Leah Lavigne ist zunächst und vor allem eine Songwriterin – und erst in zweiter Linie die Frontfrau der New Yorker Rockband Ok Cowgirl. Das muss man sich immer vor Ohren halten, wenn es darum geht, das zweite Album des Ensembles aus Brooklyn wertzuschätzen – denn mit „Rhinestone Cowgirl“ haben Leah und ihre Jungs eine Art eigenes Subgenre erschaffen, welches sich ungefähr mit „Storyteller Softgrunge“ bezeichnen ließe. Wenn es um Rockmusik geht – die es auf diesem Album überwiegend zu hören gibt –, dann stehen ja für gewöhnlich nicht die Lyrics im Zentrum, aber Leah Lavigne schafft es, den Blick oder das Ohr des Hörers auf die einnehmenden Geschichten zu lenken, die die Basis der Ok Cowgirl-Songs bilden. Dabei können Ok Cowboy durchaus mit den Besten um die Wette – nun ja – „grungen“, denn das von Indie-Spezialist Andy Farrar produzierte Werk schmirgelt recht gut und kommt mit der bodenständigen Attitüde von Musikern daher, die die Zeiten vor „Algorithmen, Streaming und AI-Mumpf“ referenzieren.
Mit Country-Musik hat das Ganze übrigens trotz der Namensgebung recht wenig zu tun – außer im Sinne, dass Leah als Texterin Themen aufgreift, die auch in der Country-Welt gebräuchlich sind. Kleine Geschichten aus dem eigenen Leben und von Menschen aus dem Umfeld der Künstlerin, die mit den kleinen und großen Sorgen und Nöten aus dem Musikerleben irgendwie zurechtkommen müssen. Dabei erzählt Leah – mit einem Augenzwinkern – davon, wie der Rock’n’Roll das Leben zerstört habe (obwohl sie doch auch eine Hausfrau hätte sein können), oder davon, dass sie lieber jemand anderes, cooleres sein würde als sie selbst oder davon, dass man mit ihr Spaß haben kann oder dass Gott einen Farmer geschaffen habe – aber eben auch Klassenunterschiede. Die Sache mit dem Glitzer-Cowgirl ist dabei so etwas wie Projektion auf eine alternative Persona in einem möglichen besseren Leben (seltsamerweise in Texas).
Musikalisch bleibt die Sache dabei nicht alleine beim bereits erwähnten Soft-Grunge-Rock wie er im Opener „Rock’n’Roll Ruined My Life“ oder in der Single „Prepared To Lose“ zum Tragen kommt. Es gibt dann auch so Glam-Rock-Drive, edgy Indie-Rock und -Pop, mit dem abschließenden „Suspended Disbelief“ eine Ballade und mit „Coffee und Conversation“ einen Torch-Song-Jazz-Song, der auf angenehme Weise stilistisch aus dem Rahmen fällt (wie auch der Titelsong „Rhinestone Cowboy“, der als Alt-Country-Blues und Indie-Gospel-Flair überrascht).
Ok Cowgirl agieren bislang eher auf einem lokalen Level – allerdings dürfte die Band kurz vor dem Durchbruch stehen – jedenfalls was die Qualität dieses bemerkenswerten Albums betrifft, denn damit setzen Ok Cowgirl Messlatten in Sachen Old-School-Indie Rock, die erst mal gerissen werden wollen. Die dominierenden etablierten Genre-Queens in Sachen Indie-Rock sollten sich schon mal warm anziehen (Sharon oder Angel beispielsweise). Dass das Album dabei so rund und ausgeschlafen klingt und so viele ungewöhnliche, aber überzeugende musikalische Ideen bietet, nimmt kein Wunder – denn Ok Cowgirl sind schon acht Jahre im Geschäft und wissen langsam, wie so etwas geht. Kein Wunder, dass die Release-Shows in NYC im Handumdrehen ausverkauft waren. Nun stehen Ok Cowgirl bereit, zumindest die Indie-Welt zu erobern.
„Rhinestone Cowgirl“ von Ok Cowgirl erscheint auf Easy Does It.




