Eine interessante – aber heutzutage äußerst effektive – Methode hat die Duisburger Songwriterin Stina Holmquist entwickelt, sich an den zusammenbrechenden Mechanismen des Musikbiz vorbei als erfolgreiche Indie-Künstlerin zu etablieren. Anstatt sich dem üblichen Kreislauf von LP-Produktionen und anschließenden Touren anzuschließen, hat sie sich dazu entschieden, sich zunächst über ihre beeindruckende Live-Performances ein Kern-Publikum aufzubauen, das dann – gerne auch mit Hilfe des Digital Age – allmählich zu einer Fan-Gemeinschaft herangezüchtet wurde. Erst danach ging es daran, die im Live-Setting bereits bestens getesteten Songs auf Tonträgern zu verewigen. Dafür wählte Stina das Medium der EP-Produktionen – einfach weil sich so die musikalische Weiterentwicklung besser dokumentieren lässt, als mit eine LP – deren Herstellungsprozess sich ja über einen langen Zeitraum erstrecken würde – was für die Experimentierlust und die künstlerischen Ambitionen der emsigen Künstlerin eher hinderlich wäre.
Als Ergebnis dieses Prozesses liegt nun die zweite EP „If All My Hopes Find Answers“ vor – die mit sechs neuen Tracks sogar einen mehr als die Debüt-EP „It Dances On The Windowsills“ enthält. Bereits auf der Debüt-EP hatte die im Ruhrgebiet ansässige Songwriterin mit schwedischen Roots deutlich gemacht, dass sie sich (noch) nicht für einen bestimmten Stil entschieden hatte und den „bluesigen Americana-Touch ihrer elegischen Piano-Pop-Nummern“ (wie Kollege Carsten Wohlfeld das nannte) gegen einen modernen, zeitgemäßen Pop-Sound ausgetauscht, den sie dann zudem mit Disco-, Club- und New Wave Elementen anreicherte.
Auf der neuen EP geht Stina noch einen Schritt weiter und bohrt ihre neuen Songs in Richtung Art- und Kook-Pop auf. Insbesondere strukturell und melodisch stellen Stücke wie „Broken Glass“, „Try“, „Closing Doors“ in kompositorischer Hinsicht geradezu Quantensprünge dar. Das hängt damit zusammen, dass die Songwriterin Stina Holmquist nicht mit der erstbesten Idee zufrieden ist, die ihr in dieser Hinsicht in den Sinn kommt und demzufolge lieber noch ein Mal einen Halbton, einen Akkordwechsel, eine harmonische Wendung oder einen Refrain mehr als notwendig einbaut und sich auch die Mühe macht, zusätzlich für ausformulierte Bridges, Zwischenspiele, Intros und Denouments Sorge zu tragen, die den Songs zusätzliche dynamische Impulse verleihen. Nötig wäre das alles nicht – aber Stina arbeitet ja auch nicht nach dem Prinzip „so gut wie nötig“ sondern „so gut wie möglich“.
Nachdem die letzte EP noch von Alex Sprave produziert worden war, tat sich Stina dieses Mal mit Jochen Naaf zusammen, der mit seinen Arbeiten für Acts wie Maxim, Bosse, Klee oder Giant Rooks gezeigt hat, dass er ein Händchen für den Sound von ernsthaften Pop-Musikern aus unseren Breiten hat – und die neuen Tracks mit einem teils regelrecht opulenten Klangbild ausstattete. Hier setzt dann auch der wirklich einzige Kritikpunkt dieser Produktion an; denn der emotionale Gesang Stinas – der bei Live-Konzerten regelmäßig für Gänsehaut-Momente sorgt – hätte produktionstechnisch schon prägnanter und druckvoller in den Mittelpunkt gestellt werden dürfen; ganz so, wie es sich für eine Songwritern, deren erklärtes Ziel es ist, die Menschen mit ihren einfühlsamen Selbstfindungs-Songs vor allen Dingen auf der emotionalen Ebene berühren zu wollen, auch geziemte.
„If All My Hopes Find Answers“ von Stina Holmquist erscheint auf Wagram Stories Berlin.




