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Shivers & Soul
Der „Hauptkampftag“ des Static Roots Festival beginnt ja traditionellerweise etwas früher – was für einige Festivalbesucher dann wohl sogar zu früh war, sodass der Andrang zum Einlass dann noch überschaubar war, als gegen 14:30 Irish Mythen den Tag mit einem dann doch überraschend energischen, akustischen Solo-Auftritt einläutete (und die bereits Anwesenden ordentlich wachrüttelte).
Irish Mythen lässt sich am besten als performerische Urgewalt kategorisieren. Das hat Gründe. Die Google-Suche ergibt, dass Irish Mythen etwa mit Rod Stewart, Emmylou Harris, Gordon Lightfoot, Lucinda Williams und Ron Hynes auf der Bühne gestanden hat und mit zahlreichen kanadischen Songwritern kollaborierte und sich so eine immense performerische Expertise erarbeitet hat. In Irland aufgewachsen, zog Irish Mythen nämlich vom heimatlichen Irland 2007 nach Kanada und etablierte sich dort als treibende Kraft in der Westcoast-Folk-Community. In Oberhausen spielten die nordamerikanischen Vibes, die Irish nach eigener Aussage aufgegriffen hatte, weniger eine Rolle, denn hier stand die Kilkenny-Connection im Vordergrund (bzw. Tullamore – wie es der Song „Tullamore Blues“ nahelegt). Irish Mythens Performance im legendären Willy Meghan Gedächtnis-Slot muss man sich vorstellen wie einen Mix aus Stand-Up-Comedy, Singalong, Ad-Lips, politischen Kommentaren, Chat mit dem Publikum und ein wenig Folk-Musik. Vor der Bühne hatte sich eine Handvoll Hardcore-Fans versammelt, die die Songs dann auch tatsächlich mitsingen konnten – auf jeden Fall aber mitfeiern, denn angesichts Irishs selbstironischer Performance (oft mit dezidiert verkniffenem Gesicht und ulkigen Grimassen) blieb da kein Auge trocken. Als LGBTQ-Ikone hat sich Irish Mythen nämlich eine selbstbewusste, raue aber herzliche Schale zugelegt. „Du kannst ruhig näherkommen mit der Kamera“, meinte Irish beim Foto-Shoot, „denn ich bin mir meines Alters durchaus bewusst und fühle mich gut dabei.“
Mit Fotos hatte es im Folgenden dann auch Jerry Joseph. Auf die Frage nach einem Rockstar-Foto meinte der nämlich, ob wir ihn denn auf dem Foto größer machen könnten. Er könne sich ja auch eine Socke in die Hose stecken. Und er hätte ein schönes Clownskostüm als Bühnenoutfit, das er gerne anziehen würde – obwohl er gerade die Clownsnase nicht finden könne – was schade sei, da das genau die Nase sei, die Robin Williams in dem Film „Patch Adams“ getragen habe.
Nun muss man allerdings dazu sagen, dass der knorrige Liedermacher sich mit Foto-Shootings durchaus auskennt, da er selbst das Fotografieren zu seiner Passion gemacht hat. Stolz präsentierte er eine Handy-App, mit der er seine Handy-Fotos, die er auf seinen Reisen in der ganzen Welt aufnahm, so zu gestalten weiß, dass diese selbst gestandene professionelle Fotografen begeistern und überzeugen können. Zurzeit überlegt er gerade, ob er ein Fotobuch veröffentlichen soll – wie es ihm angeraten wurde – vielleicht auch, um damit mehr Geld verdienen zu können, als mit seiner Musik.
Womit wir dann auch beim Thema wären: Auf einer Tour in Schweden war Jerry Joseph auf das Folk-Rock-Duo The Dimpker Brothers getroffen und hatte festgestellt, dass diese musikalisch auf einer ähnlichen Wellenlänge schwammen, wie der schratige Songwriter selbst – und sogar seine Songs kannten. Seither ist Jerry Joseph mit Martin und Adam Dimpker zusammen unterwegs – obwohl die schlaksigen Jungs nun wirklich deutlich größer sind. Letzteres kompensiert Jerry Joseph auf der Bühne dann dadurch, dass er performerisch keinen Zweifel daran lässt, wer hier das Sagen hat und sich auf der Bühne wie ein Rumpelstilz auf Speed gebärdet, während die Schweden-Jungs (die übrigens fließend Deutsch sprechen) schmunzelnd links und rechts neben Jerry stehen und effektiv ihre Arbeit verrichten. Tatsächlich rockte das Set dann (das Jerry zunächst gar solo begann) dann auch ohne Band ganz ordentlich. Schon alleine aufgrund der leicht wirr anmutenden, aber mitreißenden Exaltationen des Meisters, war das dann ein ziemlich guter Warm-Up-Gig für das, was noch folgen sollte. (Überhaupt fiel auf, dass es an diesem Tag erstaunlich wenig Besinnlichkeit auf der Bühne des Zentrum Altenberg gab.)
Als die aus Spanien stammende Songwriterin Joana Serrat 2019 – beim vierten SRF – zum ersten Mal aufgeschlagen war, war sie die einzige Frau, die in eigener Sache auf der Bühne gestanden hatte. Das hat sich zum Glück ja inzwischen gewandelt – in diesem Jahr war das Verhältnis ja sogar 50:50. Wie dem auch sei: Bei jenem Festival lernte Joana die britische Band The Hanging Stars kennen, spielte gar einen Song mit ihnen zusammen – und freundete sich mit Paulie Cobra, dem Drummer der Hanging Stars an. Die Sache nahm insofern an Fahrt auf, als dass Joana und Paulie heutzutage ein Paar sind. Als sich die Möglichkeit bot, Joana für das diesjährige SRF erneut zu buchen, griff Dietmar sofort zu – denn nicht nur Paulie Cobra, sondern auch Sam Ferman, der ehemalige Basser der Hanging Stars spielen heutzutage in Joanas Band.
Seit 2019 hat Joana ihr musikalisches Konzept mehrfach überarbeitet. Galt sie früher als sichere Bank in Sachen Americana-Songwriterin, so geht sie heutzutage sehr viel mutiger zur Sache und hatte bereits ihr 2021er Album „Hardcore From The Heart“ mit Big-Music- und Pop-Elementen angereichert – und auf ihrem letzten Album „Big Wave“ kamen noch experimentelle New Wave- und Dreamopop-Elemente hinzu. Joana selbst sagt, dass sie sich lieber musikalisch weiterentwickeln möchte, anstatt bestimmten Erwartungshaltungen zu entsprechen – denn es mache ja keinen Sinn zu versuchen, immer wieder Varianten des gleichen Materials zu reproduzieren. All das bedeutete dann freilich nicht, dass sich Johanna mit ihrer Band in Oberhausen in eklektischen Experimenten verlor. Es gab dann eine Show mit gut gemachtem Gitarrenpop, dem die songwriterischen und ursprünglichen Americana Roots immer noch anzuhören waren. Leider gab es da Probleme mit dem Sound. Joanas Stimme war kaum zu hören und der Mix wurde immer matschiger, je weiter man sich übrigens von der Bühne entfernte. Leider konnte dieses Problem während der Show nicht behoben werden.
Deutlich besser aufgelöst wurde der Soundmix bei der folgenden Show von Julianna Riolino – und das hatte einen ganz einfachen Grund, denn wie die knorke Musikerin vor der Show erklärte, habe sie von vornherein nicht vor, sich mit Americana-Konventionen aufzuhalten, sondern wolle stattdessen ganz auf Rockdrive setzen. Maître d’ Jeff Robson meinte einleitend, dass einer der Vorzüge des Static Roots Festivals für ihn als Kanadier sei, dort immer wieder interessante kanadische Musiker entdecken zu können, die er selber noch nicht kannte. So auch Julianna Riolino.
Dietmar hatte die quirlige Songwriterin in der Band von Daniel Romano entdeckt und sich sofort in die ungestüme Bühnen-Präsenz Juliannas verliebt. Romano wäre ja weiland fast beim ersten Static Roots Festival aufgetreten – wenn er nicht in ein falsches Oberhausen in Süddeutschland gefahren wäre. „Damit habe ich aber nichts zu tun“, machte Julianna schon bei der Ansage deutlich, „denn da war ich noch gar nicht in seiner Band.“ Mit den traditionellen Werten eines Daniel Romano hat Julianna musikalisch als Solo-Künstlerin denn auch gar nichts am Hut. Stattdessen kehrte Julianna von vorneherein die Rampensau nach außen und trieb mit einer bemerkenswerten Durchsetzungskraft sowohl die Musiker wie auch das Publikum („Geht jetzt mal Merch kaufen!“) vor sich her.
Dabei ging die Show mit dem älteren Track „If I Knew“ von ihrem Album „All Blue“ und dem Track „Full Moon“ von ihrem letzten Album „Echo In The Dust“ noch vergleichsweise moderat los (und erinnerte gar an Fleetwood Mac) und mit „Hark!“ folgte dann gar eine Ballade – aber spätestens mit „Bluebird’s Wing“ kam dann das Leben in die Bude und ab da gab es kein Halten mehr. Gegen Ende der Show legte Julianna dann die Gitarre zur Seite und legte auf der rechten Bühnenseite eine regelrechte Animations-Show hin – inklusive ähnlicher Rockstar-Posen, wie sie zuvor schon Jerry Joseph präsentiert hatte. Bei dem Set ging es dabei gar aber nicht um ein „Schneller, Höher, Weiter“, sondern um eine inhärente kinetische Energie und Attitüde, die ganz aus dem Inneren kam.
In der „Essenspause“ nach Juliannas Auftritt wurde das obligatorische Familienfoto dieses Mal in der Halle gefertigt (da sich in den letzten Jahren die Bereitschaft der Fans, sich zum Gruppenfoto draußen zu versammeln, in Grenzen gehalten hatte). Auf diese Weise konnten sich dann trotzdem alle rechtzeitig bei den Food-Trucks auf dem Vorplatz anstellen. An alle, die sich nun darüber beklagten, nicht dabei gewesen zu sein, weil sie schon draußen waren, hier mal ein Tipp: Jeff Robson macht manchmal keine Witze, wenn er solche Sachen auf der Bühne erklärt.
Das britische Quartett The Dreaming Spires war dann wieder mal ein Projekt, das wie für das Static Roots Festival gemacht scheint. Dabei geht es gar nicht um den entspannten, elektrischen Westcoast Folkpop, mit dem die Jungs insbesondere die Freunde traditioneller Americana-Sounds begeistern konnten, sondern um die wuseligen Hintergründe des Projektes: Auf dem SRF 2018 hatte das aus Robin Bennett, Danny Wilson und Tony Poole bestehende Allstar-Projekt Bennett Wilson Poole sein Stage-Debüt gegeben. 2022 arbeitete Robin Bennetts Bruder Joe Bennett als musikalischer Direktor von Pete Gow & The Siren Strings. Nun standen Robin und Joe Bennett zusammen mit ihren Kollegen als Dreaming Spires erneut auf der SRF-Bühne. Dass die Brüder Anfang der 2000er bereits mit ihrem Projekt Goldrush unterwegs gewesen waren, untermauerte noch mal die musikalische Expertise des Projektes. Auch Robin Bennett setzte (teilweise) eine Rickenbacker-Gitarre ein – wie zuvor schon Kirsten Adamson – weswegen die Fans, die dann „Byrds!“ riefen, natürlich nicht lange auf sich warten ließen.
Bis dahin hatte es kaum Country-Aspekte beim SRF 2026 gegeben. Dafür, dass aber auch dieses Genre ansprechend repräsentiert wurde, sorgte nachfolgend die aus Nashville stammende Songwriterin Emily Nenni mit ihrer Band. Es gab hier allerdings keinen orthodoxen Honky-Tonk-Sound (wie in den letzten Jahren), denn Emily Nenni möchte sich nicht festlegen. So erklärte sie vor der Show, dass sie sich von der Musik immer dorthin tragen lasse, wohin diese sie führe und mit Begriffen wie „Grassroots-Stil“, „konventionell“ oder „Pop“ gar nichts anfangen könne. Dann verriet sie noch, dass sie die Setlist jeden Abend neu umschreibe, um die Sache auch für sich selbst interessant und spannend zu halten – weil sie sich in einem festgelegten Format nicht wohlfühle und dazu tendiere, dann im Autopilot-Modus zu arbeiten.
Davon war ihr Set denn auch weit entfernt, denn die Songs ihres im Mai erschienenen Albums „Movin’ Shoes“ (dessen CD-Edition im Brexit-Chaos hängen geblieben war) präsentierte sie mit ihrer brillanten Band dann auch betont nuancenreich und stilistisch ungebunden. Die Stax-Horns, die auf dem Album für einen Memphis-Soul-Touch sorgten, mussten natürlich in Oberhausen zu Hause bleiben – aber dennoch sorgten Emily & Co. – neben einigen Shivers – auch wieder für die notwendige Prise Soul. Für die klassischen Old-School-Country-Licks sorgte übrigens der Pedal-Steele-Wizard Flavio Pasquetto, der im letzten Jahr als Sidekick von Todd Day Wait auf der Bühne des SRF gestanden hatte.
Auf den letzten offiziellen Stage-Act des Festivals hatten sich viele der treuen SRF-Fans sicherlich besonders gefreut, denn der „Abrissbirnen-Gig“ der texanischen „Cow-Punk-Band“ Vandoliers beim SRF 2022 ist allenthalben in bester Erinnerung geblieben. Mit ihrem charmanten Mix aus Folk-, Country- und Mitsing-Shanty-Punk und US-geprägtem Power Pop konnten die Vandoliers auch in diesem Jahr die Fans wieder von der ersten Sekunde an begeistern und zum Party-Machen bewegen. „Wir werden lachen und wir werden weinen“, kündigte Jeff Robson die neue Show an – bei der dann auch das gefeierte neue Album „Live Behind Bars“ und die gerade veröffentlichte EP „Afterglow“ im Zentrum stehen sollten.
„Ein paar Sachen haben sich aber seit dem letzten Mal verändert“, begrüßte Frontfrau Jenni Rose das Publikum. Jedem der Anwesenden war natürlich klar, dass sie damit auf ihr Coming Out als Trans-Girl anspielte, denn beim letzten Mal hatte sie ja noch als Joshua Fleming aufgespielt. Es hatten sich aber tatsächlich auch noch andere Änderungen ergeben: Cory Graves und Gitarrist John Pegido waren nicht mehr dabei. Dafür spielte der bisherige Bassist Mark Moncrieff nun die Lead-Gitarre (und das durchaus virtuos), während der neue Bassist Patrick Smith – der aussah, als käme er direkt von der Hauptbühne in Wacken – sich einen Spaß daraus machte, sein Spiel mit übertriebenen Heavy-Metal-Posen und Grimassen seinem Aussehen anzupassen – und sich damit eigentlich nahtlos in das sympathische Tohuwabohu auf der Bühne einfügte. Am Ende des Sets standen die Vandoliers mit entblößten Bierbäuchen auf der Bühne.
Im Handumdrehen hatten die Vandoliers die Halle in ein Tollhaus verwandelt – schafften es aber auch immer wieder regelrecht berührende Momente menschlicher Wärme zu erzeugen. Mit politischen Botschaften hielt sich Jenni Rose eher zurück – und bedankte sich lediglich im Allgemeinen dafür, als „Trans-Girl from Texas“ vom Publikum gefeiert zu werden. Aufgrund der derzeitigen Zustände in den USA werden es die Vandoliers zu Hause zurzeit nicht so einfach haben. Alte Gassenhauer wie „Too Drunk To Drink“ wechselten sich hier mit den neuen Rausschmeissern wie „Life Behind Bars“ ab – die Fans fühlten sich hier sogleich zu Hause. Was interessanterweise gleich geblieben war, waren die theatralischen Gesten, mit denen Jenni Rose das Material präsentierte. Kurzum: Sehr viel grandioser hätte das Static Roots Festival 2026 kaum zum offiziellen Abschluss gebracht werden können.
Die Betonung liegt hier auf „offiziell“, denn nach der Hallen-Auskehr spielten die Lincoln Skins (erstmals mit einer eigenen PA) noch ein mitreißendes Singalong-Set im „Garten“ und spielten ungefähr das Programm, mit dem sie am Donnerstag die Sache ja ins Rollen gebracht hatten. Unterstützt wurden sie dabei letztlich nicht nur vom Publikum, sondern auch noch von Jerry Leger und Jerry Joseph, die – wie etliche der anderen beteiligten Musiker – auf dem Festival verharrt hatten. Parallel dazu lief auf einem Beamer die Übertragung des Fußballspiels Norwegen gegen England, das ja bekanntlich zugunsten der inzwischen auch wieder ausgeschiedenen englischen Mannschaft ausging. Einen „Sudden Death“ gibt es beim SRF ja nicht, so dass die Veranstaltung dann irgendwann am frühen Sonntagmorgen mit viel „weh“ und „ach“ ausklang.
Eigentlich hätten da ja alle gerne noch weiter gemacht – aber das war dann irgendwann physisch unmöglich. Spirituell indes scheint die Sache dieses Mal nachhaltiger zu sein. Es ist jetzt schon eine Woche her, seit der letzte Ton auf dem SRF 2026 verklungen ist – die selig/heimelige, warmherzig beflügelnde Stimmung, die sich auch in diesem Jahr wieder eingestellt hatte, ist noch immer nicht verklungen und trägt durch den Tag. Wollen wir mal hoffen, dass sie sich noch einige Zeit hält…





















































