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Wuchtig!
Elliott Smith sorgt bei seiner Rückkehr in den Kölner Prime Club runderneuert für magische Momente und beweist, dass er in seiner Gewichtsklasse ungeschlagen ist. Mit alten Weggefährten aus dem Umfeld seiner Band Heatmiser an seiner Seite, lässt der vom Leben gebeutelte amerikanische Troudabour dabei fast vergessen, dass er gesundheitlich so angeschlagen ist, dass sogar die eigentlich vereinbarten Konzertfoto auf Wunsch des Managements ausfallen müssen.
Zum Warmwerden gibt es Oranger. Die Psych-Rock-Band aus Sand Francisco hat unlängst auf Poptones, dem neuen Label von Creation-Records-Guru Alan McGee, sein zweites Album namens „The Quiet Vibration Land“ veröffentlicht und wer darin ein Zitat aus der Rock-Oper „Tommy“ von The Who erkennt, ahnt schon, was für ein Spektakel das Quartett auch auf der kleinen Bühne des ehemaligen Luxors abbrennt. Oranger geben sich zwar spürbar unwirscher als Elliott Smith, aber durch ihre Liebe zu einem ungefilterten 60-Sound sind sie allemal Brüder im Geiste.
Spätestens seit der Veröffentlichung seines fünften Soloalbum „Figure 8“ steht fest, dass die Parallelen der Karrieren von Elliott Smith und Bob Dylan mehr als nur zufällig sind. Während Elliott auch von Beginn an fast nur eigene Songs spielte, verlegte sich Tourgefährtin Mary Lou Lord – sozusagen die Joan Baez zu seinem Dylan – lieber aufs Covern und spielte gerne Songs von Smith.
Ganz wie beim großen Vorbild war Lord für kurze Zeit wesentlich populärer, aber am Ende machte doch Smith das Rennen in puncto Erfolg. Wie Dylan wandte sich auch Smith nach rein akustischen Alben einem wesentlich volleren Bandsound zu, zunächst im Studio und dann auch live, und wie die Folkrock-Ikone der 60er musste auch Smith für diesen Sinneswandel Tiefschläge von seinen Fans einstecken.
Doch spätestens seit der Veröffentlichung von „Live 1966 (The ‚Royal Albert Hall‘ Concert)“ wissen wir, dass Dylan damals zu Unrecht ausgebuht wurde. Und Smith? Der brauchte – genau wie der Mann am Soundboard – im proppevollen Prime Club erst einmal ein paar Songs, um warm zu werden. Doch spätestens mit der einfach genialen Bandversion von „Needle In The Hay“, mit dem sich der Mann aus Portland, Oregon, als ungewohnt hart rockender Riffmeister präsentierte, stellte er seine Extraklasse eindeutig unter Beweis.
Das Experiment, seine zerbrechlichen Solo-Akustiksongs in elektrifizierten Fassungen zu spielen, glückte ohne Frage blendend. Kaum wiederzuerkennen waren viele Songs, komplett neu arrangiert und damit mit einer völlig anderen inhaltlichen Ausrichtung versehen – noch eine Parallele zu Dylan übrigens.
Wirklich sensationell aber war aber vor allem Smiths Solo-Zugabenset, bei dem er das begeisterte Publikum nicht nur mit „Angeles“ verzauberte, sondern auch seinen besten Song bisher, „Say Yes“ spielte. Als Publikumswunsch übrigens, eine Parallele zum ersten Prime-Club-Auftritt im Herbst 1998.
Denn Band hin oder her, solo funktioniert der oscarnominierte Amerikaner immer noch am besten und es hätten gerne mehr Solosongs sein dürfen. Wer sich jahrelang gefragt hat, wie sich wohl die Zuschauer auf Dylans legendärer 1966er Tour gefühlt haben – jetzt wissen wir’s!
Am Ende darf man sich sicher sein, das wohl beste Konzert des Jahres gesehen zu haben, gleichzeitig wissen die Eingeweihten aber auch, dass der wortkarge Singer/Songwriter es eigentlich noch besser kann. Doch getreu seiner eigenen Maxime „Gradlinigkeit ist langweilig“ ist es ihm wichtiger, seine Musik neu zu erfinden, als „nur“ Perfektion zu reproduzieren. Dafür gebührt ihm höchster Respekt.




