„In einer Zeit des Überflusses und der endlosen Ablenkung wendet sich die in New York lebende Sängerin und Songwriterin Margaret Glaspy dem Lärm ab und wendet sich etwas weitaus Wesentlicherem zu.“ So lautet der erste Satz der Pressematerialien zum inzwischen vierten Studioalbum der 37-jährigen Amerikanerin, der bereits unterstreicht, dass „I Am Both“ ein spürbar anderes Werk als der Vorgänger „Echo The Diamond“ von 2023 ist.
Denn während ihr letztes Werk eine oft angriffslustige, ja, kratzbürstige Alternative-Rock-Scheibe war, wendet sich Glaspy nun einem warmtönenden Sound zu. Mal verweist sie so auf ihre Anfänge im Indie-Folk-Umfeld, mal bricht sich aber auch die Art von bluesgteränkter, jazziger Freigeistigkeit Bahn, die vor wenigen Monaten „Scenes From Above“, das aktuelle Album ihres Ehemannes Julian Lage, zu einem Kandidaten für die beste oder zumindest klanglich einnehmendste Platte des Jahres gemacht hatte. Dass beide Alben vom dreifachen Grammy-Preisträger Joe Henry produziert worden sind, ist sicherlich kein Zufall.
Nach einer bewussten Social-Media-Abstinenz tippte Glaspy die Songtexte der elf neuen Lieder auf einer Schreibmaschine und fand dabei zu einer radikalen Klarheit zurück, die auf diesem Werk in jeder Note spürbar ist.
Unter der ebenso einfühlsamen wie unverkennbaren Produktionshandschrift Henrys, der in der Vergangenheit auch mit Lisa Hannigan, Bonnie Raitt oder Joan Baez zusammengearbeitet hatte, entfaltet sich auf „I Am Both“ ein minimalistischer, akustisch zentrierter Klangkosmos, der komplett ohne künstliche Studio-Gimmicks auskommt. Zusammen mit einer hochkarätigen Rhythmusgruppe – darunter Jay Bellerose an den Drums und Patrick Warren an den Keyboards – kreiert Glaspy fragile Klangwelten für komplexe zwischenmenschliche Beziehungsstudien.
Der fesselnde Opener „Michigan“ skizziert eine melancholische Flucht aus der Großstadt nach einer schmerzhaften Trennung, getragen von sanften Orgelklängen und präzisem Fingerpicking. Glaspys Stimme wechselt dabei spielerisch zwischen verletzlicher Intimität und ungeschönter Härte und klingt dabei genauso echt und ungefiltert wie die musikalische Begleitung. Passend dazu bewegt sich das Album thematisch im Spannungsfeld von Widersprüchen und Selbsterkenntnis.
Während „Petty“ von innerer Zerrissenheit und Reue erzählt, entwickelt sich das eindringliche „Sharp Knife“ zum emotionalen Höhepunkt: Ein fragiles, von sanftem Klavier begleitetes Statement über die Selbstbehauptung in einer immer bedrohlicher werdenden Welt. Sogar gesellschaftspolitische Töne finden auf „Martin Luther King, Jr.“ ihren Platz, wenn Glaspy Passagen aus einer Predigt des legendären Bürgerrechtlers aus dem Jahr 1957 vor dem Hintergrund aktueller Krisen in den USA neu beleuchtet.
Das allein verdeutlicht: Für „I Am Both“ schwebte Glaspy kein lautes Pop-Spektakel vor. Vielmehr liefert sie mit dem Album ein tiefgründiges Folk-Kleinod ab, das durch emotionale Direktheit und handwerkliche Perfektion besticht, ohne deshalb jemals steril zu klingen. Wer gedankenvolles Songwriting und eine zurückhaltende, aber dennoch lebendige Performance schätzt, wird hier mit einer der schönsten Platten des Jahres beschenkt.
„I Am Both“ von Margaret Glaspy erscheint auf ATO Records/PIAS.




