Mit seinem ersten Longplayer seit dem 2019er Werk „American Love Song“ setzt der amerikanische Songwriter Ryan Bingham seine Karriere als Recording-Artist fort, die er in der Pandemie mit einer Sammlung von Cover-Versionen zunächst mal auf Eis gelegt und erst 2023 mit der EP „Watch Out For The Wolf“ wieder aufgegriffen hatte. In der Zwischenzeit konzentrierte sich Bingham zunächst System-bedingt um sein Privatleben: 2021 ließ er sich von seiner Frau Anna Axster scheiden, mit der er 12 Jahre zusammen war, drei Kinder hatte und ein gemeinsames Musiklabel geführt hatte – das er nun alleine weiter betreibt. Bereits seit 2018 war Bingham als Schauspieler in der Serie „Yellowstone“ seines Freundes Taylor Sheridan tätig – wo er dann auch seine jetzige Frau, die Schauspielerin Hassie Harrison kennenlernte. Die Musik hat Bingham in dieser Phase aber niemals so ganz losgelassen – wie nun auch das neue Album durch die retrospektiven Texte belegt – vor allen Dingen jene über die Sorgen und Nöte eines Musikers On The Road.
Als Bingham 2024 aus der Serie „Yellowstone“ ausschied, hatte er offensichtlich dann auch wieder Zeit und Muße an einer neuen Songsammlung zu arbeiten. Als er diese dann beisammen hatte, kam ihm die Idee sich für das neue Album mit den Texas Gentlemen zusammen zu tun – mit denen er zuvor immer mal wieder zusammen auf der Bühne gestanden hatte – wohl auch um seine mit der Auflösung seiner Band The Dead Horses unterbrochene Laufbahn als Band-Musiker wieder aufzunehmen.
Die Texas Gentlemen sind dabei so etwas wie die Wrecking Crew des Country-Rock und haben schon als Backing Band für Kris Kristoffersen, George Strait, Nikki Lane oder Ed Sheeran gearbeitet. Sie sind aber auch in eigener Sache musikalisch unterwegs und haben sich den Ruf erworben, so ziemlich alles authentisch und glaubwürdig spielen zu können; schon gar die Songs von Ryan Bingham, der auf dieser gemeinsamen Produktion so ziemlich alle Schattierungen des Heartland Roots-Rock wie auch der klassischen Americana-Songwriter-Traditionen perfekt bedient. Kein Wunder, dass Bingham mit dem lebhaften Honky Tonk Ditty „Ballad Of The Texas Gentlemen“ die Zusammenarbeit mit den Texas Gentlemen zum Theme macht und auch musikalisch feiert.
Ansonsten gibt es alles, was das Herz begehrt: Folk-Moritaten, Blues-Licks, Rock-Riffs, Country-Schmelz, Porch-Song-Seligkeit und mit der abschließenden Piano-Ballade „Twilight (Ghost Track)“ sogar so eine Art Spiritual. All das präsentieren Bingham und die Texas Gentlemen mit lässiger Chuzpe, betont spielfreudig und im Vergleich ziemlich „egdy“; vor allen Dingen aber ohne dabei tatsächlich die Klischees zu bemühen, die Standard-Americana-Scheiben für gewöhnlich so vorhersehbar und somit auch eher langweilig machen. Tatsächlich scheint Bingham ein ganz eigenes Verhältnis zu dem Genre zu haben, denn die Sache mit den Klischees begegnet er musikalisch und inhaltlich mit Übersicht, songwriterischem Geschick und einer gewissen Distanz.
Besonders aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang der Track „Americana“ – in dem es aber nicht um den Musikstil Americana geht, sondern um die Typen, über die in klassischen Americana-Songs gerne gesungen wird – allerdings mit einem coolen politischen Twist: In dem Song geht es um Working Class Rednecks, die vergeblich dem amerikanischen Traum nacheilen und sich für ein Leben im Schatten von Verschwörungstheorien und MAGA-Phantasien entschieden haben. Verstärkt wird der zynisch/ironische Blick auf diese Szene dann noch dadurch, dass die musikalische Umsetzung mit fast schon parodistischer Note das Line-Dance-Klischee bedient, das in Honky-Tonk-Kneipen fröhliche Urstände feiert.
Als Interpret scheint Bingham bei diesem Projekt auf seine Erfahrungen als Schauspieler zurückzugreifen und schlüpft als Erzähler in die Rollen der verschiedenen Charaktere aus deren Sicht er seine Stories erzählt. „They Call Us The Lucky Ones“ ist somit weit weniger autobiographisch wie es erscheint. Dennoch gelingt es ihm in Songs wie dem Titeltrack, „Blue Skies“, „Relevance“ oder „I’m Going Nowhere“ das Thema der Scheibe glaubwürdig auf den Punkt zu bringen: Das Dilemma des reisenden Musikers, eine Balance zwischen dem Ruf der Ferne und der der Verantwortung gegenüber den Daheimgebliebenen gerecht zu werden finden zu müssen. Ein Aspekt übrigens, der auch in dem Kurzufilm „Love Letter To Texas“ aufgegriffen wird, in dem sowohl Ryan Bingham, wie auch Hassie Harrison mitspielen.
Als einer der erfolgreichsten, mehrfach prämierten Vertreter seiner Zunft zeigt Ryan Bingham mit Hilfe der Texas Gentlemen mit diesem Album, dass man sich auch in der Americana bzw. Country-Szene seine Eigenständigkeit bewahren kann und sich nicht unbedingt dem Erwartungsdruck des Mainstream-Geschäftes beugen muss.
„They Call Us The Lucky Ones“ von Ryan Bingham & The Texas Gentlemen erscheint auf Thirty Tigers/Open.




