Martin Kohlstedt ist ja schon ein rechter Schelm. Während er auf seinem inzwischen siebten Album „Kluft“ mit rätselhaften Andeutungen, kryptischen Track-Titeln und erstaunlich songorientierten, verspielten Klangräumen experimentiert, erweckt der Weimarer Musikus auf der Bühne ja regelmäßig den Eindruck, mit geradezu diebischer Freude zu Werke zu gehen, wenn er seine Tagesform musikalisch in atemberaubenden Improvisationen offenbart, die er im Feedback mit dem Publikum – oder aber im Dialog mit anderen Musikern – entwickelt. Aber auch in Bezug auf die selbstironischen Videos, die er mit der Regisseurin Karien Bravo für das neue Projekt „Kluft“ entwickelte, zeigt Kohlstedt ironische Distanz und Mut zur Selbstironie. Das soll nicht heißen, dass Kohlstedt hier in Sachen Comedy unterwegs ist – aber doch zumindest mit Freude am Tun agiert und das Projekt so zu mehr macht als einem bloßen Container für seine musikalischen Ideen.
„Kluft“ bezeichnet im täglichen Sprachgebrauch eine Lücke oder einen Raum zwischen konkreten Objekten – kann aber auch als Trennlinie begriffen werden. Beides ist Kohlstedt bemüht, mit seiner Musik auf möglichst lebendige Art zu füllen. Dabei sind die mit je drei Versalien bezeichneten 12 Tracks des Albums im Vergleich zu früheren Projekten stärker „songorientiert“ aufgebaut und konkreter konzeptionalisiert. Aber letztlich stellen die mit recht unterschiedlichen musikalischen Mitteln eingespielten Stücke nur eine Momentaufnahme im Kohlstedt-Kosmos dar und werden ihr Potential erst mit der Zeit im Live-Kontext offenbaren. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn Kohlstedt die im Studio alleine angelegten Stücke „RAH“ und „MOD“ in entsprechenden Live-Videos mit den aus Aline Patschke, Michael Nagler und Dave Daniel Bönsch bestehenden Projekt Three Drummers interpretiert – wo dann auch wieder die Aspekte der diebischen Freude am Tun ins Spiel kommen.
Es gibt keinen direkten roten Faden, der die 12 neuen Stücke auf der musikalischen Ebene zusammen hielte: Mal agiert Kohlstedt zurückhaltend, mal transzendent, mal monumental, mal organisch, mal elektronisch, mal solistisch und mal orchestral – oft genug aber auch auf vielen Ebenen gleichzeitig. Von der ursprünglichen reinen Lehre der Neo-Klassik hat er sich schon lange abgesetzt und agiert auch dieses Mal in einem Grenzbereich zwischen klassischer Eleganz, jazziger Leichtigkeit, elektronischer Präzision, verspielter Clubtauglichkeit und ambientmäßiger Zurückhaltung. Tatsächlich ist da in gewisser Hinsicht für jeden etwas dabei – vorausgesetzt man hat eine Neigung zu wortloser Konzeptmusik. Das liegt auch daran, dass sich Kohlstedt nie zu selbstverliebter Daddelei hinreißen lässt, sondern sich zum songorientierten Konzept bekennt und auf epische Breite verzichtet.
„Kluft“ von Martin Kohlstedt erscheint auf Edition Kohlstedt/Kick The Flame.




