„Ich muss in einer Punkband sein und gleichzeitig freie Improvisation spielen und gleichzeitig Lieder spielen. Alles gleichzeitig – sonst funktioniert keine der Praktiken für mich.“ So definiert sich Wendy Eisenberg auf ihrer Web-Page selbst. Inzwischen in Brooklyn heimisch, hat sich Eisenberg 2015 mit einer Sammlung von „Early Works“ erstmals mit Leftfield-Folk-Sounds präsentiert, und sich seitdem in einer Vielzahl verschiedener Projekte in vielen verschiedenen Disziplinen in Sachen Jazz, Improvisation, Folk, Artrock, Noise-Punk, Rock, Avantgarde, neuer Musik und sogar in Sachen Singer/Songwritertum geübt – auch in Form von Kollaborationen und oft eben auch gleichzeitig auf mehreren Ebenen.
Dass Eisenberg sich nun – mit dem selbst betitelten Album „Wendy Eisenberg“ – erneut mit Singer-Songwriter-Akzenten in einem eher jazzigen Weird-Folk-Setting präsentiert, hat einige interessante Gründe. Als Eisenberg 2020 nach einer abgeschlossenen Ausbildung am New England Conservatory Of Music vom ländlichen Massachusetts ins urbane Brooklyn übersiedelte, kam schnell eine Sehnsucht nach der pastoralen Grundstimmung der ländlichen Wahlheimat (die sich im hektischen New York ja nicht so schnell finden wird) auf. Dabei orientierte Eisenberg sich musikalisch bewusst in Richtung Folk und Country und ließ sich von Künstlern wie Michael Hurley, Joanna Newsom, Van Dyke Parks oder David Lynch inspirieren – bzw. am unkonventionellen Ansatz, den diese jeweils in ihrer Kerndisziplin zum Thema machten.
Hinzu kam noch eine revelatorische Erkennungsreise, auf persönlicher Basis, die Eisenberg zu der Erkenntnis brachte, dass es keinen Sinn machen würde, weiterhin zu versuchen, den Erwartungshaltungen anderer (gegebenenfalls eingebildeter) Personen entsprechen zu wollen. Das führte dann dazu, dass sich Eisenberg mit einer Gruppe vertrauter, gleichgesinnter Musiker zusammentat – darunter der Bassist Trevor Dunn, der Schlagzeuger Ryan Sawyer und die Co-Produzentin Mari Rubio, die sich um Pedal Steel, Synthesizer und Streicharrangements kümmerte. So sollte die eigene Vision kollaborativ in einer geschlossenen Community ungestört umgesetzt werden.
Eine weitere Prämisse, unter der die neue Songsammlung entstand, war die, dass es „weniger darum ging, zu sehen, wozu die Gitarre fähig sein könnte, als vielmehr darum, die inhärente Fremdartigkeit der Sprachen zu akzeptieren, die sie in den letzten anderthalb Jahrhunderten gesprochen hat.“ Dazu muss man wissen, dass sich Eisenberg bei vielen der bisherigen Projekte eher auf die instrumentalen Fertigkeiten an Gitarre und Banjo konzentrierte.
Das Ergebnis klingt dann dementsprechend ungewöhnlich. Denn während es sich bei den zehn neuen Songs klanglich tatsächlich zunächst mal um akustisch eingespielte Tracks in verschiedenen Schattierungen handelt, geht es eben nicht um typische, klassische Folk-Songs – jedenfalls nicht in Sachen Struktur, Harmonieführung, Arrangements und Stilistik. Hier finden Eisenberg und die MitstreiterInnen immer wieder Mittel und Wege, um aus dem vertrauten Schema in meist wagemutiger und experimenteller Hinsicht auszubrechen und ihre ganz eigene Weltsicht zum Ausdruck zu bringen.
Das geschieht etwa in Form der kammermusikalischen Streicherarrangements (weswegen die Van Dyke Parks-Referenz so wichtig ist), in harmonischer oder performerischer Hinsicht. Hier kommt dann wieder die eingangs erwähnte Ungebundenheit ins Spiel, denn oft genug wird auch vom Folk-Setting abgewichen und es kommen auch elektrische und elektronische Elemente im Band-Kontext zum Tragen – während sich Eisenberg mit verstiegenen Phrasierungen, abenteuerlichen Harmoniewendung und einer Prise gesanglicher Hysteria als Alice im Wunderland der unberechenbaren Klangwelten gebärdet. Das kommt um den Preis der allgemeinen Zugänglichkeit daher. Wer sich indes auf den allgemeinen Flow einlässt, der wird auch in der Singer/Songwriter-Welt von Wendy Eisenberg seinen Spaß haben.
„Wendy Eisenberg“ von Wendy Eisenberg erscheint auf Joyful Noise/Cargo.




