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Bereits seit zehn Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit der immer wieder überraschenden Laufbahn der amerikanischen Songwriterin Courtney Marie Andrews – deren Wirken als Session- und Tour-Musikerin für so unterschiedliche Acts wie Jimmy Eat World, Milow oder Damien Jurado dem holprigen Start ihrer Songwriter-Karriere voranging. Nachdem Courtney Marie Andrews ihren kompletten Back-Katalog von 2008 bis 2013 vom Netz genommen hatte, war es schließlich ihr 2017er Durchbruchs-Album „Honest Life“, mit dem die Sache als Songwriterin in eigenem Namen so richtig in Schwung kam. Seither schafft es die heutzutage in Nashville lebende Musikerin bis heute, uns mit jeder neuen Veröffentlichung auch neue Facetten ihrer künstlerischen Perspektiven zu präsentieren.
Nachdem sie sich zuvor bereits an klassischen Cosmic American-Vibes, Rock-Sounds sowie eher klassischem Folk-Flair versucht hatte, auf ihrem 2020er Pandemie-Album „Old Flowers“ das Klavier als Leitinstrument wieder entdeckte und ihr letztes Album „Loose Future“ dezidiert eher als melancholisches Country-Album konzipierte, kommt ihr neues Werk „Valentine“ im Gewand eines klassischen Old-School-Handmade-Pop-Albums mit einer eher positiven Grundhaltung daher – allerdings nicht um jeden Preis, wie sich zeigt.
In den Texten und den Videos zur aktuellen LP tummelt sich eine ganze Riege an unterschiedlichsten Charakteren und Stereotypen: Clowns, Betrüger, Masochisten, Millionäre, Kannibalen, Freaks, Henker, Engel, Sirenen und Schmetterlinge. Das wirft die Frage auf, ob Courtneys Leben in letzter Zeit so viel extremer geworden sein mag? „Ja“, bestätigt Courtney diese Vermutung lachend, „das hast du richtig verstanden. Während ich an dieser Scheibe arbeitete, wurde ein Mitglied meiner Familie mit einer tödlichen Krankheit diagnostiziert und ich pflegte sie dann bis zu ihrem Tod. Ich befand mich zusätzlich in einer verwirrenden, sich entwickelnden Liebesgeschichte. Es fühlte sich für mich an, als ginge alles auf einmal durcheinander. Das war dann wahrlich ziemlich extrem.“
Darf man im Falle von Courtney Marie Andrews eigentlich davon ausgehen, dass sie in ihren oft in einem konversationellen Stil angelegten Songs oft mit sich selbst ringt? „Oh ja – absolut“, bestätigt sie diese Vermutung, „ich denke, dass meine Songs die beste Art sind, über mich und mein Verhältnis zur Welt zu lernen. Es geht auch darum, Mitgefühl für die Charaktere und Geschichten um mich herum zu entwickeln. Das ist so wichtig.“
Was bedeutet Musik als solches für die Künstlerin Courtney Marie Andrews? „Das ist etwas Spirituelles für mich“, führt Courtney aus, „ich bin keine religiöse Person, sondern eine spirituelle Person. Ich habe keinen direkten Zugang zur Religion und keinen konkreten Glauben oder so etwas. Aber wenn ich ein Stück Musik höre, dann fühlt sich das für mich an, als mache das Leben Sinn. Es ist einfacher, das Leben zu bewältigen, wenn es von der Musik begleitet wird. Sowohl Musik zu hören als auch zu spielen hat mir in schwierigen Zeiten stets geholfen.“
Kommen wir mal auf den Titel des Albums „Valentine“ zu sprechen – der ja vor allen Dingen für einen romantischen Seinszustand steht. „Ich durchlebte ja diese schwierige Phase in meinem Leben, als eine wirklich wichtige Person aus meinem Leben im Sterben lag“, führt Courtney aus, „und die andere Sache, die mich beschäftigte, war die, dass ich auf eine ziemlich holprige Art erwachsen werden musste. Ich dachte also darüber nach, welchen Einfluss meine Erziehung auf meine Beziehung zu dieser Person gehabt haben mochte und woraus sich die Verzweiflung ergab, mit der ich mich nach dieser Person verzehrte. Wir sind hier beim Thema Limerenz – diesem verzweifelten, obsessiven Sehnen nach einer gegebenenfalls unerwiderten Liebe. Die Scheibe hat sich dann aus dem drängenden, obsessiven Gefühl entwickelt, jemanden wirklich zu brauchen. Ich komme dann aber im letzten Song ‚Hangman‘ zu der Auflösung, dass ich so nicht mehr weiterleben möchte und diese Sache nicht wirklich brauche: ‚Don‘t wanna live playing hangman’ anymore’. Ich wollte einfach lieben. Mir wurde dann klar, dass ich von der Liebe in dieser düsteren Phase meines Lebens gelernt habe. Das geht tiefer als der eigentliche, romantische Begriff ‚Valentine‘.“
Was ist denn die Schlussfolgerung, zu der Courtney gelangte? „Nach dem letzten Song der Scheibe fühlte ich mich in meiner Haltung und meinen Gefühlen ermächtigt und bestätigt.“ Hat der Titel des Albums auch damit zu tun, dass das Album in einem Studio namens „Valentine“ aufgenommen wurde? „Nein – das war nur ein seltsamer Zufall“, erklärt Courtney, „ich hatte das Album schon ‚Valentine‘ genannt, bevor wir das Material dann auch in einem Studio namens ‚Valentine‘ eingespielt haben.“
Courtney veröffentlichte vor kurzem ja ihren bereits zweiten Gedichtband „Love Is A Dog That Bites When It’s Scared“. Gibt es für Courtney eigentlich eine Abgrenzung zwischen Gedichten und Songtexten? „Typischerweise verweilen die jeweils in ihrer eigenen Welt“, führt Courtney aus, „es gibt gelegentlich aber auch eine Querverbindung. Beispielsweise ist der Titel meiner neuen Gedichtsammlung eine Zeile aus einem Song, den ich 15 Jahre lang nicht fertig bekommen konnte. Mir wurde dann irgendwann klar, dass das daran lag, dass es keine Songzeile, sondern der Titel eines Buches war. Es kommt auch mal vor, dass Zeilen aus Songs in Gedichten landen oder umgekehrt. Aber ich setze mich nicht hin und wähle aus meinen Texten Gedichte und Songtexte aus. Ich weiß einfach, was was ist. Songs ergeben sich meistens aus konkreten Konversationen – auch mit mir selbst – und mit Gedichten versuche ich einen philosophischen Ort zu erreichen – wenn du weißt, was ich meine – ich grübele da sehr viel mehr aus meinem Inneren heraus.“
Was hat Courtney und Jerry dieses Mal musikalisch inspiriert? „Meine Inspiration für dieses Album war tatsächlich Lee Hazlewood“, berichtet Courtney, „ich wollte diesen Big-70s-Studio-Sound. Ich mag aber auch das Big Star-Album ‚Third’ – das so düster und aus den Fugen geraten ist – denn ich wollte auch solche Elemente. Mein Partner Jerry Bernhardt und ich haben dann alle Instrumente außer den Drums selbst gespielt. Wir haben in diesem historischen Studio namens Valentine in L.A. aufgenommen, wo es viele Vintage-Synthesizer-Instrumente gibt und Jerry hat auch ein paar eigene mitgebracht. Wir haben uns dann gesagt: ‚Mal sehen, welche klangliche Palette wir damit hinbekommen‘.“
Lässt sich Courtney dann auch davon inspirieren, was sie selber gerne hört? „Ich höre zurzeit viel Jazz wie Thelonious Monk“, zögert sie, „ich höre auch viel Blossom Deary – eine unterbewertete Jazz-Sängerin aus den 60ern – also ältere Jazzmusik. Die Intention ist dabei, die Freiheiten einer Jazz-Performance in meiner eigenen Musik bei Live-Shows zum Ausdruck zu bringen. Auch wenn ich Folk- und Country-Songs spiele, versuche ich so stets, sie immer wieder anders zum Ausdruck zu bringen – ohne dabei direkt in eine jazzige Richtung zu gehen.“
Auf „Valentine“ finden sich neben den Pop-Elementen auch solche, die sich der Psychedelia zurechnen ließen. Ist das Absicht? „Interessant, dass du das sagst, denn meine frühen Scheiben, die heute nicht mehr bekannt sind, waren sehr viel experimenteller“, berichtet Courtney, „ich habe ‚Honest Life‘ damals zum Spaß als Country-Album angelegt, um mich ein bisschen von dem abzuwenden, was ich bis dahin gemacht hatte. Aber ich wollte eigentlich immer experimentieren. Ich wollte zwar schon klassische Alben machen – aber immer mit diesem gewissen Extra, das du nicht erwartest. Das fühlt sich dann mehr nach mir selbst an. Für diese neue Scheibe haben wir das auch gemacht. Es sollte sich ja wie eine Reise anfühlen und die sollte dann auch unerwartete Überraschungen enthalten. Ich habe mal jemanden sagen hören: ‚Überraschter Künstler – Überraschtes Publikum‘. Wenn wir als Künstler uns selbst überraschen können, dann wird auch unser Publikum überrascht sein. Und das ist es, was ich anstrebe. Das ist es auch, was ich bei meinen Live-Shows anstrebe.“
Was hat Courtney eigentlich während der Pandemie gemacht – als sie nicht touren konnte? „Ich habe viel gemalt und ich habe meine erste Gedichtsammlung geschrieben“, berichtet Courtney, „ich bin eine Person, die gerne etwas zu tun hat und die sich schwer damit tut, einfach herumzusitzen. Für mich war das wie eine Art kreativer Lehrzeit. Ich habe jeden Tag irgendetwas gemacht – sei es einen Song geschrieben, ein Gedicht verfasst oder ein Bild gemalt. Für mich war das ganz gut, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt ständig auf Tour gewesen war und mir nie Zeit für eine kreative Auszeit nehmen konnte.“
Braucht Courtney dann überhaupt noch eine Motivation? „Nun, ich habe Phasen, in denen ich viel schreibe“, überlegt Courtney, „ich glaube, der Grund, warum ich auch male oder Gedichte schreibe, ist der, dass ich es mag, mich fortwährend selbst herauszufordern. Das hat auch ein wenig von dem Druck genommen, Songs schreiben zu müssen. Wenn ich dann wieder auf das Schreiben von Songs zurückkomme, fühlt sich das wieder neu und spannend an.“
Was ist denn die größte Herausforderung für Courtney? „Ich glaube ehrlich daran, zu arbeiten, nicht zwei Mal das Gleiche zu machen“, antwortet sie, „und neue und interessante Themen zu finden, die ich erforschen könnte. Und mich selbst anzustoßen. Ich denke, das ist auch immer wie eine Reise.“
„Valentine“ von Courtney Marie Andrews erscheint auf Loose Future/Thirty Tigers.




