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Zusammen
Der Name der Schweizer Indie-Pop-Künstlerin Mel D ist nur bedingt lustig gemeint, denn natürlich hat die Bündner Singer/Songwriterin nichts mit den Spice-Girls am Hut – sondern heißt im richtigen Leben schlicht Melanie Danuser. Sei es drum: Mel gebührte die Ehre, am Festival-Freitag auf der Spielbude XL den Schweizer-Showcase Tag einzuläuten, der traditionellerweise frei zugänglich auch für Musikinteressierte ohne Festival-Ticket ist.
Als Musikerin ist Mel D schon etwas länger im Geschäft – und machte seit 2021 mit dem elektronischen Duo Mischgewebe von sich reden. Auf ihrem kurz vor dem Festival veröffentlichten, von Dino Brandao mitprozuzierten Debüt-Album „Young Bones“ überraschte Mel D allerdings mit einer deutlich organisch ausgerichteten Ausprägung ihrer Kunst und präsentierte sich als wandlungsfähige Songwriterin, bei der die elektronischen Elemente nur noch eine untergeordnete Rolle spielen und vor allem akustische Instrumente und folkige Sounds prägend eingesetzt wurden. Bei der Show auf der XL-Bühne überzeugte sie zudem mit rockigen Tönen und erfrischender Spielfreude, die sie und ihre Musiker mit Verve und Engagement präsentierten – das eine oder andere psychedelische Gitarrensolo inklusive.
Bereits im letzten Jahr spielten die Night Tapes auf dem Reeperbahn Festival – aufgrund der Herkunft der quirligen Frontfrau Iiris Vesik im Rahmen des bislang einzigen Estnischen Showcase-Abends. Damals war das in London ansässige Trio auf der Suche nach einem Label, um ihre Debüt-LP „portals//priorities“ auflegen zu können, die dann auch tatsächlich eine Woche nach dem RBF25 erscheinen sollte. Kurzum: In diesem Jahr kehrten die Night Tapes dann für zwei triumphale Gigs auf das Festival zurück – bevor es dann auf große US-Tour gehen sollte. Der erste Gig fand nachmittags im Häkken statt – und obwohl der Name der Band bereits andeutet, dass sie sich nachts auf der Bühne wohler fühlen, als am frühen Nachmittag, hatten die Night Tapes – dank viel Kunstnebel, der einnehmenden Bühnenpräsenz und dem künstlerisch ausgelebten Bewegungsdrang ihrer Frontfrau keine Mühe, das Häkken mit ihrem Mix aus Trip-Hop, Dreampop, Psychedelia und Electronica auch zu dieser Zeit in eine Art überlebensgroßen Dream-Disco zu verwandeln.
Ebenfalls auf der XL-Bühne schaffte es die Schweizer Songwriterin Linda Elys (eigentlich Elsener), eine erstaunlich große, breit gefächerte Zuhörerschaft für ihr Tun zu begeistern. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Linda über die deutsche Casting-Show „The Voice of Germany“ – in der sie immerhin das Finale erreichte – bereits einige Bekanntheit erlangte und diese über ihre Support-Tour mit Milow und ihre erste Headliner-Tour im Frühjahr noch deutlich festigen konnte. Musikalisch hat sich Linda für eine interessante Subnische entschieden – indem sie ihre gefälligen Folk-Pop-Songs in der Art ihrer schottischen Kollegin Amy Macdonald darbietet – also mit unbändiger Energie, Full-Frontal-Vocals und gar einem ähnlichen stimmlichen Timbre. Zweifelsohne ist ihre Performance dann etwas größer als das Alltagsleben ausgelegt – das passte aber dann gut zu der riesigen XL-Bühne, auf der viele Künstler ansonsten gerne ein wenig verloren wirken.
Die aus Manchester stammende Power-Popperin Chloe Slater adressiert in ihren Songs nicht nur persönliche Themen (wie viele ihrer Zeitgenossinnen), sondern auch gerne mal Sozialkritik und Politik. Demzufolge konnte sie es auch nicht lassen, ihre Show im Übel & Gefährlich (in das man an diesem Tag aufgrund des eigenwilligen Aufzugsgebahrens nur mit erhöhtem Körpereinsatz kommen konnte) mit dem Schwenken einer Palästinenser-Flagge einzuleiten. Auch als Performerin macht Chloe Slater keine Gefangenen und betätigte sich im Übel & Gefährlich als veritable Rampensau, die keine Gelegenheit auslässt, das Publikum – mal mit, mal ohne Gitarre – direkt anzugehen und diesem mit ihren „Politrock-Songs“ etwa im Stile des Openers „Sucker“ ordentlich einzuheizen – gleichwohl sie mit Tracks wie „Sinking Feeling“ oder „Harriet“ dann auch mal eine Stufe zurückschalten kann. Hier geht es dann auch mal eher in Richtung New Wave als in Rock-Gefilde.
Die aus Liverpool stammende Songwriterin Sophie Morgan hatte bereits eine Laufbahn als Singer/Songwriterin auf akustischer Basis ins Auge gefasst, als sie sich – zusammen mit ihren Bandkollegen – aus einer Laune heraus entschloss, das musikalische Konzept mit dem Projekt Luvcat (ja – inspiriert von dem Cure-Song) auf eine vollkommen andere Basis zu stellen – und seither in Sachen Drama-, Vaudeville- und Dark-Kook-Pop macht. Offensichtlich war sie dabei zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte als Support-Act für The Last Dinner Party und Paris Paloma auch gleich deren Publikum für sich anzapfen – was dazu führt, dass heutzutage bei Luvcat-Shows das Publikum aus jungen Damen besteht, die gerne sein und aussehen und sich kleiden möchten wie ihre Heldin. Dieser Effekt war bei der Reeperbahn Show im Knust dann natürlich nicht so ausgeprägt, aber dennoch gelang es Sophie und ihrer Band (die aus Mitgliedern der Band Big Society besteht), die Show in eine leicht verrucht wirkende Cabarét-Veranstaltung zu verwandeln, in der die Mörderballaden und Retro-Pop-Elaborate zu filmreifer Geltung kamen. Ein wenig seltsam ist dabei der Umstand, dass sich Sophie Morgan als Performerin immer eine gewisse Distanz bewahrt, die durch die einstudierte Theatralik nicht immer kompensiert wird.
Anschließend gab es – ebenfalls im Knust – einen weiteren Auftritt der Night Tapes zu bestaunen; dieses Mal allerdings einen etwas ausführlicheren als den Nachmittags-Showcase. Auch hier stand dann die bewusstseinserweiternde Performance von Iiris Vesik ganz im Mittelpunkt. Die Bühne im Knust ist zwar wesentlich größer als jene im Häkken – aber selbst die war irgendwie nicht groß genug für Iiris Vesik. Mit weitausholenden, mystischen Dance-Moves, dramatischen Beschwörungsgesten und körperbetonten Wellenbewegungen (die im Übrigen das Thema der LP „portals//polarities“ ausmachen) entführten Iiris und ihre Boys die Zuhörer auf hypnotische, mitreißende Weise in eine Art Schwebezustand, der auch nach der Show noch lange nicht ausklang. Hatte man sich als Zuhörer erst einmal an Iiris ungewöhnliches, hochtöniges, heliumartiges Gesangsorgan gewöhnt, gab es da kein Halten mehr. Night Tapes-Shows sind in diesem Sinne dann im wörtlichen Sinne unwiderstehlich.

































