Steve Hackett und Steve Rothery sind viel beschäftigte Musiker. Hackett trägt die Fackel der stilprägenden Zeit von Genesis, dessen Gitarrist er war, weiter und setzt immer wieder neue Schwerpunkte in der Präsentation der Alben zwischen 1971 und 1976 – kombiniert mit Songs aus seinen zahlreichen Soloalben. Rothery, Gitarrist und Gründer von Marillion, hat seine Band nach dem Abtauchen ihres Frontmanns Fish mit dem Sänger Steve Hogarth neu aufgestellt. Beide Gitarristen touren fleißig, so dass es nach ersten Ideen acht Jahre dauerte, bis sie ihr gemeinsames Projekt „The Roaring Waves“ fertigstellen konnten. Es ist ein Instrumentalalbum geworden, ein siebenteiliges Klanggemälde über die Schönheit, Poesie, Gewalt, Gefahren und Untiefen der See, eine Folie für Erinnerungen und Träumereien, ein Angebot, sich seinen eigenen Film zu visualisieren.
Rothery ist in Whitby, einer Kleinstadt an der Nordseeküste von North Yorkshire, aufgewachsen. Hackett hat er dorthin eingeladen, um ihm ein Gefühl für Meer und Landschaft zu vermitteln. „Sandsend“ evoziert das Bild von zwei Männern, die auf das still daliegende Wasser hinausschauen und ihren Gedanken nachhängen. Wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich.
Das Album beginnt mit Meeresrauschen und Möwenschreien, dräuenden Streichern, heulenden, sich auftürmenden Gitarren wie bedrohliche Wellen, ein Donner, Leon Parr peitscht die Drums, bis eine Pink Floyd-artige Gitarrenmelodie für eine Entladung sorgt. Am Ende beruhigt sich die See wieder. Nicht nur „The Storm“ feiert ein Fest für Gitarrenfans ohne Schneller/Höher/Weiter-Anspruch. Passend dazu zeigt Simon Wards Cover ein Schiff, das versucht, dem Sturm mit seinen tosenden Wellen zu trotzen.
Der Titelsong „The Roaring Waves“ beginnt mit einer akustischen Gitarre, streicherartige Keyboards setzen die Atmosphäre, über der elegische Gitarren schweben. Man meint das Branden der Wellen zu hören. „K-129“ vertont die Geschichte eines sowjetischen Atom-U-Boots, das aus mysteriösen Gründen nach der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags sank. Er beendete zwar die Kuba-Krise, nicht aber den Kalten Krieg, denn nach wie vor patrouillierten U-Boote. Umgesetzt in monotone Rhythmen, Echolot-Töne und ein zunehmend klaustrophobisches Bedrängnis mit klagender Gitarre. Am Ende ziehen sich beide Gitarren aneinander hoch. Hochfliegend wie die Pläne der Amerikaner, das gesunkene U-Boot aus 5000 m Tiefe zu bergen.
Das Gegenstück bildet „Pacific Coast Highway“, ein bluesrockiger Road-Song mit Hacketts Mundharmonika, einem treibenden Drum-Beat, Orgel-Passagen und Synthesizer-Sequenzen. Zunächst erwartet man fast, dass Chris Reas Gesang einsetzen könnte. Mit Tempo geht es die Prachtstraße an der Pazifikküste entlang, dabei gäbe es so viel zu sehen. Man scheint es eilig zu haben. Erst für die letzte Minute besinnt sich der Fahrer, ein Chor aus Mitgliedern der Hackett- und Rothery-Familien ertönt, eine Flöte.
Riccardo Romano sorgt in „Red Dragon“ für keltische Untertöne, streut zudem Dudelsack- und Sitar-Klänge ein und macht sich nicht nur an den Keyboards verdient, sondern auch als Bassist, Co-Autor und Mixer. „The Black Sea“ stellt ein Paradebeispiel für das kongeniale Zusammenspiel der beiden Gitarristen dar. Eingerahmt durch das Knistern einer alten Schallplatte scheint das Stück alte Mythen zu assoziieren. Was wird sich hier alles zugetragen haben? Was birgt die dunkle See? Friedrichs „Mönch am Meer“ taucht in Gedanken auf. Ein Mensch am Strand, kaum erkennbar, die Augen sinnend auf die düsteren Wogen gerichtet. Ein Zurückgeworfensein auf die eigene Endlichkeit, wenn Himmel und Erde, Jenseits und Diesseits miteinander verschmelzen. Ein Einhalten, das in der aufgeregten Welt von Arbeitsverdichtung, Freizeitstress und Social Media-Wahnsinn guttun würde.
„The Roaring Waves“ von Steve Hackett & Steve Rothery erscheint auf InsideOut Music/Sony Music.




