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Hot! Hot! Hot!
Gehen zwei Typen über das ausgedörrte Stoppelfeld vor der Bühne des Heimspiels. Meint der eine: „Boah – war das ein geiles Festival.“ Meint der andere: „Jaaaa – das war ein sehr geiles Festival.“ Das ist jetzt zwar nicht besonders lustig und enthält auch keine richtige Pointe – fasst aber sehr schön den Eindruck zusammen, den man von der diesjährigen Edition des Familienfestivals am Rheingau gewonnen haben könnte. Das hatte Gründe. Zum einen gab es in diesem Jahr keinen Regen (ansonsten ein echter Mood-Killer), dafür aber strahlenden Sonnenschein durchweg – auch wenn die drückende Hitze dann doch ganz schön den Bewegungsdrang einschränkte. Und zum zweiten war es dem Festival-Team gelungen, ein Line-Up zusammenzubuchen, das wirklich keinen Anlass zur Kritik bot. Und letztlich waren dieses Jahr auch alle Musiker und Gäste irgendwie gut drauf – was ja bei einer solchen Sache nicht ganz unerheblich ist.
Die wenigen Kritikpunkte fielen da kaum ins Gewicht. Sicher – das Festival ist nicht ganz billig und der exzessive Einsatz einer Nebelmaschine, die ihren Namen nun wirklich verdient hatte, wäre angesichts dessen, dass die Sache ja nun mal draußen und nicht im Club stattfand, nun wirklich nicht nötig gewesen. Aber: Das hatte ja mit der dargebotenen Mucke nichts zu tun, und die hatte es nun wirklich in sich.
Zunächst mal kann auch das Heimspiel Festival keine angesagten US- und Brit-Bands mehr buchen, wie das früher öfter möglich war; aber das war ja sowieso noch nie das Hauptgeschäft. Die Acts aus dem europäischen Umfeld, die dann den Weg nach Eltville fanden, waren dann vielleicht sogar noch interessanter als die Acts, die sich ansonsten den Festival-Zirkus teilen gewesen wären.
Nehmen wir zum Beispiel mal die Wiener Musikerin Francesca Anna, die mit ihrem Projekt Beaks die Veranstaltung am Freitagnachmittag eröffnete. Die schlaksige junge Dame arbeitet sowohl als Musikerin wie auch als Model eifrig an der Selbstverwirklichung, scheint aber auf der Bühne ihre definitive Bestimmung bereits gefunden zu haben. Jedenfalls gab es an dem Tag niemanden, der glücklicher strahlte als Beaks – wie sie da mit ihrer gut aufgelegten Band ihre vertonten Gedichte musikalisch interpretierte. In der Bio heißt es, dass Beaks in ihren Texten „das Wesen der menschlichen Existenz widerspiegele“ – aber eigentlich (sprech)singt sie nur vom Fahrradfahren, Bankräubern, herunterfallenden Flaschen oder den Träumen der „Dirty Girls“. Die Texte sind jedenfalls nicht das Wichtigste bei Beaks – das ist dann eher das Gesamtpaket aus coolen Moves und noch cooleren New Wave-Pop-Songs, die sich mit einer gewissen mitreißenden Unerbittlichkeit ins Bewusstsein des Zuhörers schleichen. Obwohl Beaks ja noch nicht soooo lange im Geschäft ist, machte sie deutlich, dass ihr die Bühne, auf der sie jeweils steht, bereits heute gehört.
Nicht ganz so geradlinig – eher schon etwas verschroben – schwurbelte sich im Folgenden das österreichische Quartett Endless Wellness ins Programm. Die Band hat mit Philipp Auer und Adele Ischia gleich zwei Komponisten und Gesangsstimmen zur Verfügung – aber auch darüber hinaus viele Ideen, was man mit konventionellen Mitteln, schratiger Attitüde und jeder Menge Tieren in den Songtexten alles anstellen kann. Endless Wellness veröffentlichen im Oktober ihr zweites Album „Domino Days“ und hatten daraus auch bereits einige Stücke im Gepäck. Auf diesem Album machen Endless Wellness einen großen Schritt in Richtung Togetherness und präsentieren sich produktionstechnisch deutlich aufgeräumter als noch auf dem etwas hemdsärmeligen Debüt-Album. Auf der Bühne machte sich das jetzt noch nicht so bemerkbar. Beispielsweise gibt es auf der neuen Scheibe einen regelrechten Grunge-Rock-Song namens „Nie mehr sicher“, der live jetzt doch wieder eher müslihaft daher kam. Dafür gelang den Musikanten das von Adele vorgetragene Abstraktsong-Monument „Platanen“ erstaunlich flüssig. Wie dem auch sei: Es gibt auf der Bühne immer viel zu tun für Endless Wellness, weil die Stücke doch alle recht komplex angerichtet sind und die Musiker alle auf verschiedenen Hochzeiten tätig zu sein scheinen. Gut, dass die Band mit Milena Klien da eine Musikerin an Bord hat, die an Gitarre und Geige die Sache zusammenhält. Da blieb dann auch noch Raum für Ansagen an die Rechten und eine Vorstellungsrunde, bei der alle Anwesenden gleichzeitig ihren Namen rufen sollten, damit man sich besser kennenlernen könne.
Beim Auftritt des Tagesheadliners Grossstadtgeflüster wehte dann nicht nur ordentlich Kunstnebel über die Bühne, sondern auch ein bisschen Rockstar-Energie. Das war aber auch angesichts des Status des Berliner Trios auch notwendig – denn hier ging es ja um nicht mehr oder weniger als das 20-jährige Projektjubiläum zu feiern. Mit großen Gesten, bunten Bällen, die ins Publikum geworfen wurden und jeder Menge Attitüde machten Jen Bender, Raphael Schatz und Chriz Falk deutlich, worum es nun beim Grossstadtgeflüster geht: Um „Icke“ nämlich – das Alter Ego von Jen Bende, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Musikalisch gab es allerfeinsten Electro-Clash mit HipHop-Flair, coolen Grooves, akklamativem Sprechgesang – aber auch einer erstaunlich großen Portion Berliner Hinterhof-Flair mit Zille Touch; denn immer wieder tauchten zwischen den Songs organische Elemente auf, die der Berliner Leierkastenmann-Tradition entlehnt schienen. (Und damit ist jetzt nicht Raphaels Keytar gemeint, mit der er Popsong-Samples abrufen konnte.) Die Leute ließen sich nicht lange bitten und erklärten den Freitagabend dann zur Partyzone. Was ein Glück, dass ein Teil des Rasens als Tanzfläche freigehalten worden war.
Der zweite Festivaltag begann mit den Heimspiel-Liner-Fahrten – und einer Absage. Die niederländische Songwriterin Roosmarijn hatte in letzter Sekunde krankheitsbedingt absagen müssen (zum Glück wohl nichts Schlimmeres) – weswegen Hausherr Gisbert zu Knyphausen kurzfristig als Ersatz einspringen musste. Was er aber auch gerne tat, denn so ergab sich für Gisbert die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass er im nächsten Jahr wieder mit Band auf der Bühne stehen werde – und dann auch Songs seines neuen Albums präsentieren werde, von dem er bereits bei der Heimspiel-Fahrt einige Stücke solo vor dem dankbaren Publikum testen konnte. Der angespannten Ruhe der aufmerksamen Zuhörer nach zu urteilen, war das wohl erfolgreich. Natürlich gab es auch ein paar Gassenhauer wie „Sommertag“ zu hören – es war dann aber tatsächlich die intime Nähe zum Songmaterial, die die Heimspiel Liner-Fahrt zu einem besonderen musikalischen Highlight machte.
Eine Art Gegenentwurf zur besinnlichen Songwriter-Kunst Gisberts bot dann zu Beginn des eigentlichen Festival-Programms die schweizer Musikerin Gina Été mit ihrem Ensemble. Gina Été hatte in letzter Zeit vor allen Dingen durch ihre Kollaborationen als Support-Act für Acts wie To Athena und Rob Goodwin von sich reden gemacht. Da sie bei diesen Gelegenheiten aber als Solo-Künstlerin tätig gewesen war, bot sich nun beim Heimspiel die Gelegenheit, sie dieses Mal mit Band sehen zu können. Die Sache ist dabei die, dass Ginas Band aus einem Multiinstrumentalisten und drei Streicherinnen besteht, zu denen Gina selbst als Viola-Spielerin zuweilen aufschließt. Das bedeutete dann musikalisch, dass es hier weit weniger ambient-mäßig/esoterisch zugeht, als bei Ginas Solo-Shows. Stattdessen gibt es eine Art kammermusikalischer Grundstimmung, die allerdings von einer gewissen Düsternis und Melancholie geprägt ist – was aber an Ginas Einstellung zum Musik-Machen liegt. Selbst im prallen Sonnenlicht funktionierte die Sache dann recht gut, denn anstatt mit der Tür performerisch ins Haus getrieben zu werden, konnten die langsam eintreffenden Fans die Sache so entspannt angehen lassen, wie die drückende Schwüle das nun mal zu ließ.
Mit dem Auftritt des holländischen Post-Punk-Ensembles Tramhaus war dann die Zeit des Relaxens sowieso vorbei. Die Band aus Rotterdam zählt zweifelsohne zu den sympathischsten Vertretern ihrer Zunft – ist aber auch ganz schön wild und laut. Obwohl es in der Musik von Tramhaus nicht eben zimperlich zugeht und auch viel geschrien wird, bleiben der zappelige Frontmann Lukas Jansen und seine Musiker so gar nicht als zornige, aggressive Schreihälse in Erinnerung, sondern als tightes Bandkollektiv, das das Publikum eher mit seiner enthusiastischen Begeisterung und menschlicher Wärme einzunehmen sucht, denn mit harten politischen Statements und abrasiv schroffer musikalischer Darbietung. Das ist dann auch das Ziel der Musiker, die mit ihrer Musik das Verbindende und nicht den Weltschmerz zum Ausdruck bringen möchten.
Richtig easy gehen Tramhaus natürlich dennoch nicht vor. Auch Tramhaus haben eine neue Scheibe vor der Brust und konnten hier schon mal einige neue Songs – wie z.B. den Breitwand-Rocksong „Solace“ – präsentieren. Insbesondere Lukas selbst überrascht dabei als manischer Vortänzer mit unbändiger Energie und tobt wie ein Derwisch über die Bühne. Davon, dass mitten in der Show ein Verstärker (oder ein Kabel oder sonst was) knackend seinen Geist aufgab, ließen sich Tramhaus nicht beeindrucken und jammten einfach so lange, bis das Problem gelöst war.
Darauf Probleme zu lösen – am besten alle auf einmal – scheint es auch Inga Haber und ihre Mitstreiterinnen vom Kollektiv Kapa Tult abgesehen zu haben. Nicht musikalisch, sondern überhaupt – jedenfalls gab es bei der Show in Eltville die größte Dichte an politisch motivierten Ansagen. Eigentlich kein Wunder, dass das aktuelle Album „Immer alles gleichzeitig“ heißt. Musikalisch sind Kapa Tult eigentlich recht einfach zu verstehen. Es gibt munteren, druckvollen (teilweise sogar rockigen) New Wave Pop (um mal die NDW und NNDW Labels außer Acht zu lassen), der mit den Titeln des neuen Albums kompositorisch und strukturell noch mal auf ein neues Level gehievt worden ist, dass dann aber den Kinderlied-Charakter der früheren Alben nicht vergessen macht. Insgesamt sorgte das dann für eine kurzweilige, manchmal ein wenig zu hektische, auf jeden Fall aber unterhaltsame Show, bei der die Sozialkritik in amüsante Pop-Protestsongs wie z.B. die Moritat von der „ARD Mediathek“ verpackt wurde.
Ansonsten gab es bis dahin nur Friede, Freude und musikalische Eierkuchen. Die schwüle Hitze musste man sich dann halt schön denken. Da gibt es aber schon noch Schlimmeres…
Teil 2 folgt in Kürze…






















































