Platte der Woche KW 33/2026
Schon seit längerer Zeit hat sich Phoebe Bridgers aufgrund ihres Indie-Superstar-Status in Sphären entzogen, die sich mit irdischen Banalitäten scheinbar nicht mehr vereinbaren lassen. Kein Wunder – denn inzwischen verkehrt die Songwriterin aus Los Angeles in Kreisen, die nun wirklich keine Bodenhaftung mehr benötigen – und treibt sich im Umfeld von Leuten wie Paul McCartney, Lorde oder Taylor Swift herum (um nur einige zu nennen).
Ihren DIY-Spirit und Indie-Geist hat die Gute allerdings tatsächlich noch nicht verloren und legt mit „Lost Weekend“ ihr bislang – nun ja, wie soll man sagen – abenteuerlichstes, experimentellstes und ambitioniertestes Werk vor. Thematisch eingerahmt vom Thema „Lost“ arbeitet sich Phoebe Bridgers durch eine Sammlung meist zerbrechlicher Indie-Dystopien – die allerdings dergestalt mit Soundeffekten verfremdet sind, dass sie eher Hörspiel- als Song-Charakter haben.
Das „Lost“-Thema wird dabei zweigestalt behandelt. Im Schlüsseltrack „Lost Boys“ geht es um die niemals älter werdenden Lost Boys aus Peter Pans Neverland – seit jeher ein Symbol für die verlorene Kindheit und das Sehnen nach einer besseren Welt. Die Sache mit dem „Lost Weekend“ hat allerdings einen anderen Hintergrund: In dem gleichnamigen Film von Billy Wilder von 1945 geht es schlicht um Sucht und Alkoholismus. Auch wenn Phoebe in dem Song das Zerbrechen einer Beziehung während eines verlorenen Wochenendes schildert, sind ihr solche Themen ja gewiss nicht unbekannt.
Die beiden Tracks stehen dann übrigens stilistisch für die Extreme, zwischen denen sich das Material produktionstechnisch bewegt. „Lost Boys“ ist der im Vergleich konventionellste Bridgers Track mit einem hippiesken Grundgerüst, einem bittersüßen Melodiebogen und vor allen Dingen einem harmonisch ansprechenden Mitsing-Refrain. „Lost Weekend“ hingegen ist eine hingehauchte, fiebrige, psychedelische Kontemplation, die gegen Ende in ein musikalisches Delirium Tremens umschlägt, das wahrlich albtraumhafte Züge annimmt.
Es sind nicht alle Stücke aufgebaut, wie „Lost Weekend“ – aber alle bieten ihre produktionstechnischen Überraschungen. Mit Hilfe von gleich vier Co-Produzenten (Tony Berg, Ethan Gruska, Jack Antonoff und Alex G.) erschafft Phoebe Bridgers hier Klangwelten, die noch nie einem Menschen Ohr gehört haben. Bei Pop-Produktionen sind mehrere Produzenten ja für gewöhnlich ein Zeichen für kommerzielle Ambitionen – in dem Fall dürfte es aber darum gegangen sein, möglichst viele seltsame Ideen zusammenzutragen und zu verwirklichen.
Gleich im Opener „The Outside“ verwendet Phoebe Bridgers einen Vocoder (und nicht viel mehr), mal klingt es, als sei das Mikro ins Wasser gehalten worden oder als singe Phoebe durch einen Trichter oder in einer riesigen Halle – und in Songs wie „Lost Weekend“, „Panorama“ oder „Other Plans“ gibt es gar keinen richtigen musikalischen Fokus mehr. Der Hörer hat hier dann fast ungehinderten Zugang zu Phoebe Bridgers’ Unterbewusstsein (beispielsweise über die wortlose „Lost Parade“).
Neben „Lost Boys“ gibt es dann noch einige Songs wie „Bobby“, „Still Standing“ oder „Liberty Tree“, in denen Phoebe zumindest ansatzweise auf die Band-orientierte Ästhetik ihres zweiten Werkes „Punisher“ zurückgreift. Allerdings werden dann auch diese Songs mit viel Echo und Hall durch einen psychedelisch/hippieske Effektmangel gedreht und teils noch mit überbordenden hippiesken Arrangement-Details angereichert (Dulcimer? Fiddle? Banjo? W.T.F?).
Als Fazit ließe sich vielleicht sagen, dass Phoebe Bridgers mit „Lost Weekend“ keineswegs den Weg weiter beschreitet, den sie mit „Punisher“ eingeschlagen zu haben schien. Stattdessen ist sie wohl im Dickicht irgendwo links abgebogen, um zu schauen, was es da zu sehen gibt. Das hat natürlich auch seinen Reiz – und insbesondere die introspektive Whisper-Queen mit dem trockenen Humor und der Faszination für Serienkiller und andere psychische Probleme gibt es ja nach wie vor – aber die Frage, wie Phoebe Bridgers dieses Material (bzw. zumindest die psychedelischen Zutaten) künftig weiterverwenden will, steht erst mal ungelöst im Raum und wird durch die akustische Version von „Lost Boys“ (die aber auf der LP nicht drauf ist) noch nicht hinreichend beantwortet.
„Lost Weekend“ von Phoebe Bridgers erscheint Dead Oceans/Cargo.



