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Schön kuschelig
Intime Melancholie trifft auf cineastischen Indie-Folk: In der Bochumer Goldkante hat Annie Bloch keine Mühe, an diesem Freitagabend gemeinsam mit ihrer Band das kleine, aber feine Publikum zu faszinieren. Wer den musikalischen Werdegang der in Köln lebenden Musikerin verfolgt hat – von ihren Anfängen an der Kirchenorgel in Diepholz über ihr Musikstudium im irischen Cork bis hin zu ihrem gefeierten, mit einem zehnköpfigen Ensemble eingespielten Album „I DEPEND“ im vergangenen Jahr -, weiß, dass sie sich stilistisch nicht gern festnageln lässt. In Bochum taucht sie in Quartett-Besetzung die Songs in ein anderes Licht.
Egal, ob Adrianne Lenker oder Sigur Rós – aus ihren Idolen hat Annie Bloch noch nie einen Hehl gemacht, und deshalb wird an diesem Abend schon nach wenigen Akkorden deutlich, wohin die Reise klanglich gehen wird. Im Spannungsfeld von fragiler Intensität und imposanter Breitwandigkeit blühen die Songs so richtig auf, wenn Bloch und Begleiter Carlo Tiedge an der Gitarre, David Helm am Bass und Jan Philipp am Schlagzeug nie zu lange im klassischen Folk-Minimalismus verharren und stattdessen lieber einen cineastischen Soundkosmos ins Visier nehmen. Der Spaß, den die vier am eigenen Tun haben, ist dabei offensichtlich, denn kaum ein Lied vergeht, ohne dass ihnen ein Lächeln übers Gesicht huscht.
Den eingangs erwähnten Referenzen zum Trotz wird dabei schnell klar, dass Bloch inzwischen eine unverkennbare Handschrift entwickelt hat, mit der sie sich wohltuend von ähnlich inspirierten Acts in Indie-Deutschland absetzt. Wo andere Musikerinnen und Musiker heute permanent auf der Suche nach der nächsten Neuerfindung sind und ständig alle Konventionen über Bord gehen lassen, darf man bei Bloch das Gefühl haben, dass sie in der beneidenswerten Situation ist, den für sie idealen Sound schon vor Jahren gefunden zu haben, und nun „nur noch“ an den Details feilt.
Einen ersten Höhepunkt gibt es gleich zu Beginn. Im Studio glänzt „On My Own Account“ mit orchestraler Opulenz, in der reduzierten Quartett-Version in Bochum jedoch sorgt ein neues Gefühl der Intimität für einen echten Gänsehautmoment. Unter die Highlights aus „I DEPEND“ mischen sich aber auch einige Nummern der ebenfalls im vergangenen Jahr erschienenen EP „Four Trips To The Shop“ und tatsächlich gehören „Coffees“ und „Scarlett Johanson“ die beim Publikum für die größte Begeisterung sorgen.
Das kleine Hinterzimmer der Goldkante, in dem der Großteil der Zuschauerinnen und Zuschauer in alten Polstersesseln sitzt, entpuppt sich dabei als genau der richtige Ort für dieses Konzert. „Schön kuschelig“, findet es Bloch die Location und das passt ausgezeichnet zu den warmtönenden Liedern.
Auch wenn an diesem Abend mit fabelhaften Songs wie „Car“ und „Drown“ Blochs Indie-Folk-Songwriting im Vordergrund steht, schimmert ihr Faible für experimentelle und improvisierte Musik immer mal wieder ein wenig durch. Gerade in den instrumentalen Übergängen werden die klassischen Pop-Strukturen gekonnt aufgebrochen, wenn ein Hauch von Jazz und Disharmonie die Ohren spitzen lassen. Diese kurzen, geradezu avantgardistischen Ausbrüche unterstreichen, dass Bloch mehr im Sinn hat als die gefällige Mitsing-Folk-Melancholie, die inzwischen längst den Mainstream erobert hat.
Soll heißen? Knapp eine Stunde lang – die sanft-intensive Solo-Zugabe „Jonsi“ inklusive – zeigt Annie Bloch in der Goldkante eindrucksvoll, dass sie derzeit zu den spannendsten und facettenreichsten Acts der deutschen Indie-Szene gehört.














