht mehr notwendig; was dann zu Abzügen in der B-Note dieses songwriterisch und performerisch ansonsten absolut überzeugendem Album führt.
„Evergreen In Your Mind“ von Juni Habel erscheint auf Koke Plate.




