Was kann es langweiligeres geben als Bands, die im Live-Kontext bemüht sind, den Sound der Studioaufnahmen möglichst tongetreu zu replizieren, um den Wiedererkennungswert ihrer Kunst nicht in Frage zu stellen. Zum Glück gehören die Songwriterin CATT und ihre Musiker nicht zu dieser Gattung. Das ist auch kein Wunder, denn schon seit jeher hat CATT als Live-Musikerin eher auf die wundersame Welt der Inspiration (und der Improvisation) gesetzt, als auf ausgeklügelte Konzepte und durchgeplante Show-Formate.
In den Anfangstagen hatte das natürlich budgetäre Gründe, denn da zog sie ja oft alleine, als Solo-Musikerin mit Keyboard, Loop-Station und diversen Blasinstrumenten, durch die Lande. Das hat sich in den letzten Jahren aber gründlich geändert, als sie mit ihren Band-Musikern zu einer tighten Einheit verschmolz und nun sogar in der Lage ist, mit ihren Musikern auf der Bühne Dinge zu realisieren, die im Studio aus diesen oder jenen Gründen nicht Teil des Plans waren.
Und so überzeugen diese Live-Aufnahmen – die übrigens nicht bei einer Show en bloc eingespielt, sondern aus Konzert-Highlights aus verschiedenen Städten zusammengestellt wurden – dann vor allen Dingen durch die Elemente, die eben NICHT auf den Studioaufnahmen vorhanden sind. Das sind dann – neben improvisierten Jam-Passagen, bei denen sich Piano, Posaune, Trompete aber auch die Gitarre abwechseln – vor allen Dingen auch für die Bühne umgeschriebene Arrangements und um komplett neue Songteile erweiterte Versionen der Studio-Produktionen aus der gesamten Laufbahn von CATT.
Nur mal so als Beispiel: Der in Köln mitgeschnittene Opener „Changes“ enthält ein vollkommen neues, elaboriertes Dénuoement, inkl. sogar neuer melodischer Aspekte. „Willow Tree“ begeisterte in Wien sowohl mit einer inspirierten Piano-Passage wie auch mit einem mitreißenden Trompeten-Solo (ein entsprechendes Posaunen-Pendant gibt es dann bei dem Track „Shades“, der in Zürich mitgeschnitten wurde). „I’m The Wind“ wurde in Rotterdam als Akustik-Solo-Nummer eingespielt. „Surface“ kommt mit einem sacht groovenden Akustik-Setting aus, in dem es aber viel Raum für instrumentale Zwischenspiele an Geige, Klavier und Geige (teils im Duett) gibt. In Hamburg gab es ein psychedelisches Overhaul des pulsierenden Songs „Sea“, bei dem das Publikum als Taktgeber eingesetzt wurde. Und das abschließende „Curve A Line“ ergeht sich in neoklassizistischer Lautmalerei, bevor sich der Song erst in der zweiten Hälfte aus den perlenden Piano-Glissandi hervorschält. So etwas braucht Zeit: Viele der Tracks kratzen an der Fünf-Minuten-Grenze oder überschreiten diese – und das ist gut so, denn nur so können sich die Songs ja richtig entfalten.
Erkennbar ging es auf dieser Scheibe gar nicht so sehr darum, die „Live-Energie“ oder die Atmosphäre der Konzerte einzufangen, sondern CATT und ihre Musiker auf ihrer musikalischen Entdeckungsreise zu begleiten, auf der sie immer wieder die jeweils weniger beschrittenen Wege zum musikalischen Ziel wählten und somit sowohl der natürlichen Entwicklung ihrer Songs, wie auch der eigenen Neugier Rechnung tragen.
Noch eine Anmerkung: Anders als auf den Studioproduktionen standen dabei nicht ausgefeilte Vokal- und Chor-Arrangements im Zentrum. Stattdessen steht CATTs ungefilterte, klare Gesangsstimme im Mittelpunkt, was bei vielen Songs einen sehr viel intimeren Einblick in deren Seelen-Leben ermöglicht.
Als Fazit ließe sich vielleicht sagen, dass „Alive!“ eine Live-Scheibe ist, die selbst für Leute geeignet erscheint, die mit den Live-Scheiben bereits abgeschlossen hatten – weil es hier nämlich einen echten musikalischen Mehrwert als Ergänzung für das Studio-Schaffen der Künstlerin gibt.
„Alive“ von CATT erscheint auf Listenrecords.




