Platte der Woche KW 21/2026
Die neunte Studioproduktion des irischen Songwriters Mick Flannery ist nicht einfach nur seine nächste Songsammlung – sondern sein Magnum Opus. Das Album „The House Must Win“ ist ein Disziplin-übergreifender Soundtrack zu der dieser Tage aufgeführten Theater-Produktion gleichen Namens, die Mick Flannery als Songwriter, Liam Robinson als Produzent und Arrangeur sowie eine beeindruckende All-Star Cast von Musikern und Schauspielern im Stile eines modernen Musicals über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren entwickelten und produzierten und nun als Doppel-Album einspielten.
Die Geschichte von „The House Must Win“ reicht sogar noch weiter zurück, denn das Grundgerüst der Geschichte des entsprechenden Theaterstücks basiert auf den Songs von Flannerys Debüt-Album „Evening Train“, das der damalige Student als musikalische Visitenkarte entwickelte, indem er auf dem Konzeptalbum die Moritat zweier (fiktiver) Brüder erzählte, die in der zwielichtigen Welt von Spielern und Gaunern angesiedelt ist. Kleine Randnotiz: Mick’s echte Brüder David, Bryon und Eamonn Flannery geben auf diesem Projekt ihr Debüt als Musiker.
Vom Ton und Setting her ist das Ganze sicherlich nicht zufällig ähnlich dem Projekt „Hadestown“ von Anaïs Mitchell – denn dieses Musical betreute Liam Robinson dereinst ebenfalls als musikalischer Direktor. Fast schon logisch, dass Anaïs Mitchell dann für den Track „Rising Tide“, eines der vielen Duette des Albums, bereicherte (zumal Flannery bereits 2000 mit der Künstlerin zusammen arbeitete). Neben Anaïs Mitchell und Flannerys Brüdern sind es die Songwriter-KollegInnen Jenn Grant, Jeffrey Martin, Yvonne Daly und natürlich Lisa Hannigan und Susan O’Neill sowie die Folksängerin Marybeth O’Mahoney und die Schauspielerin Tabitha Smyth (die hier auch ihr Debüt als Sängerin gibt), die die anderen Duette mit ihren Beiträgen zum Leben erwecken.
Das Konzept des Projektes ist vergleichsweise komplex: Die Songs des Albums „Evening Train“ wurden allesamt neu arrangiert, inhaltlich und in der Reihenfolge an den Erzählfluss des ganzen Projektes angepasst, im für die Bühnenproduktion entwickelten Sound-Setting neu eingespielt – vor allen Dingen aber ergänzt um zehn neue Songs, die Flannery schrieb, um erstens dem Bühnenprojekt gerecht werden zu können, und um zweitens die Geschichte mit Details ausstatten und vertiefen zu können.
Die Songs von „Evening Train“ erfuhren dabei eher subtile Änderungen. So wurden sie teilweise in der Geschwindigkeit angepasst und entweder entschleunigt („When I Got A Dollar“, „The Rebel“ oder „Take Me With You Then“) oder beschleunigt („Ride On“). Auch wurden die Songs dem Ensemble Sound des Projektes angepasst – wie etwa der Titeltrack, der um Chor-Arrangements ergänzt wurde – oder aber mit zusätzlichen Elementen versehen – wie zum Beispiel mit einem hinreißenden E-Gitarren-Solo in dem Song „Gracie’s Waltz“ oder einem bluesigen Ensemble-Sound und einem verqueren Saxophon-Solo bei dem Song „The Tender“. Die Integration von Bläsern, Streichern und Chören stellt dann auch die größte Änderung hinsichtlich der „Evening Train“-Songs dar.
Müßig zu erwähnen, dass es Mick Flannery mühelos gelingt, mit den neuen Songs Bindeglieder für die Narrative zu finden – ohne diesen Aspekt allzu sehr zu strapazieren. So erfand er neue Charaktere wie „Bonnie Rogue“ oder überließ seinem Bruder David einen erzählerischen Part für den neuen Song „All In“ – einen der wenigen Songs mit Spoken-Word-Elementen. Das ist dann auch der größte Unterschied zu dem „Hadestown“-Projekt, in dem zwar auch Bläser und Chöre dominieren – aber sehr viel mehr erzählt, geredet und kommentiert wird. Selbstredend steht dieses Projekt etwas außerhalb von Mick Flannerys bisherigen Oeuvre – überzeugt und beeindruckt dafür aber umso mehr.
Dass sich Flannery hier als Interpret noch deutlicher zurücknimmt, als bei seinen anderen Kollaborativen Projekten, hat einen einfachen Grund – denn bei diesem Projekt geht es nicht so sehr um den Songwriter und Performer Mick Flannery, sondern um die erzählte Geschichte und das in der Gemeinschaft erarbeitete Konzept. Dass er trotzdem auch gelegentlich als Performer und Instrumentalist musikalische Ausrufezeichen setzt, liegt in der Natur der Sache begründet, denn Mick Flannery ist einer jener Musiker, die nicht von überspitzter Intellektualität, sondern von einem inneren Drang getrieben werden – was sich auch auf diesem Album manifestiert.
„The House We Met“ von Mick Flannery erscheint auf One Riot Records



