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Für immer zeitlos
Eigentlich stehen bei der diesjährigen Ausgabe des Stuttgarter Marienplatzfestes eher Local Heroes wie Mel D., Cindy Gravity oder Lener auf der Bühne, doch unter all die verheißungsvollen jungen Acts aus Stuttgart und Umgebung hat sich auch eine wirklich legendäre Band mit einer ungleich weiteren Anreise gemogelt: The Bats kommen aus Neuseeland, halfen einst, den sagenumwobenen Dunedin-Sound aus der Taufe zu heben, und haben am dritten Tag der Umsonst-und-draußen-Sause in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt keine Mühe zu beweisen, dass zeitloser Jangle-Pop zwischen Wärme und Wehmut weder altert noch an melodischer Strahlkraft verliert.
Seit sage und schreibe 44 Jahren existieren The Bats nun schon in unveränderter Besetzung, und vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass sich Sänger und Gitarrist Robert Scott, Leadgitarristin Kaye Woodward, Bassist Paul Kean und Drummer Malcolm Grant auch von den technischen Problemen nicht aus der Ruhe bringen lassen, die ihren Soundcheck zu einer zähen Angelegenheit machen – und auch während des Sets dazu führen, dass Woodward wegen eines defekten Gitarrenverstärkers bei einer Nummer nur Luftgitarre spielt, bevor ein Ersatzgerät auf die Bühne gebracht wird.
Selbst 20 Minuten nach der eigentlich anvisierten Auftrittszeit ist das Equipment noch widerspenstig, aber die alten Haudegen reagieren darauf mit bemerkenswerter Gelassenheit und sorgen so für eine fast familiäre Atmosphäre. Als der Mann am Mischpult die Band aus Christchurch irgendwann bittet, noch mal kurz ein Lied anzuspielen, um sicherzugehen, dass jetzt alles funktioniert, entgegnet Scott nur: „Nein, wir fangen jetzt lieber einfach an.“
Es ist genau diese Mischung aus stoischer Beständigkeit und purer Spielfreude, die dieses Auftaktkonzert der kurzen Deutschland-Tournee von The Bats – in den kommenden Tagen stehen noch Konzerte in Landsberg, Heidelberg und Hamburg auf dem Programm – so besonders macht.
Genau das tun sie dann auch, und gleich der erste Song, „Lucky Day“ aus dem aktuellen Album „Corner Coming Up“, unterstreicht, dass The Bats keine nostalgische Pflichtübung im Sinn haben. Denn egal, ob die Songs neu oder alt sind, das Publikum erlebt bei diesem Auftritt in Töne gegossenes blindes Verständnis. Das Zusammenspiel wirkt stets vollkommen mühelos und absolut organisch, und es ist vom ersten Ton an eine Freude, eine Band zu erleben, die über vier Jahrzehnte hinweg ihren Idealen treu geblieben ist und sich dabei den juvenilen Charme bewahrt hat, der ihre legendären Frühwerke auf dem Flying-Nun-Label ausgemacht hat.
Scotts charakteristischer, unaufgeregter Gesang bildet das emotionale Fundament der oft in bittersüße Melancholie verpackten Songs. Darüber legen sich die unverkennbaren, hell schimmernden Gitarrenlinien von Woodward, die ein Wedding-Present-T-Shirt trägt und bisweilen genauso herrlich schrammelt wie David Gedge. Die Rhythmusfraktion aus Paul Kean am prägnanten, melodischen Bass und Malcolm Grant an den präzisen, schnörkellosen Drums treibt derweil die Stücke mit einer subtilen, aber unwiderstehlichen Energie nach vorn.
Wo die Studioaufnahmen der 80er-Jahre oft charmant-lofi und zerbrechlich klingen, agieren The Bats im Jahr 2026 mit einem dichten Live-Sound, der dem Erbe des neuseeländischen Post-Punk alle Ehre macht – oder anders gesagt: Was auf den alles andere als schlechten Platten bisweilen etwas verhalten wirkt, glänzt live mit spürbar mehr Druck und Esprit. Lustig am Rande: Irgendwann entstöpselt Woodward den ob der Sommerhitze auf sie gerichteten Ventilator (engl. fan) und bemerkt augenzwinkernd: „Den brauchen wir nicht, wir haben schon genug Fans!“
Das Set balanciert perfekt zwischen Material neueren Datums und den über Generationen hinweg geliebten Klassikern. Songs vom aktuellen Album wie „Loline“ fügen sich nahtlos in die Reihe alter Favoriten wie „Boogyman“ oder „Smoking Her Wings“ aus den frühen 90ern ein, und dabei haben The Bats keine Mühe, dem psychedelisch umwehten Indie-Pop-Vibe ihrer Songs immer wieder dezent, aber doch spürbar neue Facetten abzugewinnen. Trotz viel Understatement entpuppen sich dabei praktisch alle zwölf Songs des wegen der technischen Probleme am Ende leider nur rund 50-minütigen Sets als unwiderstehliche Ohrwürmer.
Auch wenn The Bats eigentlich mit Nostalgie wenig am Hut haben: Weil es genau 40 Jahre her ist, dass sie ihr Debütalbum „Daddy’s Highway“ im schottischen Glasgow in Angriff genommen haben, geht es mit Songs wie „Treason“, „Block Of Wood“ oder „North By North“ (für das Tourkeyboarder Ryan Fisherman Grant am Schlagzeug unterstützt) zurück zu den frühen Tagen der Band, und Kean ist sichtlich gerührt, dass das kleine, aber feine Publikum auf dem bunt geschmückten Marienplatz die alten Songs aus voller Seele mitsingt.
An anderer Stelle wurde einmal geschrieben, dass The Bats auf der Bühne wirken wie die weisen, tiefenentspannten Stammesältesten des Indie-Pop, die niemandem mehr etwas beweisen müssen, aber es trotzdem gerne tun. Am Ende muss deshalb eine ziemlich sicher eigentlich nicht geplante Zugabe her.
Vielleicht auch, weil jemand im Publikum lautstark danach verlangt, endet das Konzert mit dem wunderbaren „Made Up In Blue“, und gerade in diesem Festival-Setup hätte man sich keinen schöneren Schlusspunkt als diese unverwüstliche, wegweisende Single von 1986 wünschen können.
Als die letzten Akkorde verhallen und sich die Band freudestrahlend von ihrem Publikum verabschiedet, bleibt das Gefühl, an diesem Samstagnachmittag Zeuge eines ganz besonderen Stücks Indie-Musikgeschichte geworden zu sein.


















