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Ein bisschen chaotisch
Die Tour zu seiner letzten Studio-LP „Yesterdaze“ hatte Jesper Munk ja noch mit seiner Band The Cassette Heads absolviert (und dabei in der Domstadt zur Vorweihnachtszeit ein erstaunlich breit gefächertes, generationenübergreifendes Publikum angezogen). Auf seiner diesjährigen „Fast Solo Tour“ (Jesper wurde begleitet von der visuellen Künstlerin Maria Secio) ging es aber um etwas anderes, als etwas, das Album erneut musikalisch zu bewerben. Die Tour, die nach einer abenteuerlichen Autofahrt in Köln ihren Anfang nahm, stand in etwa unter dem Motto „Best Of“ und präsentierte Jesper – bestens gelaunt, aber nach eigener Einschätzung etwas verplant und chaotisch – sozusagen im Freistil-Modus mit einer bunt zusammengewürfelten Mischung aus alten Tracks, neuen Stücken und vor allen Dingen seinem gesamten Repertoire aus abenteuerlich verbogenen Coverversionen, die er ja seit Jahren erfolgreich in sein Live-Repertoire einbindet und dabei mit immer wieder neuen interpretatorischen Ideen aufwartet.
Nachdem er die anwesenden Fans teils persönlich begrüßt hatte, arbeitete sich Jesper – alleine bewaffnet mit einer elektrischen Gitarre und dem hauseigenen Klavier – gut aufgelegt, mit viel improvisatorischer Energie, erstaunlich druckvoll/rockig – dabei aber versöhnlich im Plauderton und mit einigen amüsanten Anekdötchen – durch das Programm. Mittels eines Beamers, diversen Digitalkameras und analogen optischen Effekten begleitete Maria Secio dabei Jespers Auftritt mit einer live erzeugten psychedelischen Video-Installation, die dann recht gut zu der recht lebhaft ausgeführten Show des Meisters passte. Dass dieser an diesem Abend dann vom Erscheinungsbild her mit einer gewissen Bowie-Aura auftrat, war sicherlich nur ein optischer Zufall – passte dann aber ganz gut zu dem Umstand, dass Munk Jacques Brels „Port Of Amsterdam“ in der von Bowie inspirierten Akustik-Version im Programm hatte.
Da es auf dieser Tour offensichtlich nicht um eine Ego-Nabelschau ging, waren es tatsächlich die Coverversionen, die (wohl auch Jesper selbst) am meisten Spaß machten. Sei es, dass er beim Little Walter Gassenhauer „My Babe“ (einer der wenigen geradlinigen Blues-Referenzen, die er auch heute noch im Programm hat) streckenweise auf das Gitarrenspiel verzichtete und den Song alleine mit Fingerschnippen interpretierte, Luke Kellys Anti-Kriegssong „Salford Town“ mit manischer Energie dem Dubliners-Folk-Modus entriss, seinem Vater Rainer Germann mit dessen Song „Europe By Train“ ein Denkmal setzte oder die Geschichte von seiner Oma erzählte, die sich von ihm ein Weihnachtslied gewünscht hatte, und dann von ihm Tom Waits „Christmas Card From A Hooker In Minneapolis“ vorgespielt bekam.
Die aktuelle Studio-LP „Yesterdaze“ spielte – wie gesagt – keine große Rolle. Neben dem Track „Not To Lie“ fand noch „Ivory Tower“ den Weg auf die Setlist – wobei Jesper dann erstaunt feststellte, dass der Song in der Piano-Version sich auf einmal in Richtung „Imagine“ bewegte. Dafür gab es dann ein wenig Post-Punk-Power mit dem Track „Struggle Street“, den Jesper mit dem Bandprojekt Public Display Of Affection eingespielt hatte. Auch eingangs „Courage For Love“, der EP-Titel „Fishing Hook“, der Reverend Gary Davis-Track „Death Don’t Have No Mercy“ (ursprünglich eine Gospel-Nummer) gerieten gegen Ende der Show zu rockigen Ganzkörpererfahrungen. Das hing auch damit zusammen, dass Jesper seinen Gitarrensound mit mächtig viel Overdrive und Grunge-Power-Effekten aufgemotzt hatte. Gegen Ende der Show gab es dann mit dem Anti-Sexismus-Track „Mary At The Station“ noch einen neuen Song, den Jesper seit einiger Zeit – je nach Inspiration und Tagesform – improvisatorisch ausgestaltet (dieses Mal mit einer betont zornigen Note).
Kurzum: Diese Show von Jesper Munk gefiel zum einen durch das vergleichsweise intime Wohnzimmer-Setting und zum anderen gerade deswegen, weil er hier Stücke versammelt hatte, die eben nicht zu seinen eigenen Greatest Hits, sondern zu seinen persönlichen Best-Of-Favoriten gerechnet werden dürfen – und diese dann auch noch in ansprechend originellen Versionen gespielt wurden, die zudem erheblich von jenen abwichen, die er zuletzt auf der Best-Of-Live-Scheibe mit den Cassette Heads präsentiert hatte.


















