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Smoke Gets In Your Eyes
Auf dem letztjährigen Reeperbahn Festival präsentierte Laura-Mary Carter erstmals die Songs ihres Debüt-Albums „Bye Bye Jackie“, mit dem sich die hauptberufliche Gitarristin des Rock-Duo-Projekts Blood Red Shoes auch als Songwriterin flügge gemacht hatte, nachdem sie zuvor mit der EP „A Town Called Nothing“ nach einem längeren US-Aufenthalt auf den Geschmack gekommen war. Damals war Laura-Mary mit einer kompletten Band für ihren Auftritt im Molotow Club angereist. Nun, auf ihrer ersten Headliner-Tour, war das aus Kostengründen leider nicht mehr möglich, sodass die Gute bei ihrem Gig im Berliner Lark-Club alleine mit dem Gitarristen David Bardon (der allerdings die LP produziert hatte) auf der Bühne stand. „Ich verliere dennoch Geld auf dieser Tour“, erklärte Laura-Mary nach der Show. Ein bisschen tragisch ist das schon – denn letztlich spielt Laura mit Steven Ansell als Blood Red Shoes öfter in ausverkauften größeren Hallen. Aber obwohl das Publikum im Lark offensichtlich überwiegend aus BRS-Fans bestand (jedenfalls nach dem Optischen zu urteilen), fanden sich dann nur etwas über 50 zahlende Gäste im Lark-Club ein; die dann allerdings nach der Show nahezu alle das Album oder ein T-Shirt erstanden.
Unterstützt wurde Laura-Mary dabei von der jungen Berliner Band Florigin – die gerade dabei ist, ihre Debüt-LP in Angriff zu nehmen, aber seit 2023 als Quartett aktiv ist und demzufolge einiges an Live-Erfahrung vorzuweisen hat. Florigin machen eine Art Space-Power-Pop mit Grunge-, New Wave- und Psychedelia-Elementen. Irgendwie – und vermutlich nicht einmal absichtlich – schaffen sie es dabei, den klassischen 70er-Jahre Berlin-Sound in ihren Kosmos mit einzuweben. Die Sängerin/Frontfrau von Florigin heißt Alina (und nicht etwa Flora), steht als Sängerin, Synthie-Spielerin und Gitarristin zur Verfügung und schafft es mit ihrer angenehm souveränen – aber total unblasierten – Bühnenpräsenz mühelos, das Publikum für sich einzunehmen. Vielleicht sollte die Band demnächst mehr auf die Qualität ihres brillanten Songmaterials (mit lustigen Titeln wie „Space Sun“, „Kaleidodope“ oder „Kangaroo“) vertrauen als auf ihre Effektpedale – denn da wäre weniger mehr gewesen, wie am Ende deutlich wurde, als Alina mit ihrem ungefilterten Gitarrenspiel die ansonsten dominierende Edgyness ein wenig aus dem Spiel nahm. Vielleicht war es ja ganz gut, dass das Publikum aus BRS-Fans bestand, denn etliche dieser Fans zeigten sich angetan vom Wirken der Florigins und griffen ordentlich beim Merch zu (das zurzeit nur aus T-Shirts besteht). Das hat man nicht so oft bei Support-Bands (insbesondere dann, wenn diese musikalisch nichts mit dem Headliner zu tun haben) – was dann für die Qualität des Florigin-Konzeptes spricht. Florigin ist eine Band, die man als Indie-Rock-Fan unbedingt auf dem Schirm haben sollte.
Während Laura-Mary Carter bei den Blood Red Shoes auf der Bühne so ziemlich alles tut, um bloß nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, hatte sie bei der erwähnten Show im Molotow ganz neue Qualitäten als freundlich lächelnde Bandleaderin entwickelt. Vermutlich, weil ihre „Band“ in diesem Fall nur aus ihrem Kumpel David Bardon bestand, der mit E-Gitarre und Mini-Keyboard (dessen Rhythmusmaschine dann den Drummer markierte) die anderen Musikanten ersetzen musste – und es somit keine Center-Position zu besetzen gab – orientierte sich Laura-Mary im Lark-Club dann nach der rechten Bühnenhälfte, während David die linke besetzte. Dabei stand die Künstlerin dann im Halbschatten direkt neben einer Nebelmaschine, die pausenlos ihre Arbeit verrichtete, so dass Laura-Mary dann eher schemenhaft zu sehen war. Mal eine Anregung: Es hätte nichts dagegen gesprochen, wenn David und Laura in der Bühnenmitte direkt nebeneinander gestanden hätten, denn Laura spielt ihre Gitarre auf rechts, während David ein Linkshänder ist.
Sei es drum: Das Programm bestand dann logischerweise aus den Songs des Albums, dem Titeltrack und dem Song „Blues Not My Colour“ von der EP sowie dem einminütigen Love-Song „777“, den Laura als Teaser für das Album eingespielt hatte. Neues eigenes Material hatte Laura schon alleine deswegen nicht schreiben können, weil das nächste Blood Red Shoes-Album bereits in Arbeit ist. Nur so viel: Laura gedenkt auch, ihre Solo-Karriere bei nächster sich bietender Gelegenheit songwriterisch fortzusetzen. Und damit wären wir beim Thema Musik: Bei einem längeren US-Aufenthalt hatte sich Laura intensiv mit der amerikanischen Musikkultur auseinandergesetzt und sich entschieden, ihr aktuelles Material in einem Retro-Americana-Setting anzulegen. Der Geist von Lee Hazlewood und Patsy Cline schwebt da also ebenso durch die Klangwelten des Albums wie ein gewisses Hippie-Feeling, klassischem Girlie-Pop und ein Hauch von Prairie Hometown Companion-Flair.
Das wurde dann auch bei der Duo-Show im Lark hinreichend zelebriert. Laura im romantischen Sommerkleid und David im eleganten Rockstar-Sakko arbeiteten sich durch ein halbakustisches Setting (denn Laura selbst spielte nur Akustik-Gitarre) und präsentierten im Wesentlichen eine solide Americana-Show. Irritierend in dem Zusammenhang waren dann eigentlich nur die Ansagen im klassischen Bristol-Akzent – aber da muss man dann durch, wenn man in Sachen Kultur-Crossover unterwegs ist. Probleme mit dem Monitor-Sound und Brendans übereifriger Einsatz eines Tremolo-Hebels sorgten für einige schräge Töne, aber ansonsten ließ man sich als Zuhörer gerne in Lauras melancholische, bittersüße Dreampop-Welt einlullen. Ein Fan steckte Laura zu Beginn der Show eine riesige Rose zu, die sie später dann, wenn sie selbst ein Mal die Gitarre zur Seite legte und sich erstaunlich souverän als Croonerin empfahl, noch ein Mal als Stage-Prop zum Einsatz brachte. So etwa bei dem Track „Tell Me You’re Sorry“. Die romantische Note des wunderhübsch dahin komponierten, hochmelodiösen Materials wurde so natürlich noch ein Mal unterstrichen (was insofern witzig ist, als dass es Laura gar nicht um die Romantik geht, sondern eher um Ernüchterung und den Kampf gegen ein mögliches Imposter-Syndrom).
Nach gut einer Stunde war die Sache dann auch schon wieder vorbei, denn mehr Material hat Laura ja – wie gesagt – noch nicht auf Tasche. Und selbstverständlich blieb für irgendwelche BRS-Bezüge kein Raum in der Show, denn Laura machte schon früh deutlich, dass sie die beiden Projekte bewusst auseinander halten will – zumal sie ja als Solo-Künstlerin mit ihrer natürlichen Gesangsstimme singt und sich als Vokalistin gesanglich nicht an Steven Ansell anpassen muss. Den Fans schien das aber sehr gut zu gefallen – auch denen, die sich durch ihre Lederklüfte als Rockfans auswiesen. Diese nutzten dann auch die Gelegenheit, mit der sympathischen Künstlerin nach der Show noch mal ins Gespräch zu kommen (was bei BRS-Shows ja grundsätzlich nicht so einfach möglich ist). Kurzum: Mit dieser Show zeigte sich Laura-Mary Carter charmant und zugänglich von einer ganz anderen Seite, als jener, die wir von ihr bereits kennen – und diese steht ihr ganz außerordentlich gut zu Gesicht.






















