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Eine beeindruckende Gospel-Messe
Vielleicht ist es Nick Caves Darbietung seines Live-Klassikers „Red Right Hand“, der sein Open-Air-Konzert in Lingen am besten beschreibt. Ein Glockenschlag, Orgelschübe, der Meister auf dem Laufsteg. Ein Lied über das verlorene Paradies. Dämonisches Beben und die strafende Hand Gottes. Ein Fan reicht einen Zettel herauf, der Song verlangt zunächst Caves Schrei, dann ist Zeit für ein Autogramm. Fortsetzung mit La La La-Publikumschören, kakofonischen Ausbrüchen der Bad Seeds. Plötzlich und überraschend streckt sich Cave aus der Menge heraus ein roter Handschuh entgegen, er fasst die „rote rechte Hand“ – es ist ein magischer Moment. Am Ende erhebt sich der Publikumschor erneut, „It’s beautiful“, ruft Cave. Prägend für viele andere Songs ist hingegen der Ton des letzten Studioalbums „Wild God“, wenn eine beeindruckende Gospel-Messe zelebriert wird.
Stellvertretend für Caves religiöse Ader mag „Joy“ gelten. „I woke up this morning with the blues all around my head / I felt like someone in my family was dead“, singt Cave am Flügel sitzend. Den Tod zweier seiner Söhne hat er auf zwei Alben versucht zu verarbeiten, der Schmerz hallt noch immer nach. Doch die Liebe und der Glaube holen ihn aus dem Loch. „God have mercy on me, please“, barmt er, ein vierstimmiger Gospelchor setzt ein, es ist eine Transzendenz, die die Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits aufhebt. Ähnlich funktionieren „O Children“, „Carnage“ aus der Zusammenarbeit mit dem Multiinstrumentalisten Warren Ellis oder „Bright Horses“, zu dem Ellis lautmalerischen Falsettgesang beiträgt. „Here she comes“, flüstert Cave, als das an Metaphern reiche Liebeslied ausklingt.
Heftiger zu geht es bei „Tupelo“. Es zischt und grummelt, Schlagzeug und Bass geben den Beat vor, Caves Sprechgesang, immer wieder schwillt der Backgroundchor an und ebbt wieder ab – die Apokalypse ist fühlbar. Eine gespenstische Atmosphäre, geht es im Song doch um die Geburt von Elvis Presley und den tragischen Tod seines Zwillingsbruders. Als sei dies eine vorausschauende Vision des späteren Todes eines der beiden Zwillingssöhne Caves. „Papa Won’t Leave You, Henry“ donnert über die Rampe. Die 7.000 Fans grölen lautstark mit, singen die Yeah Yeah Yeahs nach. Cave legt eine Tanzeinlage ein, stürzt sich in die Menge, singt auf Schultern und auf Augenhöhe mitten im Publikum. Sicherheitspersonal drumherum braucht er nicht. „Hiding All Away“ beginnt mit martialischen Drumschlägen, die Sängerinnen in ihren wallenden Gewändern nun ganz vorn auf der Bühne. Man fühlt sich in einen Gottesdienst in Harlem versetzt. Cave als Prediger, der Gospelchor in Call-and-Response-Manier. „There’s a war coming“ steht in lodernden Lettern auf den Vorhang projiziert, der Reverend und seine Gemeinde steigern sich in eine Ekstase. Doch die Zeit sei reif für das Königreich im Himmel, glaubt der 69-Jährige in „White Elephant“, das sich nahtlos anschließt. Es mag ein Trost sein in unruhigen Tagen.
Caves Band, die Bad Seeds, sehen heute ganz anders aus als früher mit Blixa Bargeld und Mick Harvey. Caves wichtigster Partner ist der schratige Warren Ellis, der wild mit dem Geigenbogen herumfuchtelt, die Geige mitunter zupft oder wie eine Rhythmusgitarre spielt, gern einen kleinen Synthesizer zur Hand nimmt, aber auch mal eine Tenorgitarre. Bassist Colin Greenwood ist sonst mit Radiohead unterwegs, Gitarrist George Vjestica, Schlagzeuger Larry Mullins, Keyboarderin Carly Paradis und Percussionist Jim Sclavunus, der zudem Röhrenglocken und ein Vibrafon vor sich hat, komplettieren die hervorragende Tour-Band. Aus dem vierköpfigen Backgroundchor gesellt sich Janet Ramus für die Mörderballade „Henry Lee“ zu Cave, um den Part von PJ Harvey zu übernehmen. Ihre Soulstimme gibt dem Song eine neue Färbung. Den großen Hit „Where The Wild Roses Grow“ gibt es hingegen nicht. Dafür aber glüht der „Mercy Seat“, gewohnt eindringlich zelebriert.
Beim „Weeping Song“ im Zugabenblock drückt Cave einer Zuschauerin das Mikro in die Hand, um die Hände für eine Flamenco-Klatscheinlage freizubekommen. Nachdem sich die Musiker verabschiedet haben, begibt sich Cave noch einmal an den Flügel, um in der einsetzenden Dämmerung „Into Your Arms“ anzustimmen, dessen Refrain alsbald das Publikum übernimmt. Ein kollektiv bewegender Schlusspunkt.



























