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Shivers & Soul
Jahr für Jahr – nun schon zum zehnten Mal – bucht der unverwüstliche Dietmar Leibecke ein prächtiges Line-Up nach dem anderen für sein inzwischen zur Institution gewordenes Static Roots Festival im Oberhausener Zentrum Altenberg zusammen – und jedes Jahr übertrifft er sich dabei nochmals in Sachen Originalität, Qualität, Menschlichkeit und internationalem Flair. Auch in diesem Jahr führte er wieder Musiker und Musikfreunde aus der ganzen Welt zusammen, die gemeinsam mit den Fans ein insgesamt dreitägiges, spirituelles Ereignis in Sachen Americana-Musikkultur zelebrierten. Acts aus Irland, Kanada, Schottland, England und den USA fanden so unter dem Motto „Shivers & Soul“ zusammen – denn wie es im Vorfeld des Festivals bereits kolportiert wurde, geht es beim Static Roots Festival ja darum, Schauer zu jagen und Seele zu finden. Beides ist aber auch in diesem Jahr nicht besonders schwierig, denn irgendetwas, was diesem Lebensmotto entgegengestanden hätte, war schlicht nicht auszumachen.
Wie schon im letzten Jahr gab es auch zur Jubiläums-Edition wieder eine vorgelagerte Welcome Night für die Static Roots-Fans, die schon am Vortag des Festivals anreisen. Es ging dabei um nicht mehr oder weniger als die Record Release Party von Emlyn Holden und seiner Band The Southern Fold, die im letzten Jahr das Static Roots Festival eröffnet hatten und die nun ihren neuen Longplayer „Beneath The Blaze Of The Burning Sun“ vorstellten – der offiziell zwar erst im Oktober auf dem Label Juke Joint 500 des langjährigen SRF-Freundes Reinhard Holstein erscheinen wird, aber an diesem Tag bereits zumindest als exklusive CD-Edition zu erhalten war.
Als Support waren dann noch die vier Musketiere von den Lincoln Skins dabei. Dabei handelt es sich um eine All-Star-Band aus Kilkenny, die aus den Static Roots-Veteranen Conan Doyle und Tony Cleery (Small Change), dem Slide-Gitarrero John Gleeson und dem Akkordeon-Virtuosen Gerard Moloney besteht. Die Lincoln Skins eröffneten das Festival dann nicht mit ihrer Show in Essen, sondern beschlossen es auch nach dem offiziellen Musikprogramm am Samstagabend mit dem SRF-typischen Singalong.
Allerdings fand die Welcome Night gar nicht in Oberhausen statt, sondern in Kooperation mit dem Jugend- und Bürgerzentrum (kurz „JUBB“) in Essen – was diejenigen, die ihre Übernachtungen in Oberhausen bereits lange im Vorfeld gebucht hatten, auf dem falschen Fuß erwischte, denn aufgrund der katastrophalen Verkehrslage im Ruhrgebiet war die Anreise sowohl nach Oberhausen wie auch nach Essen längst nicht so entspannt, wie es in der Ankündigung geklungen hatte. Sei es drum – von so etwas lassen sich SRF-Aficinados nicht unterkriegen: Die Glücklichen, die es rechtzeitig nach Essen geschafft hatten, erwartete dann im Garten des JUBB sozusagen der erste Teil der jährlichen Static Roots-Familienfeier – denn anders kann man das ja nun wirklich langsam nicht mehr nennen. Wo sonst schließlich trifft man bei Konzertereignissen ausschließlich auf Menschen, die man bereits kennt?
Zur schönen Tradition des SRF gehört es ja, immer wieder Musiker anzutreffen, die in diesen oder jenen Kombinationen bereits in der Vergangenheit aufgespielt hatten. Neben Conan Doyle und Tony Cleere (a.k.a. Small Change) gehörte auch Akkordeonist (und Elvis-Fan) Gerard Moloney zum Line-Up der irischen Lincoln Skins, die das Publikum mit ihren Bluegrass-/Country- und Folk-Cover-Versionen auf den Abend einstimmten. Ger Moloney hatte 2018 mit der Stephen Stanley Band auf der Bühne gestanden und tat das dann am ersten Festivaltag auch mit Ben de la Cour.
Dietmar fasste dieses Phänomen, das in den Liner Notes zur Ankündigung des Festivals recht elegant zusammen, wenn er sagt, dass es beim SRF eigentlich kein Line-Up im klassischen Sinn gäbe, sondern so etwas wie ein Netz von Menschen, die immer wieder ihren Weg zurück zum SRF finden. Das Programm, das die Lincoln Skins präsentierten (und teils zum Singalong nach dem zweiten Festivaltag noch mal wiederholten), bestand aus Personal Favorites – wie z.B. diversen Tracks aus dem Soundtrack von „O Brother Where Art Thou“ (wie etwa Jimmy Rogers’ „He’s In The Jailhouse Now“), dem Traditional „Wayfaring Strangers“, John Prines „Angel Of Montgomery“ aber z.B. auch Don Henleys „Boys Of Summer“ – die von dem Quartett mit Herzblut durch die Country-Mangel gedreht wurden.
Emlyn Holden hat das neue Southern Fold-Album „Beneath The Blaze Of The Burning Sun“ mit derselben Besetzung eingespielt, die im Vorjahr im Zentrum Altenberg auf der Bühne gestanden hatte – und die waren nun auch in Essen dabei (neu hinzugekommen war lediglich Drummer Darra Doyle). Bassist Brian McGrath gehört dabei übrigens ebenfalls zu den SRF-Veteranen – war bereits zum vierten Mal auf dem OBS und hatte bereits bei der ersten Ausgabe mit der Midnight Union Band auf der Bühne gestanden.
Wie frisch das Material der neuen Scheibe noch ist, zeigte der Umstand, dass die Band beim Soundcheck noch mal die Stücke durchging, um sich abzustimmen. Auf dem neuen Album – dessen poetischer Titel übrigens für eine Feier der Komplexität des Lebens an sich steht – gibt es nämlich mit Cello, Bläsern, Klavier diverse Klangfarben, die so auf der Bühne in Essen nicht reproduziert werden konnten und somit von Gitarrist Stephen Doohan irgendwie mit dem Effektpedal emuliert werden mussten (so etwa beim einleitenden Epos „The Sacred And The Shining Light“).
Das neue Werk bietet dabei zwar auch epische Tracks wie das letzte Werk „Bible Fear“ – aber keine klassischen Rocktracks. Es waren dann aber gerade solche Tracks, die beim Set in Essen am meisten überraschten. So etwa eine rau zelebrierte, druckvolle Version des monumentalen Düster-Epos „Death (Unforgiven)“, die The Southern Fold hier auf fast 15 Minuten auswalzten. Dieser Song hat wirklich alles zu bieten, was Emlyn und seine Musiker im Repertoire haben. Nicht umsonst ist das auch der Lieblingssong der charmanten Co-Vokalistin Madeleine Leclezio. Ebenfalls gut rocken tat das Songs:Ohia-Cover „Farewell Transmission“, bei dem Emlyn Holden seine Verehrung für Jason Molinas rezitativen Sprechgesang und Stephen Doohan die seine für schmirgelige Slide-Soli zum Ausdruck bringen konnten.
Freilich können The Southern Fold auch anders und präsentierten sich mit „Jesus Christ And The Holy Ghost“ oder dem Wilco-Cover „Ashes Of American Flags“ eher im moderaten (Noir)Country-Setting. Offensichtlich hatten Emlyn & Co. den Homecoming-Gedanken des Festivals wirklich verinnerlicht, denn sie besuchten das Festival an den folgenden zwei Tagen als Fans – und haben vor, das auch im nächsten Jahr wieder zu tun. Static Roots macht eben auch Musiker süchtig. Der Sound von The Southern Fold wird ja öfter als Gothic-Americana beschrieben – was damit zusammenhängt, dass Emlyn Holden sich gerne mit den düsteren Aspekten des Daseins und der Spiritualität auseinandersetzt. Seine Lieblingsfarbe ist dennoch nicht etwa „bibelschwarz“, sondern blau. Der Mann lebt die Düsternis dann eben in seinen Songs aus.
Der kommende Tag ging dann in Essen erst am Nachmittag so richtig los, nachdem die Static Ruhr Tour zum Abschluss gekommen war. Hier wartete dann das aus der SRF-Veteranin Live Miranda „Louien“ Solberg sowie Stine Andreassen (The Northen Belle) und dem Halvor Falck Johansen bestehende norwegische Trio Silver Lining auf die Fans, um diese mit angenehm temperierten Folk- und Folkpop-Songs auf das Festival einzustimmen. Neues Material ist gerade erst in Arbeit, deswegen mussten die Fans mit den Songs der älteren Alben und der EP „Four Little Songs“ von letztem Jahr vorliebnehmen – was aber nichts ausmacht, da die Stücke des Trios vor allen Dingen vollkommen zeitlos sind.
Es war dann auch sicher keine schlechte Idee, den Tag mit versöhnlichen, teils sogar lieblichen Sounds zu beginnen, denn im Folgenden sollte sich das Energie-Level stetig steigern – und das frühere Konzept, akustische Acts mitten im Programm zu platzieren, hatte sich ja auch nicht wirklich bewehrt. Um es noch mal kurz zu markieren: Silver Lining geht es offensichtlich nicht darum, mit lauten Tönen oder musikalischer Brillanz zu überwältigen, sondern darum, eine friedvolle musikalische Alternative zum Chaos unserer Tage zu präsentieren – und diese Aufgabe erledigte das Trio auf sympathische Art.
Aus einem ganz anderen Holz geschnitzt ist der amerikanische Americanoir-Troubadour Ben de la Cour, den sogar dem Moderator Jeff Robson nicht ganz geheuer erschien. Er habe Ben kennengelernt, als dieser ein Konzert bei ihm spielte und sich danach unerwartet in seinem Keller einnistete und dort für einige Zeit residierte. Musikalisch bot Ben de la Cour – tatkräftig unterstützt von Ger Moloney auf dem Akkordeon – eine Art Gegenentwurf zum harmonischen Sound von Silver Lining. „Ben de la Cour ist Anti-Silver Lining“, erklärte Jeff Robson und versuchte so, das Publikum auf die düsteren Mörderballaden um ulkige Schrat-Figuren vorzubereiten, die de la Cour zum Thema seiner Kunst gemacht hat.
Musikalisch fiel die Sache insofern aus dem Rahmen, als dass es Ben eher mit Gothic- und Blues-Szenarien hat („The Devil Went Down To Silverlake“), als mit solidem Americana-Männerschmerz auf Folk-Basis. Mit stoischer Eleganz hat er musikalisch trotz Akkordeon ziemlich viel dräuendes Moll im Angebot. Die richtige Einstellung und etwas Toleranz vorausgesetzt, machte das aber schon Spaß – zumal Ben mit Songs wie „I Must Be Lonely“ zumindest auch eine Spur Selbstironie demonstrierte. Insgesamt war das Ganze dann aber weit weniger experimentell ausgerichtet als auf den Studioproduktionen de la Cours – und somit durchaus SRF-kompatibel.
Kirsten Adamson ist die Tochter des 2001 verstorbenen Frontmanns der legendären schottischen Band Big Country. Musikalisch schlägt sich das in ihrem Repertoire nicht nieder, da es sich Kirsten auf die Fahnen geschrieben hat, dem musikalischen Vermächtnis ihres Vaters – der verstarb, als sie erst 16 war – insofern treu zu bleiben, als dass sie es nicht für persönliche Zwecke ausschlachten möchte und spielt nur selten seine alten Stücke (und in Oberhausen gar nicht).
Das würde auch nicht wirklich passen, denn statt epischem Stadiumrock hat sich Kirsten eher Americana-orientierte Roots-Rock-Sounds auf die Fahnen geschrieben. Auf ihrer aktuellen Scheibe „Dreamweaver“ kommt die Sache mit Country- und Songwriter-Touch daher und erinnert harmonisch und melodisch zuweilen gar an Courtney Marie Andrews (wieso spielt die eigentlich nicht mal auf dem SRF?). Auf der Bühne zeigte Kirsten zusammen mit ihrer Band The Tanagers dann aber, was sie wirklich im Schilde führte und präsentierte sich geradezu als versierte Rampensau. Barfuß und mit jeder Menge Attitüde tobte sie über die Bühne, duellierte sich mit ihrem Gitarristen Jon Mackenzie, animierte das Publikum und demonstrierte so eine beeindruckende Kontrolle über das Live-Geschehen.
Musikalisch ging die Sache dann stärker in Richtung Power-Pop als in Country-Gefilde. Kirsten spielte dabei eine Rickenbacker-Gitarre, was der Sache dann klanglich noch einen gewissen R.E.M.-Touch verlieh. Aber Kirsten kann auch anders: Der Track „My Father’s Songs“, in dem sie davon erzählt, dass sie ihren Vater ja nie richtig kennengelernt hatte – geriet zum berührenden, emotionalen Höhepunkt der ganzen Show. Dennoch: Den älteren Herrschaften im Publikum war das dann alles schon wieder zu laut.
Die freuten sich dann darüber, dass der Kanadier Leeroy Stagger (der ja der Erste gewesen war, der bei Dietmar Leibecke ein Hauskonzert gespielt hatte und der auch beim ersten Static Roots Festival dabei gewesen war) erneut den Weg nach Oberhausen gefunden hatte. Mit der größten Selbstverständlichkeit setzte Leeroy das fort, was er von zehn Jahren begonnen hatte und nahm das Publikum mit auf seine Version einer musikalischen Weltreise. Denn seltsamerweise erzählte Leeroy über und zwischen seinen Stücken mehr über Irland und Europa als viele seiner europäischen Kollegen.
Das aber ist ja gerade das Kennzeichnende der integrativen Kraft des Static Roots Festivals: Irland. Schottland, England, die USA und sogar Spanien, Norwegen und Schweden – werden im Geiste der Musik im Zeichen der Americana eins. Da gibt es keine Berührungsängste oder musikalischen Futterneid. Im Falle von Leeroy Stagger hatte das damit zu tun, dass er auf seinem vor kurzem veröffentlichten Album „Pilgrimage“ dem keltischen Folk zugesprochen hatte, anstatt auf der poppigen Americana-Schiene seines letzten Albums „3 AM Revelations“ aufzusetzen. Den Fans dürfte das Schnurz gewesen sein; Hauptsache, sie konnten in Erinnerungen schwelgen. Für viele war diese Show des sympathischen Barden sicherlich ein besonderes Highlight.
Besonders für Dietmar selbst dürfte indes der abschließende Gig des schwedischen Songwriters Jesper Lindell das Highlight gewesen sein. Als beinharter Lindell-Fan war es Dietmar Leibecke ein besonderes Bedürfnis gewesen, Lindell endlich einmal für das Static Roots Festival zu buchen. Der Zeitpunkt hätte dafür sicher nicht besser sein können, denn im März und Juni hatte Jesper Lindell die beiden 2024 in wenigen Tagen Back-To-Back in Memphis eingespielten Alben „Royal“ und „3614 Jackson Highway“ veröffentlicht, auf denen er seine Liebe für den Blue-Eyed-Soul mit einer Reihe von brillanten Coverversionen noch mal auf die Spitze getrieben hatte.
Und diese standen dann auch im Zentrum Altenberg auf dem Programm. Klanglich überraschten Lindell und seine Jungs dabei mit einem reduzierten Ansatz – denn die auf den Studioproduktionen allgegenwärtigen Bläsersätze fehlten aus logistischen Gründen in Altenberg. Dafür zeigten dann die beiden Keyboarder Carl Lindvall und Rasmus Fors, was in ihnen steckte, sodass im Zusammenspiel mit den Gitarren von Jimmy Reimers und von Jesper selbst ein Klangbild entstand, welches an das von The Band in ihren besten Tagen erinnerte. Auch eine Prise Van Morrison oder von Lindells Landsmann Nicolai Dunger (den Lindell freilich gar nicht persönlich kennt) ließen sich da heraushören.
Seltsamerweise war dann insbesondere für jene, die sich ansonsten gerne jeweils für den kleinsten gemeinsamen Nenner in Sachen Americana begeistern können, ausgerechnet diese mit viel Liebe zum Detail vielschichtig arrangierte, seelenvolle Musik wieder zu beliebig. Wie soll man sagen: Wenn es nichts zu meckern gibt, dann sucht man sich halt was (auch wenn das dann Quatsch ist).
Auch wenn das jetzt fast schon langweilig ist: Bis dahin war das Static Roots Festival mal wieder über jedwede Kritik erhaben und präsentierte sich in gewohnter Form mit jeder Menge Shivers und Soul. Seltsam nur, dass ausgerechnet diese Jubiläums-Ausgabe nicht restlos ausverkauft war – denn das, was es hier geboten gab, kann ja unmöglich auf der fiskalischen Seite eingespart werden.
Der 2. Teil folgt in Kürze…














































