Platte der Woche KW 48/2025
„Niemals geht man so ganz“ – dieser Songtitel des Trude Herr-Klassikers ließe sich im Prinzip auch auf das letzte Album der australischen Band The Saints anwenden. Im April 2022 verstarb Chris Bailey – seines Zeichens einziges ständiges Mitglied auf dem Besetzungskarussell der von ihm, Ed Kuepper und Ivor Hay 1973 ins Leben gerufenen australischen Rockband – im Alter von 65 Jahren. Damit war faktisch dann das Ende der Band besiegelt. Die Aufnahmen zu dem nun vorliegenden Album „Long March Through The Jazz Age“ hatten aber bereits 2018 in Sydney stattgefunden – wobei nicht bekannt ist, weswegen das Werk zu Lebzeiten Baileys nicht herausgebracht wurde, bis heute durch das Veröffentlichungsnirvana geisterte und erst jetzt (am Vorabend von Baileys 69. Geburtstag) veröffentlicht wird.
Musikalisch kann es dafür keine Gründe gegeben haben, denn hier präsentierten sich Bailey und die beteiligten Musiker (darunter Drummer Pete Wilkinson, der – wie Bailey – seit 2005 in den Niederlanden lebte) mit jener Art von Gitarrenpop, den Bailey Zeitlebens seit dem Abgang Ed Kueppers in den 80ern bevorzugt hatte. Folk- und Jangle-Pop via Akustik und Rickenbacker-Gitarren ersetzten dabei den Rock-Drive früherer Tage (der die Ur-Saints auch schon mal in die Nähe von Punk-Rockern geführt hatte). Der balladeske Charakter vieler neuer Tracks wie „Vikings“, „A Vision Of Grace“, „Will You Still Be There“ oder dem Titeltrack „Carnivore (A Long March Through The Jazz Age)“ kamen dabei Baileys stets limitierten Fähigkeiten als Sänger eher entgegen. Einige Tracks brechen dabei aus dem Schema aus: So überrascht „Bruises“ mit einer bluesigen Note, der Titeltrack durch jazziges Noir-Flair und „Judas“ hätte (freilich mit mehr elektrischen Gitarren) von der Struktur her auch auf älteren Saints-Scheiben eine gute Figur gemacht. Interessanterweise wäre noch anzumerken, dass Bläser – stets ein Markenzeichen des Saints Sounds – auch auf dieser Scheibe noch implementiert werden. Auch Streicher und Keyboards finden ihren berechtigten Platz im Soundmix.
Inhaltlich beschäftigte sich Bailey hier mit einem kritischen Blick auf den Zustand der Welt – und legt damit in Songs wie „Empires (Sometimes We Fall)“ oder „Gasoline“ eine politische Note an den Tag – während er in anderen Songs wie „Bruises“, „Resurrection Day“ oder „Will You Still Be There“ (dem einzigen Song mit einer wehmütigen, stoischen Note) eine eher persönliche Sichtweise einnimmt. Eine Schicksalsergebenheit, Defätismus oder gar eine düstere Vorahnung ist dem Material allerdings nicht zu entnehmen, da Bailey stets für kämpferische, hoffnungsvolle Akzente Sorge trägt und oft eher nach vorne als zurück blickt. Musikalisch gibt es da zwar keine großen Überraschungen – aber auch keinerlei Ausfälle. Insgesamt ist dieses Album dann ein – so sicherlich nicht geplanter – würdiger Nachruf auf einen der beständigsten australischen Rock-Musiker überhaupt geworden.
Wie bereits ausgeführt, ist nicht bekannt, warum das Album so lange auf Eis lag – aber 2024 gab es anlässlich der Veröffentlichung der Boxed Set Edition des ersten Saints-Albums „I’m Stranded“ eine neue Initiative: Ed Kuepper und Ivor Hay – die beiden überlebenden Gründungsmitglieder – fanden sich mit Unterstützung von Mick Harvey, Pete Oxley und Mark Arm von Mudhoney (der die Rolle Baileys übernahm) unter der Bezeichnung The Saints ’73-’78 zusammen, um eine Tour zu Ehren des 50-jährigen Jubiläums der Veröffentlichung von „I’m Stranded“ zu spielen. Einer Tour übrigens, die die Band erstmals in die USA führte, immer noch andauert und die sie im Rahmen eines Europa-Ablegers auch in unsere Breiten führen wird. Neue Saints-Songs gibt es dabei zwar nicht zu hören, aber der Geist Baileys ist natürlich auch bei diesem Projekt vertreten. Wie gesagt: „Niemals geht man so ganz“.
„Long March Through The Jazz Age“ von The Saints erscheint auf Fire Records/Cargo.



