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Nachdem die Hamburger Musikerin lùisa mit ihrem letzten, von Tobias Siebert produzierten Album „New Woman“ – mitten in der Pandemie – ein starkes Statement in Sachen Empowerment vorgelegt hatte, stieß sie bei den Verhandlungen zu ihrem nächsten Projekt dann an jene Grenzen, die ausschließlich Songwriterinnen auch heutzutage im traditionell patriarchalisch geprägten Musikbusiness immer noch gerne aufgezeigt werden. Einen internationalen Pop-Produzenten wollte Mann ihr vor die Nase setzen und weniger edgy solle sie schon klingen und wie alt sie denn sei und wie es mit der Familienplanung aussähe, wollte Mann von ihr wissen (und das in Excel-Tabellen eintragen, um das Preis/Leistungsverhältnis analysieren zu können). „Ich hatte dann das Gefühl, dass meine Vision als Musikerin und Musikproduzentin irgendwie nicht mehr so unterstützt wird und eine andere Vision davon, wie meine Musik klingen soll, im Raum stand.“ Eigentlich eine logische Entscheidung für eine Künstlerin, die gerade erst als Support für Simply Red bei einer Stadientour gezeigt hat, dass ihre eigene Vorstellung von dem, was für sie gut und richtig befindet, ja auch ohne künstlerische Kompromisse zu realisieren ist.
Kurz entschlossen nahm sie die Sache selbst in die Hand, richtete sich ein kleines Studio in einer Garage ein und lernte erst mal die Techniken, die ein Produzent und/oder Tontechniker im Studio beherrschen muss, um die Magie aus der Musik herauszukitzeln, bevor sie sich dann daran machte, ihr neues Songmaterial dann mit ihren Bandmusikern live im besagten Studio einzuspielen. Um die Kontrolle über ihr Material auch nach den Aufnahmen in der Hand zu behalten, vertraute sie sich dem Label-Service RecordJet an, der quasi alles, was ein Label macht, auch anbietet – ohne dass die Künstler gezwungen werden, ihre Master-Rechte abzutreten, und auch als Vertrieb funktioniert. Heute ist lùisa demzufolge nicht nur ihre eigene Produzentin, sondern im übertragenen Sinne auch ihr eigenes Label.
Auf diese Weise entstand dann das neue, vierte Album „Call Me The Witch“, auf dem lùisa dann die Wut über die Gegebenheiten des Business, die sich in ihr aufgestaut hatte, als kreative Triebfeder nutzte, ihre neuen Empowerment-Songs energiegeladen auf ein neues künstlerisches Level zu heben – und zwar in Eigenregie. Grund genug, lùisa gerade zu diesem Zeitpunkt mit unseren zehn Fragen zu konfrontieren.
1. Was ist deine Definition von „guter Musik“?
Dass sie ein ganz starkes Gefühl transportiert. Dass sie einnimmt und in eine andere Welt entführt und dass man durch sie die Welt mit einem wunderschönen Zauber oder einem tiefen Zauber wieder wahrnehmen kann. Dass die Musik dich an einen anderen Ort transportieren kann, ist mir besonders wichtig.
2. Was war der wichtigste Einfluss bei den Aufnahmen zur neuen Veröffentlichung?
Ich habe unglaublich viel Kate Bush gehört. Ich habe sehr, sehr viel War On Drugs gehört und sehr, sehr viel Fleetwood Mac. Und das sind alles Bands und Künstlerinnen aus verschiedenen Epochen oder auch Genres. Aber ich glaube, gerade Kate Bush hat mich bei dieser Platte sehr inspiriert, weil sie ja auch Musikproduzentin war und auch sehr unabhängig ihre Musik auch im Audio Engineering komplett selbst gestaltet hat. Das ist für mich unglaublich und das finde ich unglaublich toll, weil sie natürlich auch eine Pionierin ihrer Zeit war, damals die Strukturen noch verkrusteter waren als jetzt, wo man ja auch viel selber machen kann.
3. Warum sollte jeder deine neue Veröffentlichung kaufen?
Ich würde sagen, dass „Call Me The Witch“ eine Platte ist, die hoffentlich inspirieren kann, die eigene Wut produktiv zu nutzen und auch zu sehen, dass trotz der dunkleren Zeiten, in denen wir uns bewegen, man ja noch viel Magie im Alltag finden kann.
4. Was hast du dir von deiner ersten Gage als Musiker/-in gekauft?
Das ist ja schon lange her. Wir haben uns ja 2011/2012 erstmals getroffen und meine erste „richtige“ LP kam ja 2015/2016 heraus. Es war auf jeden Fall ein Instrument, das ich mir von meiner ersten Gage gekauft habe – aber ich überlege gerade, ob es entweder ein Synthesizer war oder eine Gitarre. Aber es war auf jeden Fall wieder irgendwie ein verrücktes Instrument.
5. Gab es einen bestimmten Auslöser dafür, dass du Musiker/-in werden wolltest?
Ich glaube, meine eigene Liebe als Musikhörerin war wahrscheinlich ausschlaggebend. Ich habe wirklich meine ganze Jugend immer sehr viel Musik gehört und hatte dann irgendwann das Gefühl, dass ich selber Songs schreiben muss. Ich glaube eigentlich, dass zuerst das Fan-Sein von Musik da war, bevor ich eigene Songs geschrieben habe. Ich wurde auf jeden Fall auch von meiner Familie als Musikerin gefördert. So durfte ich Klavierunterricht und Gitarrenunterricht nehmen und hatte auch einen
Bruder, der unglaublich versiert war mit neuen Platten und CDs. Und das heißt, dass ich da immer sehr viel neue Musik kennengelernt habe. Und dann habe ich in der Schule eben auch angefangen, in so einer Art Punkband zu singen. Und so nahm dann alles seinen Lauf.
6. Hast du immer noch Träume – oder lebst du den Traum bereits?
Ich würde sagen, ich lebe meinen Traum bereits. Gerade jetzt, wo ich komplett unabhängig bin und auch als Musikproduzentin arbeiten kann, ist das – glaube ich – für mich ein sehr großer Traum, der gerade wahr wird.
7. Was war deine größte Niederlage?
Ich glaube, die Niederlagen waren immer welche, die nicht direkt etwas mit Musik zu tun hatten. Die Konzerte waren immer toll, das Musikschreiben ist toll. Aber ich finde, die Musikstrukturen selbst fühlen sich für mich oft so an, wie eine Niederlage – in dem Sinne, dass ich quasi als Künstlerin das Gefühl habe, dass man viele Hürden zu überwinden hat und mit Doppelstandards konfrontiert wird. Man hat dann auch immer so dieses Gefühl, so richtig nicht reinzupassen oder dazu zu gehören, zu jung zu sein, zu alt zu sein, zu schwierig zu sein, zu dies zu sein, zu das zu sein. Ich glaube, das war für mich dann auch der springende Punkt, zu sagen: Ich nehme diese Rolle und mache sie mir zu eigen und sage so: „Call Me The Witch!“
Ich glaube, es ist wichtig, alles zu nehmen, was man an Dunkelheit oder an Wut oder an Traurigkeit fühlt – und das kann man dann alles umwandeln in etwas Schönes. Das ist das Tolle an Kunst, dass man alles umwandeln kann – und das ist die Idee hinter „Call Me The Witch“.
8. Was macht dich derzeit als Musiker/-in am glücklichsten?
Immer noch Konzerte zu spielen – live zu spielen vor richtigen Menschen. Gerade in Zeiten von Social Media und in unserer digitalen Welt ist immer noch dieses gemeinsame Konzerterlebnis so wichtig. Und mich macht tatsächlich auch das Audio Engineering – also alles, was wirklich so den sehr tüfteligen Sachen bei der Musikproduktion zu tun hat – irgendwie unfassbar glücklich. Ich liebe es einfach, stundenlang an einem Sound zu werkeln. Andere mögen denken: „O Gott – wie nervig“ – aber ich finde es irgendwie ganz toll. Es macht mich mega-glücklich.
9. Welches ist das schlechteste Lied, das je geschrieben wurde?
Es ist sehr schwer, das an einem Lied festzumachen, aber es gibt ja wirklich Lieder, die rassistisch sind oder die frauenverachtend sind. Und ich finde, das sind immer die schrecklichsten Lieder – wenn sie Hass verbreiten und wenn sie Werte verbreiten, die eigentlich nicht zusammenführen. Das kann man durch die Bank so weg sagen, finde ich.
10. Wer – tot oder lebendig – sollte auf deiner Gästeliste stehen?
Ich muss da wirklich Kate Bush sagen, weil ich glaube, wenn ich vor ihr ein Konzert spielen dürfte, wäre das einfach super schön.
Ich hatte jetzt auch gerade diese große Situation, als ich bei Simply Red Support gespielt habe. Das war dann so, dass da wirklich Ikonen, die ich selber sehr, sehr mag und musikalisch ganz toll schätze, sich mein Set anhörten. Die waren ja aber nicht auf der Gästeliste, denn das war ja ihre Show. Es ist aber auf jeden Fall ein irres Gefühl, wenn jemand zuguckt, den man selber sehr, sehr schätzt – aber irgendwie stachelt es einen dann auch an, alles zu geben.
„Call Me The Witch“ von lùisa erscheint auf RecordJet.




