Platte der Woche KW 32/2026
Spätestens seit ihrer Deutschland-Headline-Tour im September des vergangenen Jahres und Festival-Auftritten wie beim OBS vor wenigen Monaten sollte es auch für deutsche Indierocker und Indierockettes kein Geheimnis mehr sein, dass Man/Woman/Chainsaw zu den spannendsten neuen Bands Großbritanniens zählen. Ihr nun erscheinendes Debütalbum „Cannonball“ unterstreicht das mit seinem postmodernen Spagat zwischen Anspruch und Catchiness eindringlich.
Mit diesen elf Songs zünden die Londoner Art-Punk-Provokateure praktisch vom ersten Akkord an ein musikalisches Feuerwerk. Das Sextett um die kreativen Köpfe Billy Ward und Vera Leppänen, die einst als Teenager begannen, gemeinsam Musik zu machen, liefert mit seinem Erstling ein Werk ab, das die rohe Energie der gefeierten Live-Shows perfekt in das Studio transportiert. Zwischen Post-Punk, Weirdo-Art-Rock und erstaunlich eingängigem Pop pulverisiert die Band immer wieder Genregrenzen und fängt im Spannungsfeld von emotionalem Stress und purer Euphorie das Lebensgefühl von Menschen Mitte 20 ein.
Kein Wunder, dass die ersten Kritiken in der britischen Heimat des Sextetts hellauf begeistert waren vom dynamischen Wechselspiel und der immer wieder aufblitzenden Theatralik, zumal Man/Woman/Chainsaw keine Mühe haben, eine perfekte Balance zwischen der rohen Intensität ihrer früheren Veröffentlichungen und der Art von radiotauglicher Eingängigkeit zu finden, an der heute für Superstars in Wartestellung kein Weg mehr vorbeiführt. Der Gesang wechselt derweil dynamisch zwischen Emmie-Mae Avery, Billy Ward und Vera Leppänen, was allein schon für eine ungeheure Vielschichtigkeit sorgt.
Vielleicht auch deshalb fühlt sich „Cannonball“ oft an wie eine unberechenbare Achterbahnfahrt. Das fast sechsminütige „Nosedive“ fungiert hierbei als emotionales Herzstück, ein hypnotischer Track, der zunächst in ähnlichen Sphären wie LCD Soundsystem oder St. Vincent zu Hause zu schein scheint, ehe er in einem Wall of Noise aufgeht.
„Goddamn, Lizard Man!“ bricht mit schmutzigem Rock’n’Roll, hektischen Streichern und nervösen Gitarren im Stile von Nick Cave & The Bad Seeds über das Publikum herein. Demgegenüber stehen Momente purer Verletzlichkeit wie beim unwiderstehlichen Ohrwurm „Only Girl“ oder dem famosen, sich beständig steigernden Rausschmeißer „Something Else To Give“. Das piano-lastige „Lighter“ betont dagegen passend zum Titel die leichtere, poppigere Seite der Band.
Anders gesagt: Man/Woman/Chainsaw verweigern sich auf „Cannonball“ starren Genrezuschreibungen, sind aber trotz oft sperriger Strukturen auch der Idee eines hymnischen Refrains nie abgeneigt. All das macht dieses ungestüme Album zu einem ebenso mutigen wie mitreißenden Debüt, mit dem Man/Woman/Chainsaw das Versprechen einlösen, das sie mit ihren aufsehenerregenden Konzerten in der Vergangenheit gegeben hatten.
„Cannonball“ von Man/Woman/Chainsaw erscheint auf Fiction Records/Universal.



