Share This Article
Hot! Hot! Hot!
Weiter ging es dann am zweiten Tag mit einem Auftritt des österreichischen Duos Cari Cari. Eigentlich hätten Alex Köcke und Steffi Widmer ja schon mal früher beim Heimspiel aufspielen können – es war dann aber vielleicht keine schlechte Idee, dass sie erst dieses Jahr zu Gast waren, denn im Rahmen ihrer Live-Shows zur aktuellen Scheibe „One More Time Around The Sun“ (die inzwischen auch in einer Live-Version aufgelegt wurde) hatten sie bekanntlich ein monumentales Bühnen-Setup mitgebracht, dessen Dimensionen für kleinere Spielstätten schon mal zu einem Problem wurden, für die Bühne beim Knypi allerdings angemessen waren.
Wie dem auch sei: Bei den Live-Shows, die das für Live-Auftritte um den Drummer Ivo Thomann ergänzte Duo im Rahmen ihrer laufenden Tour gespielt hatte, hatten sich Cari Cari offensichtlich ordentlich warm gespielt – und präsentierten beim Heimspiel eine mitreißende, von echter Spielfreude getriebene Show, bei der dann alle Cari Cari-Vorzüge ausgezeichnet zur Geltung kamen. Als da wären: Alex’ unberechenbare Bühnenexaltationen, die ihn mal hier mal da – aber niemals zweimal am selben Ort – über die Bühne huschen lassen, Steffis stoische, aber immer effektiver werdende musikalische Einlagen an Keyboards, Percussion, DIY-Didgeridoo, Bass, Mega-Gong und natürlich auch dem Drumkit (das Ivo Thomann dann entsprechend freiräumt) und der absolute Wille, jede Show mit 100% Hingabe immer noch mal ein bisschen mitreißender zu machen als die jeweils letzte und insbesondere die alten Gassenhauer wie „Summer Sun“ oder „Mapache“ immer mit Volldampf vorzutragen… und dabei dann auch noch cool auszusehen. Auch Alex Köck ließ es sich dann nicht nehmen, sich als Drummer zu versuchen und (über die Schultern von Ivo Thomann) eine wilde Percussion-Einlage beizusteuern.
Inzwischen war es dunkel geworden und die Tech-Crew hatte Mühe, den Abbau des Cari Cari-Backdrops und den gleichzeitigen Aufbau für den Tagesheadliner The Notwist zu koordinieren – denn es gab da dermaßen viel Zeugs auf der Bühne auszutauschen, hinzustellen, zu stapeln, hin und her zu schieben und herumzutragen, dass am Ende kaum noch Platz für das im Rahmen der Veröffentlichung des aktuellen Albums „News From Planet Zombie“ zum großen Kleinorchester angewachsene Ensemble blieb. Immerhin schienen sich der inzwischen ehrenhaft ergraute Markus Acher und die beteiligten Musiker im Messie-Setting auf der Bühne recht wohl zu fühlen und wechselten – wortkarg und konzentriert – munter zwischen dem angesammelten Instrumentarium hin und her.
Musikalisch stellte sich die Sache tatsächlich so dar, dass The Notwist heutzutage auf den Spuren hippiesker Kraut-Legenden wie z.B. Faust wandeln und dem Publikum einen dicht gewebten Flow an Songs und Sounds präsentieren, die sich mit einer gewissen Unerbittlichkeit zu einem verspielt/komplexen Spektakulum verdichten. Das wird dann nur gelegentlich mit einem knackigen Songformat aufgebrochen. Etwa, als The Notwist ihre Single-Auskopplung „How The Story Ends“ – ausgerechnet die Coverversion des Songs der Portland-Band Lovers – mit einem gewissen Indie-Pop-Drive spielten. Diese Vorgehensweise ist dem Umstand geschuldet, dass The Notwist – zwischen Indie-Rock, Elektronika, avantgardistischer Nickeligkeit und organischem Müsli-Rock im Laufe ihrer von vielen Höhen und Tiefen begleiteten Historie so viele verschiedene Musikrichtungen implementiert haben, dass sie sich heutzutage unmöglich grundsätzlich neu aufstellen können und daher so ziemlich alles in ihre Bühnenaktivitäten einbinden.
Der dritte und letzte Festivaltag begann dann wieder mit einer Heimspiel-typischen Überraschung: Das Projekt One Sentence Supervisor um den amüsanten Frontmann Donat Kaufmann gibt es schon seit 2011 – allerdings nicht in der Besetzung, die nun beim Heimspiel aufspielte, weswegen Donat die Sache auch eher als offenes Kollektiv betrachtet und nicht als Band.
One Sentence Supervisor haben es sich offensichtlich vorgenommen, die hehren Werte der wurzeligen Retro-Psychedelia und die Konsequenz klassischer Kraut-Ästhetik in die Jetztzeit zu übertragen und setzen ganz auf empathisch/spontanes Miteinander auf der Bühne und im Kontakt mit dem Publikum. Donat selbst konnte dabei auch als Rockstar überzeugen – mit silberner Flying-V Gitarre, Barfuß und im schweizerischen Schottenrock. Dabei machten die Musiker keinen Hehl aus ihrer politischen, sozialkritischen Agenda und wetterten ordentlich gegen das System, Kapital, Rechte und Umweltproblematik. Sogar einen Sonnenschirm hatten die Musiker auf der Bühne platziert – angesichts des extremen Sommerwetters sicher keine leere Geste. Donat erklärte zum Beispiel, dass es ja ganz schön hier sei, weil es aussähe wie in der Toskana. Problematisch sei es indes, dass es aufgrund des Klimawandels langsam überall aussähe wie in der Toskana. Musikalisch überraschten One Sentence Supervisor mit einem für die Uhrzeit eigentlich ungewohnten, aber nicht unwillkommenen Druck und einer leicht spinnerten Note, die durch die Begeisterung der Musiker wieder eingefangen wurde.
In diese Richtung zielte dann auch die Show des Leipziger Ensembles Hotel Rimini. Seit Julius Forster mit seinem Kleinorchester, zu dem zwingend auch Streicher gehören (im Fall Cello und Geige sowie Kontrabass) 2022 aus dem musikalischen Ei gekrochen ist, hat die Band nach anfänglicher romantischer Liedermacherei ordentlich Fahrt aufgenommen und ist heutzutage auch in der Lage, die Zuschauer zu bewegen (also sowohl seelisch wie auch körperlich).
Julius Forster hat sich in der Zeit vom sensiblen Poeten zum amüsant plaudernden Frontmann entwickelt und wechselte nonchalant von der Gitarre über den Solo-Gesang ans Keyboard und überzeugte dann durch seine lockere Art und die ansteckend gute Laune. Dabei gab es dann natürlich nicht nur die Songs des aktuellen Albums „Gefährdete Arten“ zu hören, sondern auch ältere Gassenhauer. So etwa die Moritat vom Container von „Hapag und Lloyd“, der ein Zuhause sucht – was den teils skurrilen Humor des Ensembles noch mal untermauerte. Der Song wurde dann als schmissiger Vaudeville Walzer gegeben.
Und zum krönenden Abschluss des Festivals gab es dann eine Show der Heimspiel-Veteranen Fortuna Ehrenfeld. Der Auftritt von Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Bentler stand schon alleine deswegen unter einem guten Zeichen, weil gleich beim ersten Track dem melancholischen Kammerspiel „Zwei Himmel“, das Martin Bechler am Piano vortrug, eine Kirchenglocke zu hören war; gerade so, als erhielte das Unterfangen so eine göttliche Absolution.
Wie gewöhnlich gekleidet in karierten Schlafanzügen mit Federboa-Accessoires begeisterte das Kölner Trio mit einer durchweg sympathischen und musikalisch besonders abwechslungsreichen Show. Es muss hier ausdrücklich noch mal eine Lanze gebrochen werden für die Konsequenz, mit der sich das Trio vom schrulligen Gimmick-Act zu einem musikalisch durchaus ambitioniert agierenden Ensemble entwickelt hat. Dass Martin Bechler genau weiß, was die Leute von ihm erwarten und er alles tut, um seine Fans glücklich zu machen – und dabei auch performerischen Quatsch als Mittel einsetzt, nimmt ja nichts von der Qualität, die die Band heute auch musikalisch an den Tag legt.
Einen besonderen Ritterschlag erhielt die Band dann, als Gisbert zu Knyphausen als Gastsänger bei dem Song „Das letzte Kommando“ auf die Bühne kam – dieses Mal dann stilecht ebenfalls im Schlafanzug. Zwischen introspektivem Liedermachen und treibender Nonsense New Wave („Interner zerf*cken“) boten Fortuna Ehrenfeld die ganze Palette ihres emotionalen Repertoires. Als dann Martins Gitarre ihren Dienst verweigerte, gab er sich gar nicht lange mit Reparaturversuchen ab, sondern reichte diese ins Publikum und griff sich eine andere. Martin Bechler ist schlicht ein Mann für das Volk. Das demonstrierte er dann auch, als er die Fans, die nach der Show noch vor der Bühne verweilten, einlud zum Merch zu kommen, wo er dann jeden Autogramm- und Selfie-Wunsch erfüllte und sich dazu hinreißen ließ, einem kleinen Fan noch einen Witz zu erzählen.
Fazit: Das war dann ein Heimspiel, wie es schöner gar nicht hätte sein können. Vollkommen unbehelligt von negativen Aspekten konnte sich die Magie des in diesem Jahr besonders gelungen kuratierten Gesamtpaketes sozusagen hemmungslos entfalten. Und wenn es dann läuft wie in diesem Jahr, wird sogar noch eine Absage (wie im Fall der niederländischen Künstlerin Roosmarijn) zu einem Glücksfall, da sich Gisbert zu Knyphausen als Ersatz präsentierte. Das darf dann im nächsten Jahr (vom 30.07.-01.08.2027) gerne vergleichbar so weitergehen.



















































