„Four“ ist keine Wiederveröffentlichung eines alten Albums, es ist das elfte der norddeutschen Band Lake. Deren erfolgreiche Jahre mit dem Sprung über den „Großen Lake“ basieren jedoch auf den ersten drei Platten mit so phänomenalen Songs wie „On The Run“, „See Them Glow“, „Lost By The Wayside“, „Jesus Came Down“ oder „Red Lake“. Der Westcoast- und Yard-Rock-Sound klang nach den Doobie Brothers und versprühte die Gischt des Pazifiks. Zudem hatte man mit dem Engländer James Hopkins-Harrison eine charismatische Stimme für den Leadgesang am Start. Man beginnt eine Tour als Support der Southern Rocker Lynyrd Skynyrd, spielt vor 20.000 Leuten. Und wären Lake nicht zu einer Radio-Session in Atlanta eingeladen worden, hätten sie in demselben Flugzeug gesessen, dessen Absturz drei Skynyrd-Musiker nicht überleben.
Die zweite Hälfte der 1970er Jahre war Lakes Zeit, doch bald nagen Alkohol und Drogen am Bandgefüge, ab 1980 bröckelt der Zusammenhalt. Hopkins-Harrison stirbt 1991. Gitarrist Alex Conti nimmt 2005 nach längerer Pause ein neues Album auf, geht mit „The Blast Of Silence“ auf eine Club-Tour und spielt die alten Hits. Die Gründungsmitglieder, Keyboarder Detlef Petersen, Organist Geoffrey Peacey, Bassist Martin Tiefensee und Co-Sänger Ian Cussick haben nichts einzuwenden, wollen aber nicht mitmischen. Conti lässt im CD-Booklet verlauten, die Tür stehe offen und er freue sich über eine Reunion. Die muss bis 2018 warten. Für die Lead-Vocals wird man mit Rob Reynolds erneut in England fündig. Erste Demos entstehen in Petersens Husumer Tonstudio, Corona sorgt jedoch für eine Pause. Erst acht Jahre später erscheint „Four“ und knüpft an die erfolgreichen Jahre an.
Die Kompositionen stammen aus Petersens Feder. Spätestens nach zwei bis drei Durchläufen setzen sich die Melodien in den Gehörgängen fest. Die mehrstimmigen Satzgesänge, im Mittelteil von „Wish I Was A Sailor“ a cappella dargeboten, werden immer wieder durch orchestrale Arrangements aufgepeppt. „Boy On A Mission“ und „The Road Is Long“ rocken recht gradlinig, freilich mit souligem Einschlag. Der entspannte Popsong „No Regrets“ beginnt mit Klavier und Akustikgitarre, wird von traumverhangenen Keyboards ergänzt, bevor sich Streicher darüberlegen und das Stück schließlich ruhig ausklingt. Hat man die ersten drei Songs als Warming-up auf hohem Niveau wahrgenommen, so holt einen die Platte ab hier. „All We Need“ besticht mit Chorgesang, einer eingängigen Hookline und einer prima E-Gitarre zum Ausklang. „City Of Silence“, in dem von einer weniger geräuschvollen Welt geträumt wird, klingt nach Toto. Hier trommelt bereits Jan Schnoor, der später hinzustieß. Bei vielen anderen Stücken schwingt der amerikanische Studio-Crack Kenny Aronoff die Drumsticks. Der Kontakt in die USA ist offensichtlich noch intakt.
Dem sonnendurchfluteten und streichergetragenen Hummelflug „Bumblebees“ folgt das treibende „Ordinary People“ mit einer Kritik an der Scheinwelt von Reality-TV und Social Media. Es ist der rockigste Song, der ursprünglich als Reggae angelegt war, wovon noch ein Teil übriggeblieben ist. Das soulige „This Can’t Go On (In My Life)“ ist mit seinem Bläser-Arrangement ein flotter Rausschmeißer. Der Pop-Rock-Song „Hey Sam“ blickt in die Glitzerfassade Hollywoods, New Yorks und Santa Monicas und nimmt Abschied vom amerikanischen Traum. Putzig, dass nach acht Jahren Arbeit an dem Album auf dem Cover ein Schnitzer unterlaufen ist: „Hey Sam“ wird an achter Stelle gelistet, kommt aber bereits an Position sechs zu Gehör. Nun denn.
Die Cover-Gestaltung knüpft ebenfalls an die ersten Alben an. Wenn erneut der Illustrator James McMullan und die Grafikdesignerin Paula Scher an Bord sind, schließt sich nicht nur musikalisch, sondern auch bildlich ein Kreis. Mögen die Doobies, Chicago, Toto und ein ganz bisschen frühe Steely Dan durchklingen: Lake waren und sind keine Epigonen, führen jedoch zurück in eine Zeit, als Songs wie „Time Bomb“ in den Charts zündeten und reichlich Airplay erhielten. 50 Jahre nach ihrem Debütalbum wird „Four“ wohl in einer Nische blühen. Ein Blick dorthin könnte gewinnbringend sein. Eine Deluxe Edition bietet als Extras Demos und alte Live-Aufnahmen. Für Hardcore-Fans.
„Four“ von Lake erscheint auf Lake/Open.




