Platte der Woche KW 23/2026
A legend in the making: Mit „Eyes Full“ erfindet sich eine der aufregendsten Stimmen des modernen Free Jazz klanglich neu. Anstelle des Tenor-Saxofones stellt der New Yorker Shooting-Star Zoh Amba (they/them) nun Stimme und Gitarre in den Mittelpunkt und kanalisiert so ein Faible für ungefilterten Spiritualismus in genresprengende Songs, die oft ein wenig sperrig und fordernd sind, gerade deshalb aber meilenweit aus der mundgerechten Oberflächlichkeit herausragen, die längst auch die Szene zwischen Indie-Folk und Indie-Rock ergriffen hat. Die Vorfreude auf die stolz von Gaesteliste.de präsentierten Deutschland-Konzerte im November schürt Amba so vom ersten Moment an.
Die rohe Urgewalt und immense Dringlichkeit, die Amba bereits am Saxofon offenbarte, wird nun in höchst emotionale Songs übersetzt, die bisweilen an die intensivsten Momente von Big Thief erinnern. Wo viele andere Acts im Indie-Universum heute Songs am Reißbrett entwerfen, die dann auch so klingen, hat man hier das Gefühl, dass die Lieder einfach so aus Amba herausbrechen. Bisweilen ähnelt das mehr einem Exorzismus als kontrolliertem Songwriting. Die Stimme klingt rau, ungekünstelt und manchmal geradezu schief, doch genau darin liegt der Reiz dieser LP.
Inhaltlich kreist das Album nicht zuletzt um ein universelles, zutiefst menschliches Bedürfnis: das Verlangen, wahrgenommen zu werden. Ambas Fokus liegt dabei auf den Vergessenen, den Outsidern und den Menschen am Rande der Gesellschaft.
Songs wie die hypnotische Vorabsingle „Another Time“ oder der brodelnde Titeltrack „Eyes Full“ thematisieren das Aufwachsen in der Provinz – Amba stammt ursprünglich aus der 50.000-Seelen-Gemeinde Kingsport im Osten von Tennessee -, das Weglaufen-Wollen und die unausweichliche Erkenntnis, dass einen die eigene Herkunft am Ende doch immer wieder einholt. In Nummern wie „Southern Soil“ oder „Blueberry Thorn“ spürt man förmlich den Staub der Südstaaten-Landstraßen und die emotionale Last, die in diesen Zeilen steckt.
Nachdem sich Amba im Kreise der All-Star-Band Beings mit dem Album „There Is A Garden“ vor zwei Jahren gewissermaßen für ihre Indie-Solokarriere warmgespielt hatte, faszinieren die im Studio zusammen mit Gitarrist Kevin Hyland und Schlagzeug-Legende Jim White (Dirty Three) komplett live und ohne Overdubs eingespielten Coming-of-Age-Songs auf „Eyes Full“ durch ungeschliffene Intimität. Zwischen staubigem Blues, fragilem Appalachian-Folk und eruptiven Indie-Rock-Gitarren Sonic Youth’scher Prägung hat Amba dabei nichts im Sinn haben als die eigene Selbstverwirklichung.
„Eyes Full“ von Zoh Amba erscheint auf 4AD/Beggars Group/Indigo.



