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Kayleigh – Allein zu Haus
„Kayleigh“ muss zu Hause bleiben. Auch kein „Lavender“. Das Hit-Album „Misplaced Childhood“ wie auch die beiden ersten Alben „Script Of A Jester’s Tear“ und „Fugazi“ werden ignoriert. Mit dem charismatischen Frontmann Derek William Dick alias Fish schwangen sich Marillion zwischen 1983 und 1985 zu den besseren Genesis auf – mit einem Sänger, der Peter Gabriel in nichts nachstand. Das vierte Album „Clutching At Straws“ (sich an einen Strohhalm klammern) war dann der Schwanengesang der Urformation. Es ist das schwächste in diesem fabelhaften Platten-Quartett und findet in dem ersten Zugabenblock des Konzerts in Hannover mit einer Collage aus „Hotel Hobbies“, „Warm Wet Circles“ und „That Time Of The Night (The Short Straw)“ dennoch seinen Platz. Rhythmisches Klatschen, Gesangübernahme der 2.000 begeisterungsfähigen Fans vor der Parkbühne. Man merkt noch die Nähe zu den alten Marillion. Fish ging nach Differenzen, mit Steve Hogarth wird Marillion eine andere Band. Vom Übergangsalbum „Seasons End“ stammen der Titelsong und „Easter“, das den irischen Osteraufstand mit mystischer Landschaftsmalerei verbindet und zur Versöhnung aufruft – Jubel unter den Fans.
Dass sich Marillion freigeschwommen haben, offenbarte spätestens das Konzeptalbum „Brave“ (1994), inspiriert durch einen Radiobericht über ein Mädchen, das scheinbar orientierungslos auf einer Brücke aufgegriffen wurde. Kommerziell ein Flop, künstlerisch top. Davon zeugt am Ende des überwiegend exzellenten Gigs der in einem Guss gespielte Auszug mit „Goodbye To All That“, „Wave“, „Mad“ und „The Great Escape“. Alles da, was Progressive Rock ausmacht. Herrliche Klaviermelodien, einprägsame Refrains und bei „Mad“ der gestenreich unterstützte Sprechgesang des Verrückten, untermalt mit kreisenden Keyboards und einer verstörend dazwischenfunkenden E-Gitarre. Mit seiner weißen Lockenpracht erinnert Hogarth an den Zauberstab-Hersteller Garrick Ollivander, den John Hurt in den „Harry Potter“-Filmen verkörperte.
Mit dem Rock ist das bei Marillion allerdings so eine Sache. Sie bilden den Genre-Gegenpol zu Bands wie Dream Theater, gehören eher zur Pink Floyd-Fraktion. Vor allem, wenn Steve Rothery zu einem seiner formidablen Gitarrensoli ansetzt, die sich mit David Gilmores messen können. Ähnlich stoisch legt er so viel Gefühl in seine Linien, dass unwillkürlich Gänsehaut den Körper erfasst. Mit geschlossenen Augen in sein grandioses Spiel versunken, entzündet er bei dem hymnischen „The Space…“ ein Saitenfeuer, das sein Pendant in Hogarth‘ Vortrag findet, der sich hier die Seele aus dem Leib singt. Ein weiterer Höhepunkt eines Konzerts, das ein wenig braucht, bis es Fahrt aufnimmt.
Und natürlich kommt mit der einsetzenden Dämmerung auch die Lightshow besser zur Geltung. Mehr braucht es nicht, denn mit Hogarth hat Marillion einen charismatischen Sänger mit zahlreichen Klangfarben in der Stimme: zart, fast flüsternd, elegisch, falsettierend oder schreiend, eine breite Palette. Pete Trewavas‘ Bass donnert bei „Sounds That Can Be Made“ über die Rampe, Hogarth sendet gewaltige Keyboardschübe und schickt in der Coda symphonischen Bombast hinterher. Mit „Ribbons And Lace“ kündigen Marillion ein neues Album an. Man habe sich beim Schreiben zunächst schwergetan, doch nun könne es sogar ein doppeltes werden. Der Song haut beim ersten Hören ebenso wenig um wie „Out Of This World“, der sich um einen Geschwindigkeitsrekord auf dem Wasser dreht, bei dessen Versuch der zum Harakiri Neigende ums Leben kommt. Vocals, die ziellos über das Wasser gleiten, dräuende Synthies, die nicht vom Fleck kommen. Nicht alles zündet.
Wohl aber die vierteilige Suite „Care“ vom letzten Studioalbum „An Hour Before It’s Dark“. Das passt gegen 21:30 Uhr zur Abendzeit, wenngleich der Song tatsächlich von lebenserhaltenden Medikamenten, dem Umgang mit der Endlichkeit des Lebens, dem Loslassen und der Liebe zu den Nächsten erzählt. Lyrisch nicht frei von Kitsch, besonders in der Schlusssequenz, wenn Pflegekräfte und Ärzte als „angels on earth“ gefeiert werden. Das erinnert an das Klatschen für Krankenhaus-Personal in den Corona-Jahren. Musikalisch hingegen ist die epische Viertelstunde ein Triumph. Mark Kellys Keyboards und Synthie-Flimmern weben einen Klangteppich mit Rotherys Gitarre, die sich davon löst und zu den Sternen greift, die Hogarth bereits auf dem Hemd trägt. Schlagzeuger Ian Mosley ist hinter seinen Becken kaum zu erkennen und sorgt unaufgeregt für das rhythmische Rückgrat. Die Ergänzung um den Perkussionisten Andy Gangadeen, dessen E-Drums im Grunde nur bei „Afraid Of Sunlight“ in den Vordergrund treten, erschließt sich weniger. Auch dass sich Hogarth bei dem Song eine weiße E-Gitarre umhängt, hat eher einen dekorativen Zweck. Wie auch sein winterlicher Kapuzenmantel zu Beginn und anschließend die schwarze Flauschjacke, die vielleicht die Krähe in „The Crow And The Nightingale“ symbolisiert.
Zahlreiche Kinder wurden nach Marillions Megahit auf den Namen „Kayleigh“ getauft. Deren Eltern im Publikum mögen sehnsüchtig auf das Lied gewartet haben – für die Dramaturgie und den Sound der gegenwärtigen Formation hätte es nicht gepasst.

































