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Eigentlich arbeitete der englische Songwriter Michael Weston King im Frühjahr 2024 gerade zusammen mit seiner Frau Lou Dalgleish an einem neuen Album für das gemeinsame Country-Soul-Projekt My Darling Clementine, als das Schicksal unbarmherzig zuschlug: Als Michael und Lou in der Nähe ihres Wohnortes in Wales bereits an ersten gemeinsamen Songs im Studio arbeiteten, schockte der Amoklauf in der englischen Stadt Southport die Öffentlichkeit, bei dem der jugendliche Attentäter drei kleine Mädchen bei einer Danceparty erstach (und weitere schwer verletzte). Eines dieser Mädchen war Michaels Enkeltochter Bebe.
Die Arbeit an dem gemeinsamen Projekt fühlte sich danach nicht mehr richtig an, sodass Michael und Lou beschlossen, eine kreative Auszeit zu nehmen, um mit der Situation umgehen zu können. Letztlich suchte Michael dann Zuflucht in der Musik und schrieb einige neue Songs, die sich direkt oder indirekt auf den Schicksalsschlag beziehen – und schuf somit die Grundlage für sein neues Solo-Album „Nothing Can Hurt Me Anymore“ – das ursprünglich in dieser Form gar nicht geplant war.
Wie ist Michael das neue Album dann angegangen? Denn nicht alle Stücke beziehen sich direkt auf die Southport-Geschichte. Hat er komplett neu angefangen? „Nun, es gibt sechs Songs auf dem Album, die sich direkt oder indirekt mit dem Ereignis, Bebe verloren zu haben, beschäftigen“, berichtet Michael, „und zwar nicht nur direkt und spezifisch das Ereignis, sondern auch die Folgen davon betreffend. Ich dachte aber, dass es für den Hörer ein bisschen zu schwer wäre, wenn ich ein ganzes Album diesem Thema gewidmet hätte. Zwei der Songs, die ich für das Clementine-Album vorgesehen habe und die jetzt auf dem Album sind – ‚Field Of Our Own‘ und ‚Into The West‘ – handeln zum Beispiel davon, unser Leben ein bisschen neu aufzustellen. Wir sind aus der Stadt nach Wales aufs Land gezogen und schauen uns jetzt das Leben unter einem etwas langsameren und spirituelleren Gesichtspunkt an. Wie auch der Song ‚Grow Old With Me‘ – handeln diese Stücke etwa vom Altern. Ich bin ja jetzt 64 und muss mich damit arrangieren. Und dann hatte ich noch einige ältere Stücke wie ‚A Mother Pride‘, den ich über meine Mutter geschrieben habe – und die es dann sowieso nicht auf ein MDC-Album geschafft hätten. Meine Mutter ist vor 20 Jahren gestorben und da sie einen großen Einfluss auf meine musikalische Prägung hatte – sie hatte eine große Singles-Sammlung und ihr Held war Cliff Richard – dachte ich, dass der Song passend wäre.“
Worauf hat sich Michael denn fokussiert, als er an dem neuen Album arbeitete? „Ich habe einfach geschrieben, was aus mir herauskam“, erklärt Michael, „und als ich dann die älteren Songs auswählte, habe ich darauf geachtet, dass diese dann zu dem passten, was ich neu geschrieben hatte und textlich zumindest zum Thema der Scheibe entsprachen. Das waren dann Songs, die zwar gut waren, aber noch keine Heimat gefunden hatten. Das hat damit zu tun, dass die Songs, die für My Darling Clementine geschrieben werden, sehr spezifisch sein müssen. Ich habe also eine Menge Songs im Regal, die nicht zu MDC passen. Songs wie ‚When I Grow Old‘ oder ‚Mother’s Pride‘ haben auf diese Weise aber hervorragend zu diesem Projekt gepasst.“
Michaels verstorbener Freund und Songwriter-Kollege Jackie Leven sagte einmal, dass er bewundere, wie Michael bei seinem komplizierten Lebenswandel so einfache, geradlinige Songs schreiben könne. Ist das heutzutage auch noch ein Anliegen Michaels? „Jackie bezog sich damit wohl auf die Zeit, wo ich mit meiner Scheidung von meiner ersten Frau zu tun hatte“, erinnert sich Michael, „mein Leben hat sich dann ja dankenswerterweise gegenüber früher auch vereinfacht, als ich älter wurde. Ich denke, dass ich heutzutage schon einige Metaphern in meinen Songs drin habe. Die Sache ist die: Als Lou – die mich nun wirklich besser versteht als alle anderen – das erste Mal dieses neue Album hörte, fragte sie sich auch an einigen Stellen, worüber ich da eigentlich singe. Ich denke einfach, dass ich in der Vergangenheit schon einige einfache Drei-Akkord-Country-Songs geschrieben habe – aber bei diesem Album habe ich einfach das gemacht, was sich mir angeboten hatte. Ich habe nicht bewusst darüber nachgedacht, wie etwas klingen sollte, sondern habe einfach das gemacht, was sich organisch richtig angefühlt hat.“
Was war denn die kreative Herausforderung musikalischer Natur bei diesem Projekt? „Ich weiß nicht so recht – wenn man so lange im Geschäft ist, dann hat man bestimmte Vorgehensweisen. Niemand könnte mir zum Beispiel vorwerfen, zeitgenössische Musik für die Charts machen zu wollen. Ich denke, die größte Herausforderung für Musiker generell ist heute, sich Gehör zu verschaffen. Es gibt heute so viel Musik, dass ich gar nicht darüber nachdenken möchte. Es reicht schon, zehn Minuten auf sozialen Medien zu verbringen, um 20 neue Songs zu entdecken, die in diesen zehn Minuten neu veröffentlicht wurden. Es geht einfach darum, gehört zu werden. Sogar größere Namen haben ja heute Schwierigkeiten, gehört zu werden.“
Was ist denn Michaels Rezept, sich Gehör zu verschaffen? „Ich würde sagen, dass man bei seinen Leisten bleiben muss, das tun sollte, was man kann, glücklich damit zu sein, wenn die Arbeit gut ist, und dann rauszugehen und live zu spielen.“, meint er, „wenn man so lange dabei ist, dann hat man ja hoffentlich eine Kerngefolgschaft – und wenn es nur 2.000 oder 3.000 Leute sind – die dich unterstützen, deine Musik mögen und auf eine neue Scheibe warten. Das ist also schon mal ein Startpunkt. Man hofft, dass diese neue Platte etwas enthält, das sie einem breiteren Publikum zugänglich macht. Man will einfach gute Arbeit machen und wünscht sich, dass die Leute dann auch zu den Konzerten kommen.“
Hat Michael mit diesem Projekt dann seinen Frieden gefunden? „Bei dieser Scheibe war mein Songwriting einfach eine Form der Katharsis“, gibt er zu Protokoll, „ich musste einfach bestimmte Dinge aufschreiben. Und ja: Ich denke, ich habe damit abgeschlossen, denn die Songs, an denen ich jetzt gerade arbeite, beziehen sich nicht mehr direkt auf dieses Ereignis.“
Wie geht es nun weiter mit Michael Weston King – wird es denn bald ein neues My Darling Clementine-Album geben? „Darüber denken wir momentan noch nicht nach“, räumt er ein, „Lou arbeitet auch gerade an einem Solo-Album – da werden wir sehen, wie sich das entwickelt. Ich weiß gar nicht, ob ich daran beteiligt werden soll – denn Lou war an meinem Album auch nicht beteiligt. Das ist das Nächste, was passiert. Wir haben dann auch erst mal eine Menge MDC-Shows, die anstehen. Dafür haben wir die Show geändert und werden da in der zweiten Hälfte auch die neuen Songs spielen und darüber sprechen, was vorgefallen ist – so dass diese zweite Hälfte der Shows ziemlich hart anzuhören sein und mehr so einen Singer/Songwriter-Charakter haben wird. Wenn wir am Ende des Jahres miteinander sprechen, dann werden wir sehen, ob wir dann auch ein neues My Darling Clementine-Album angehen werden – aber dann erst 2027.“
„Nothing Can Hurt Me Anymore“ von Michael Weston King erscheint auf Continental Song City.




