Cathy Hamer als die Mutter von der auch hier bei Gaesteliste.de vielgeschätzten Singer/Songwriterin Kate Bollinger vorzustellen, wie dies in den Pressematerialien zu diesem feinen Fundstück geschieht, ist natürlich nicht falsch, verdreht aber ein wenig die künstlerischen Tatsachen.
Denn anders als etwa Nick Drakes Mutter Molly, die erst durch den Ruhm ihres Sohnes zu einer (posthumen) Plattenveröffentlichung kam, war es fraglos Hamer, die den Weg für ihre Tochter vorgezeichnet hat. Schließlich veröffentlichte sie bereits Ende der 70er-Jahre – und damit fast zwei Jahrzehnte vor Bollingers Geburt – ihre ersten Platten.
Dabei ist „veröffentlichte“ fast ein Euphemismus, denn tatsächlich erschienen das selbstbetitelte Debüt der jungen Musikerin aus Virginia und der Nachfolger „Lady Full Of Dreams“ damals als Privatpressungen in einer Auflage von nur 100 Stück, bevor sich Hamer als Musiktherapeutin und mit Veröffentlichungen von Kinderliedern neu erfand.
Neu aufgelegt von den Reissue-Spezialisten der Numero Group, vereint „Lady Full Of Dreams“ nun die besten Songs beider Platten und zeigt Hamer – passend zum Titel – als verträumte 20-Jährige, die in ihren Songs alte Hippie-Ideale und den zeitlos schönen Sound zwischen zartem Fingerpicking und Harmonieseligkeit am Leben hält, mit dem Joni Mitchell, Carole King oder James Taylor mehr als ein Jahrzehnt zuvor unsterblich geworden waren.
Die zurückgenommenen Arrangements dieser elf Songs zwischen Westcoast-Folk, Oldschool-Country und Yacht-Pop mit karibischem Flair sorgen dafür, dass die Aufmerksamkeit voll auf den herrlich emotionalen, ungefilterten Texten liegt, mit denen Hamer – ganz im Sinne und Stile der heuten Generation junger Singer/Songwriterinnen – ihr Innerstes nach außen kehrt und das Songwriting als Ventil nutzt, um prägende Ereignisse und emotionale Umwälzungen in ihrem Leben nachzuzeichnen.
Das führt sie zu evokativen Songtiteln wie „The Hurt is Still There“, „Confusion Blues“ oder „Untalkable Thoughts“, wenngleich sie, etwa in „When I Fall In Love“, die düsteren Wolken, die bisweilen über ihren Liedern hängen, auch mal beiseiteschiebt und mit „Jackson Browne“ sogar eine Ode an den titelgebenden „guitar man“ bereithält.
Obwohl zweifelsohne ein Produkt ihrer Zeit, klingen diese schon damals ein wenig aus der Zeit gefallene Songs trotzdem erfreulich frisch. Mit dezentem Understatement wird „Lady Full Of Dreams“ so zugleich zu einer Zeit- wie zu einer Entdeckungsreise.
„Lady Full Of Dreams“ von Cathy Hamer erscheint bei Numero Group/Cargo.



