Platte der Woche KW 36/2026
Irgendwann kommt wohl jeder Musiker, der es geschafft hat, sich musikalisch über die 27er-Club-Marke hinauszuhalten, an den Punkt, wo er mit einigem Erstaunen feststellt, dass der Lauf der Zeiten auch vor dem sensibelsten Künstler nicht halt macht. An genau einem solchen Punkt sind Aidan Moffat und Malcolm Middleton – pünktlich zum 30-jährigen Arab Strap-Jubiläum – mit dem dritten Longplayer seit dem Reset im Jahre 2016 nun offensichtlich angekommen. Jedenfalls lässt Moffat als Sprachrohr der Band die letzten 30 Jahre, seitdem die schottische Band aus dem musikalischen Ei gekrochen ist, aus der persönlichen Perspektive des knorrigen Veteranen Revue passieren.
Der Titel des Albums deutet dabei zum einen an, dass noch nicht alle Geschichten aus-erzählt sind – andererseits aber auch, dass sie gegebenenfalls gar nicht mehr erzählt werden können; jedenfalls dann, wenn es um Charaktere geht, die nur noch in der Erinnerung des Dichters leben – beispielsweise in allegorischen Tracks wie „Mr. Splitfoot“, „Dollar Park“ oder „Fragments“, in denen sich Erinnerungen, Träume und Reality-Checks auf geradezu poetische Weise miteinander verquicken. Tatsächlich fällt auf, dass Moffat hier als Texter mit geradezu versöhnlicher Demut zu Werke geht, anstatt wie früher alles rauszurotzen, was ihm gegen den Strich zu gehen scheint. Altersmilde nennt man das wohl.
Das wird besonders deutlich in den Songs, in denen er mit einer gewissen Wehmut auf das Thema „älter werden“ eingeht, seine grauen Haare und die Malaisen des Alters auflistet. Zuweilen tut er das mit Wehmut – etwa in dem Song „Glamour Magick“, aber manchmal kommt dabei dann sogar so etwas wie ein versöhnliches Liebeslied wie „You You You“ dabei heraus, in dem Moffat attestiert, dass das alles gar nicht so schlimm ist, so lange es Menschen gibt, auf die man sich verlassen kann. „With a rose in my fist and a song in my lungs I reach for a hand and I’ve got you, you, you (15 x on repeat)“ singt er da und bringt den Sinn des Lebens dabei irgendwie ja auch auf den Punkt.
Aber auch andere Themen, die aus (seiner) Zeit gefallen sind, behandelt Moffat. Beispielsweise die schöne neue Wunderwelt der Social-Media-Trapfalls („Be A Man“), die lärmende Öffentlichkeit, die ihm als sensibler Künstler aufgezwungen wird („I Got Noise“) oder die Versprechen der Kosmetik-Industrie, das Altern durch Tinkturen und Pillen aufhalten zu können („Glamour Magick“). Und die Politik behandelt Moffat in dem Track „Fighting For You“ – eine Art Satire auf selbsternannte Agitatoren und Freiheitskämpfer. Und dann ist da noch der Track „Sunsong“ – ein folkiges Loblied auf die belebende Kraft des Sonnenscheins. Alles in allem – so lässt sich sagen – ist das Arab Strap-Universum also auch inhaltlich im Laufe der Zeit durchaus größer geworden.
Musikalisch machen Arab Strap auch dieses Mal keine Gefangenen – und gehen sogar noch einen Schritt weiter als bislang und packten alles auf die Scheibe, was bei den Aufnahmessions anfiel, anstatt zu selektieren. Das vermittelt einen ziemlich umfassenden Eindruck dessen, was die Jungs dieses Mal alles ausprobierten. Von knackigen Gitarrenriffs, donnernden Drums, Italo-Disco, Metal-Incantations, Post-Rock, Folk und Electronica ist da die Rede in der Bio – und das alles stimmt auch so; erklärt aber noch nicht die Faszination, die in der Kombination verschiedener Elemente von den Songs selbst ausgeht. Denn hier werden nicht einfach Ideen aneinandergereiht, sondern in äußerst clever konstruierte und musikalisch äußerst zugängliche Songs eingepasst. Gesungen wird selbstverständlich nicht – aber das hätte man von jemandem, der den Sprechgesang zu einer eigenen Wissenschaft gemacht hat, ja auch nicht anders erwartet. Dafür gibt es auf der anderen Seite aber jede Menge musikalische Fixpunkte, an denen man sich als Hörer orientieren kann. „Half-Told Tales“ ist also am Ende – trotz des Titels – keine halbe Sache.
„Half-Told Tales“ von Arab Strap erscheint auf Rock Action Records.



