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Mehr ist mehr
Als Father John Misty seine aktuelle US- und Europa-Tour ankündigte, wurde schnell deutlich, dass es sich dabei um eine größere Angelegenheit handeln würde, mit der er nicht nur die Veröffentlichung seines vor etwa einem Jahr erschienenen Albums „Mahashmashana“ zu zelebrieren plante, sondern auch einige zwischenzeitlich erschienene neue Stücke vorstellen und einen umfassenden Überblick über seine ganze Laufbahn als Recording Artist zelebrieren wollte. Das galt natürlich auch für das einzige Konzert in Deutschland im Kölner Carlswerk Victoria, wo Father John Misty mit seiner Band einen zweistündigen furiosen Showcase seines ganzen Wirkens präsentierte.
An der besagten Laufbahn Father John Mistys hat ja bekanntlich der Produzent Jonathan Wilson als Freund und Mentor einen nicht unwichtigen, prägenden Anteil. Und dieser Jonathan Wilson hat nun auch das kommende Album „Bloodhorse!“ der australischen Songwriterin Grace Cummings produziert. Als sich die Möglichkeit bot, ließ sich Grace Cummings demzufolge nicht lange bitten, als es darum ging, Father John Misty bei der exklusiven Kölner Show als Support-Act zu begleiten – obwohl sie es sich natürlich nicht leisten konnte, eine ähnlich große Live-Produktion wie das „Father John Misty Kleinorchester“ aufzufahren, um den voluminösen Klangwelten Wilsons auch auf der Bühne abbilden zu können.
Für die meisten Fans dürfte die australische Musikerin noch eher ein unbeschriebenes Blatt sein, denn mit ihrem – ebenfalls von Wilson produzierten Durchbruchsalbum „Ramona“ von 2024 war sie hierzulande nicht großartig in Erscheinung getreten. Deswegen wurde ihr Auftritt – den sie zusammen mit dem Synthie- und Theremin-Spezialisten Miles Brown absolvierte – erst mal mit vorsichtiger Neugier aufgenommen. Jedenfalls so lange, bis Grace ihre raumgreifende Röhre vom Zaun ließ und die Dämonen, gegen die sie in ihren viszeralen Songgebilden ankämpft wie eine Naturgewalt in Grund und Boden croonte. Das übrigens keineswegs im Blues- oder Soul-Modus (wie angesichts von Graces Power-Röhre ja nicht überraschend wäre), sondern mit ihrem ganz besonderen Verständnis für genresprengende musikalische Optionen. Selbst als Grace – neben einigen älteren Tracks, wie auch dem Titeltrack des „Ramona“-Albums (die Kenner vielleicht noch hätten kennen können) – ihre neuen Songs „The Hills Are Alive With The Sound Of Morphine“ oder gar das ziemlich archaische „My God“ anstimmte, gab es allenthalben Begeisterungsstürme seitens des Publikums zu beobachten. Mag sein, dass die Fans schlicht froh waren, für die den Ticketpreis von 60 € noch einen ordentlichen Mehrwert geboten zu bekommen – aber tatsächlich schien es, als habe Grace Cummings mit diesem Auftritt viele neue Fans gewonnen – auch wenn die musikalische Umsetzung mit Klavier, Akustikgitarre und Electronics recht übersichtlich ausgefallen war und die Künstlerin gar nicht so kommunikativ rüberkam. Die Stimme machte es – und die duldete offensichtlich keinen Widerspruch.
Als Josh Tillman – so der richtige Name Father John Mistys – seine erste Show in Köln spielte (2006 bei einem Indie-Festival in der Kölner Kneipe Stereo Wonderland), war er noch ein unbeschriebenes Blatt. Dass er über 20 Jahre später als arrivierter Midsize-Superstar von 1.000 Leuten im verkleinerten Carlswerk Victoria zurückkehren würde, hätte er sich damals vermutlich ja selbst nicht vorstellen können. „Wie geht es?“, fragte er in einer für seine Verhältnisse seltenen Ansage, „wir waren ja schon länger nicht mehr hier. Was ist bloß mit uns passiert? Nun, wir haben die Dinge aus der Hand gegeben und jetzt sind wir alle Fremde.“ Wobei nicht ganz klar war, ob er damit einen Witz machen oder die politische Situation in den USA thematisieren wollte.
Wie gesagt, ging es ja bei dieser Show nicht alleine um die Präsentation des letzten Studio-Albums „Mahashmashana“ – dessen monumentaler Titeltrack im Zugabenblock einen opulenten, fast viertelstündigen Schlusspunkt markierte. Stattdessen gab es einen Überblick über die gesamte Karriere Father John Mistys, der ergänzt wurde um einige Songs, die nicht auf den regulären Studio-Alben zu finden sind – darunter auch die neuen Tracks „The Payoff“ und „Old Law“.
Die Show begann allerdings mit dem recht monumentalen Song „I Guess Time Just Makes Fools Of All Of Us“ vom besagten „Mahashmashana“-Album, der mit über zehn Minuten Länge fast ebenso epochal ausfiel, wie der bereits erwähnte epische Titeltrack – und der mit seinem lockeren Cocktail-Lounge-Groove und der mit heiterer Gelassenheit vorgetragenen wortreichen Narrative über die großen philosophischen Fragen des Lebens, seinen vielen Soli, der wuseligen Rhythmusgruppe und den begleitenden Saxophon-Einlagen von Tony Barba eigentlich alles präsentierte, was Father John Misty in diesem Format zu bieten hat.
Gleich im Anschluss gab es dann den Signature Song „Mr. Tillman“ – immer noch eine der besten Kompositionen Father John Mistys (der ja ausgerechnet seinen richtigen Namen für sein Alter Ego in seinen Songs verwendet). Der Song wurde dann mit Schmackes und Aplomb dargeboten und auch ordentlich gefeiert – bevor es dann mit „Nancy From Now On“ vom Debüt „Fear Fun“, „Being You“ vom aktuellen Album und „Goodbye Mr. Blue“ in einen Bereich ging, den Father John Misty scherzhaft als „Fake Jazz“ titulierte. Damit bezog er sich zwar auf sein operettenhaftes Werk „Chloe And The Nex 20th Century“, von dem der letztgenannte Song stammte, das passte aber auch zu der dieser gesamten Phase des Kölner Konzertes – einfach weil hier die Opulenz der Arrangements – die ein Jonathan Wilson vielleicht eher feinsinnig oder aber episch angelegt hatte – mit kitschigen Synthie-Sounds und Exotica-Einlagen in eine fast schon parodistische Richtung geführt wurden.
Eine dezidierte Richtungsänderung gab es dann allerdings gegen Ende der Show, als Father John Misty den neuen Track „Old Law“ (den die ernsthaften Misty-Jünger noch in seiner eher konfus inszenierten Urform als „God’s Trash“ kennen dürften) als druckvolle, kompromisslose Grunge-Rock-Nummer mit einer Prise Dystopia inszenierte. Sicherlich für viele das Highlight der gesamten Show. Musikalisch ernsthaft ging es dann mit den Tracks „I’m Writing A Novel“ und dem – ebenfalls episch ausgewalzten „So I’m Growing Old On Magic Mountain“ – weiter. Father John Misty leitete diesen Song mit einem seiner typischen Publikums-Banter – in dem Fall mit Leuten, die Geburtstag hatten oder zu heiraten gedachten – ein. „Es gibt Leute, die sich ein Ticket kaufen und mich dann bitten, auf ihren Hochzeiten zu spielen“, erzählte er zu diesem Thema, „ich sage dann immer: ‚Leute, so geht das nicht. Für diese Dinge gibt es ein Protokoll. Ihr schreibt mir per Mail und ich sage dann ‚Nein‘.“
Den Pop-Crooner ließ Father John Misty dann nochmal gegen Ende der Show mit „Real Love Baby“ und „I Love You, Honeybear“ von der Leine, bevor es im Zugabenblock dann mit dem Oldie „Pure Comedy“ wieder besinnlich wurde und auch endlich die brandneue Single „The Payoff“ gespielt wurde. Fazit: Mit dieser Show bekamen die Fans tatsächlich einen umfassenden Überblick über die gesamte Laufbahn des Meisters geboten. Auch das neue Album wurde angemessen repräsentiert und einige Oddities gab es ebenfalls. Dafür gab es dann weniger Misty-Comedy – ansonsten oft ein großer Teil der Shows – was aber sicherlich die meisten Fans gut verkraften konnten. Dafür gab es dann auf der musikalischen Seite einen für seine Verhältnisse gut gelaunten Father John Misty und eine gut eingespielte (wenngleich stets unauffällig im Hintergrund agierende) Band zu sehen. Gespart wurde dabei musikalisch an fast nichts: Mehr war hier tatsächlich auch mal mehr.
Wer übrigens diese einzige Father John Misty-Show in Deutschland auf der aktuellen Tour verpasst hatte, dem sei gesagt, dass es auf der Bandcamp-Seite des Meisters etliche aktuelle Live-Mitschnitte zu bestaunen gibt, auf denen sich alle Tracks, die in Köln gespielt wurden, in verschiedenen Live-Gestationen ebenfalls wiederfinden.





























