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Zurück in die Zukunft
Mit Cover-Bands ist das so eine Sache. Entweder haben sie sich einer nicht mehr oder äußerst selten auftretenden Band gewidmet oder sie spielen ein Oldie-Potpourri zur Belustigung eines Partyvolks. Ganz anders das französische Projekt Nouvelle Vague, das die beiden Produzenten Marc Collin und der im September 2021 verstorbene Olivier Libaux vor 23 Jahren gründeten. Die Songauswahl geht zurück in die 1980er Jahre und widmet sich New Wave, Post Punk und (Electro-)Pop. Depeche Mode, Yazoo und The Clash sind bei dem Konzert in Braunschweig jeweils zweimal vertreten, aber auch weniger Offensichtliches wie Tuxedomoon, XTC, Bauhaus oder die Dead Kennedys. Nouvelle Vague spielen deren Songs aber nicht nach, sondern machen sie für die Zukunft zeitlos, indem sie sie als Bossa Nova, Easy Listening, Ska, Dub oder Singer/Songwriter-Pop umarrangieren. Dafür zuständig ist Collin, der eher der Studiofreak ist und nicht mit auf Tour ist. Ohnehin finden sich auf den Tonträgern zum Teil andere Musiker, als auf der Bühne stehen. So auch im ehemaligen Jolly Joker, das im April als Schön & Frölich renoviert und wiederbelebt wurde.
Aus dem Nouvelle Vague-Kollektiv sind bei der aktuellen Tour die Sängerinnen Mélanie Pain und Phoebe Killdeer dabei, begleitet von Christopher Board (nomen est omen) an den Keyboards und Antoine Reininger am Bass; Thibaut Barbillon wechselt zwischen Akustik- und E-Gitarre und der Schlagzeuger Julien Boye steuert Percussions bei, wenn ein Latin-Sound ansteht, und beendet Depeche Modes „Just Can’t Get Enough“ mit einem fulminanten Drumsolo. Elf der 21 Songs auf der Setlist stammen vom stilprägenden Debütalbum. Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ weht als federleichter Bossa Nova in den Saal. Ähnlich funktionieren „What I Like Most About You Is Your Girlfriend“ von The Specials und The Undertones‘ „Teenage Kicks“. „In A Manner Of Speaking“ von Tuxedomoon (Wer kennt die noch?) ersetzt das nervöse Stakkato durch einen fließenden Sound in einer akustischen Duo-Version mit Pain und Barbillon.
„Only You“ klingt nach 60s-Girlgroup, „Don’t Go“, ebenfalls von Yazoo, kommt die Elektronik abhanden, präsent ist nun Barbillons Akustikgitarre. Das ohnehin poppige „This Charming Man“ von The Smiths badet in einem Easy Listening-Schaumbad. The Clashs „Guns Of Brixton“ bewahrt die fingerschnippende Leichtigkeit von Nouvelle Vagues ursprünglichem Arrangement, intensiviert jedoch den Ska-Beat, Board packt ein paar Orgelschübe drauf und am Ende pfeift Pain den Refrain. Überraschen könnte die Wahl von The Dead Kennedys‘ „Too Drunk To Fuck“, dessen Trunkenheit durch spitze Schreie, eine rebellierende Orgel und eine aufbegehrende E-Gitarre evoziert wird. Ein bisschen wie The B-52‘s, die ebenfalls mit zwei Sängerinnen am Start sind. Pain und Killdeer wechseln sich an den Lead-Vocals ab, immer wieder aber vereinen sich ihre ausdrucksstarken Stimmen. Dazu eine kompetente und stilsichere Band.
Im Kontrast zu der beschwingten Karibikstimmung von Liedern wie „Marian“ (The Sisters Of Mercy“) oder der wunderbar relaxten Lesung von XTCs „Making Plans For Nigel“ behalten The Cures „The Forest“ mit einem überraschend perkussiven Arrangement und vor allem Bauhaus‘ „She’s In Parties“ eine gewisse Düsterheit. „Shout“ von Tears For Fears gefällt als Dub-Version mit synchronen Tanzeinlagen von Killdeer und Pain. Der Ska-Rhythmus des Clash-Covers „Should I Stay Or Should I Go?“, Titelsong des aktuellen Albums, lädt zum Tanzen ein, dem viele der 350 Besucher des Schön & Frölich nachkommen. Ob Duran Duran, Public Image Limited, Modern English oder die Buzzcocks als letzte Zugabe – aus der Setlist ließe sich ein tolles Mixtape basteln.
Nouvelle Vague wird mitunter vorgeworfen, dass sie die bedeutungsschweren Texte von Songs wie „Guns Of Brixton“ oder „Love Will Tear Us Apart“ ignorieren, wenn ihre Cover so leichtfüßig dahinhüpfen. Marc Collins cleveren Arrangements mögen Easy Listening sein, machen aber Spaß, sind tanzbar, eignen sich als Klangtapete in der hippen Barista-Bar und bewahren manche Perle vor dem Vergessen. Und warum dann nicht wieder mal das Original hören? Zurück in die 80er mit dem Blick in die Zukunft. Die hoffentlich nicht so düster sein wird, wie sie Joy Division pflegten.




















