Platte der Woche KW 20/2026
Für sein achtes Album „Little Wide Open“ tat sich Kevin Morby mit Aaron Dessner (The National) zusammen, der ihm als Produzent und Berater zur Seite stand, um Morbys Prinzip des „Weniger ist mehr“, das er spätestens mit seinem letzten Album „This Is A Photograph“ meisterlich perfektioniert hatte, produktionstechnisch auf ein neues Level zu hieven – wohl auch, um dem Homespun-Charakter früherer Veröffentlichungen entgegen zu treten. Tatsächlich gelang es Morby und Dessner diesem Album dann einerseits eine produktionstechnische Grandezza angedeihen zu lassen, wie es sie im Morbyversum so noch nicht gegeben hatte, dabei aber dennoch den Charme des schrulligen Eigenbrötlers und die musikalische Transparenz vergangener Tage nicht ganz aus den Augen zu verlieren.
Da sind dann auf der einen Seite Stücke wie „Javelin“ – ein fast schon orchestral inszeniertes Opus, das sich mit hymnischen Mitsing-Refrains, jubilierenden Backing-Chören, und verzerrten Breitwand-Akustik-Gitarren in immer neue Höhen schraubt – und andererseits gibt es Tracks wie „All Sinners“ – das im Stile einer typischen Morby-Ballade daherkommt, auf klassischen Band-Sound verzichtet und erst zum Schluss mit einem fulminanten Schlusspunkt endet – oder Folk-Pop-orientierte Songs wie „Junebug“, „100.000“ oder „Dandelion“, die – trotz Fiddle, Orgel-Sounds, Bläsern, Steel-Gitarren oder Banjo-Einlagen niemals ihre offenherzige Transparenz einbüßen. Der Titel des Albums „Little Wide Open“ ist daher auch in musikalischer Hinsicht nicht unzutreffend gewählt (gleichwohl es in dem Track eher um Hoffnungsschimmer geht).
Was dieses Album in besonderer Weise auszeichnet, ist die lyrisch/poetische Art, mit der Morby als Erzähler die großen Fragen des Lebens – Vergänglichkeit, Liebe, Utopia vs. Dystopia, Spiritualität, Zukunftsängste, Weltschmerz, den Lauf der Zeiten und den Sinn des Ganzen – auf fast schon romantische Weise mit sich selbst diskutiert und dabei – trotz oder wegen einer gewissen Nachdenklichkeit – oft genug zu hoffnungsvollen, lebensbejahenden Schlussfolgerung kommt. Der Tenor des Ganzen ist dann etwa: Du kannst dich eh nicht gegen das Schicksal auflehnen, also nimm das Leben, wie es ist, mach weiter und sei froh, dass du nicht etwa schon jung gestorben bist. („Die Young“). Dabei scheut er vor blumigen Aphorismen aus der Natur ebensowenig zurück wie vor geradezu biblischen Metaphern, mit denen er die Zuhörer auf die Reise durch „sein America“ mitnimmt. Auf diese Weise schafft es Morby, ein Album zu erschaffen, das bei aller Besinnlichkeit und aller zur Schau getragenen musikalischen Melancholia am Ende einen geradezu lebensbejahenden, tröstlichen Charakter vermittelt.
Ohne Frage: Musikalische Durchhalteparolen, wie Morby sie hier etwa mit epischen Tracks wie „Natural Disaster“ und „Little Wide Open“ mit sieben bzw. acht Minuten Spiellänge – aber auch knapper verdichtet in Songs wie „All Sinners“ oder „Dandelion“ bzw. mit den musikalischen Reiseberichten „Cowtown“ oder „Bible Belt“ – zum Besten gibt, sind eigentlich genau das, was wir in Zeiten wie diesen brauchen – aber viel zu selten bekommen. Tatsächlich gelingt es Kevin Morby so, ein geradezu notwendiges Album zu machen – dem zudem irgendwie auch anzuhören ist, warum der Mann überhaupt Musik macht.
„Little White Open“ von Kevin Morby erscheint auf Dead Oceans/Cargo.



