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Ihre Begleitmusiker hat die junge englische Saxofonistin Emma Rawicz seit der Veröffentlichung von „Chroma“, ihrem vor zwei Jahren erschienenen ersten Album für das renommierte Münchner Jazz-Label ACT, ausgetauscht, den Ansatz, beeindruckend abwechslungsreiche Musik zu machen, die von Freude, Improvisation und Experimentierwillen befeuert wird, hat sie sich dagegen auch auf ihrem just veröffentlichten neuen Album „Inkyra“ erhalten. Rock, Fusion, Funk, lateinamerikanische Rhythmik und (bei der Wahl der Songtitel) ein Hauch von Joni Mitchell – die Interessen der Saxofonistin, Komponistin und Bandleaderin sind breit gefächert.
Nein, Gaesteliste.de will sich jetzt nicht zum Jazz-Fachblatt aufschwingen, aber für Emma Rawicz schauen wir dennoch gerne mal über den Tellerrand. Gerade einmal 23 Jahre ist die im ländlichen Devon aufgewachsene Senkrechtstarterin alt, trotzdem ist sie längst eine der meistbeachteten europäischen Jazzmusikerinnen ihrer Generation – oder wie es im The Guardian in Großbritannien so treffend hieß: „Emma Rawicz ist im Sprint gestartet – und die Warp-Geschwindigkeit ihrer Entwicklung zeigt keine Spur einer Verlangsamung.“
Das ist nicht geflunkert, denn auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, dass sich alles, was sie anfasst, in Gold verwandelt: Stillstehen hat die von Natur aus neugierige und abenteuerlustige Musikerin bislang nicht gelernt. Nachdem sie während der Corona-Pandemie erstmals auf sich aufmerksam gemacht hatte, indem sie ihre täglichen Übungs-Routinen auf Instagram dokumentierte, erschien 2022 ihr u.a. mit dem Gitarristen Ant Law eingespielter Erstling „Incantations“, bevor seit dem Wechsel zu ACT nicht nur „Chroma“ und „Inkyra“ entstanden, sondern auch noch das im Frühjahr veröffentlichte Duo-Album „Big Visit“, für das Rawicz mit dem walisischen Meisterpianisten Gwilym Simcock gemeinsame Sache macht, den vielleicht auch Nicht- Jazz-Aficionados aus der Band von Pat Metheny kennen können. Im Dezember sind die beiden in München, Schwäbisch-Gmünd und Frankfurt auch live in Deutschland zu erleben, bevor Rawicz im kommenden Frühjahr mit ihrem Quartett bzw. Sextett nach Essen, Bielefeld und Feldafing kommt und auch als Gast der WDR-Big-Band hierzulande auf der Bühne stehen wird.
Rawicz Errungenschaften sind umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sie verhältnismäßig spät zum Saxofon gekommen ist. Schon als Kind spielte sie klassische Violine, aber erst als Teenagerin verliebte sie sich nach dem Besuch eines Big-Band-Konzertes in den Klang des Saxofons. Sie studierte an der Junior Guildhall School of Music and Drama, an der Chetham’s School of Music und anschließend an der Royal Academy of Music, wo namhafte Künstler wie Gareth Lockrane oder Ivo Neame ihre Mentoren (und später auch Bandmitglieder) waren. Dass sie so tief in den Jazz eingetaucht ist, war trotzdem ein Stück weit Zufall – ein falsch ausgefülltes Musikschul-Aufnahmeformular brachte sie endgültig auf den Weg, oder wie Rawicz selbst sagt: „Das war der beste Fehler meines Lebens.“
Auf „Inkyra“ fließen nun all diese Einflüsse und Erfahrungen, von den handverlesenen Mitstreitern Scottie Thompson (Tasten), Kevin Glasgow (Bass), David Preston (Gitarre) Jamie Murray (Schlagzeug) sowie dem bereits erwähnten Gareth Lockrane (Flöte) spielfreudig und facettenreich interpretiert, bruchlos in zehn betont kurzweiligen und doch bemerkenswert komplexen Nummern zusammen, die vom musikalischen Intellekt Rawiczs zeugen. Auf der musikalischen Reise, zu der sie ihr Publikum mit „Inkyra“ einlädt, ist es deshalb vom spirituellen, kosmischen Sound der 60er und 70er in die Gegenwart nur ein Katzensprung. Dass sie sich für ihre neuen Songs auch von Joni Mitchell inspirieren ließ, unterstreicht, dass Rawicz begriffen hat, dass die Inspiration überall lauern kann.
Inzwischen sowohl in Berlin als auch London und Devon heimisch, blüht Rawicz aber nicht zuletzt auch im Live-Kontext auf. Denn sobald sie auf der Bühne steht, sind ihr Genre-Scheuklappen fremd, wenn sie ihre Freude am Experimentieren und Improvisieren auslebt. Eindrucksvoll unterstrich sie das, mit ihrem Inkyra-Ensemble im Rücken, erst vor einigen Wochen bei Gastspielen in Köln und Leverkusen.
Ohne Legenden wie Joe Henderson oder Wayne Shorter aus den Augen zu verlieren, die in der Vergangenheit ein wichtiger Einfluss für sie waren, bewegte sie sich auf der Bühne immer wieder an der Schwelle von Rock und Fusion, schlug aber auch einen Bogen von unwiderstehlicher Funkyness („Particles Of Chance“) zu brasilianischer Rhythmik („Marshmellow Tree“), als gäbe es keine leichtere Übung für sie.
Begeistern kann die Britin aber nicht nur mit dem, was sie macht, sondern auch damit, wie sie es macht. Die Freude über ihr Zusammenspiel mit ihrer Band stand ihr die gesamte Zeit ins Gesicht geschrieben, und die ansteckende Spielfreude, mit der die Musikerinnen und Musiker alte Tugenden in die Gegenwart katapultierten, übertrug sich auch auf das restlos begeisterte Publikum im Saal.
Anfang Dezember hatten wir die große Freude, mit Emma Rawicz über die besondere Rolle der Musik in ihrem Leben, die Faszination für ein althergebrachtes Genre wie den Jazz, die ungewöhnliche akribische Genese ihres neuen Albums und die „nervenaufreibenden“ anstehenden Duo-Konzerte mit Gwilym Simcock zu sprechen.
GL.de: Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben, welchen Zweck erfüllt sie und wie hat sich das im Laufe der Jahre verändert?
Emma Rawicz: Wow! Das ist eine weitreichende Frage! Nun, soweit ich mich erinnern kann, war Musik schon immer ein zentraler Bestandteil meines Lebens, sogar schon bevor ich ein Instrument spielte. Ich habe immer gesungen, ich habe immer versucht, mir Musik anzuhören, und selbst als ich noch ein kleines Kind war – wenn es irgendwo ein Instrument gab, habe ich versucht, es zu spielen, auch wenn ich nicht wusste, was ich da eigentlich tat. Musik in all ihren Formen hat mich schon immer fasziniert. Ich erinnere mich, dass ich schon in sehr jungen Jahren versucht habe, zu komponieren, auch wenn das, was ich damals geschrieben habe, wahrscheinlich furchtbar war (lacht). Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über Musik nachdenke und mich nicht auf irgendeine Weise mit Musik beschäftige, was ja durchaus Sinn ergibt, weil sie ja mein Job ist. Aber Musik ist mehr als das für mich, sie ist Leben. Ich kann meinen Alltag nicht wirklich von der Musik trennen. Die Musik ist immer in mir.
Die Musik ist auch eine wunderbare Kraft, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, seien es die Menschen im Publikum, in der Band oder einfach Musikbegeisterte. Ich finde, dass Musik eine ganz besondere Möglichkeit bietet, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Ich glaube, dass sie diese erstaunliche Funktion hat, nicht nur dem Einzelnen Glück zu bringen und ihm zu helfen, sich selbst und die Welt um sich herum zu verstehen, sondern auch andere Menschen zu finden und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, was meiner Meinung nach trotz sozialer Medien und trotz aller Möglichkeiten, die es heute gibt, um miteinander in Verbindung zu bleiben, immer schwieriger wird. Ich finde, dass uns die Musik (und viele andere Kunstformen) die Möglichkeit gibt, ohne große Voraussetzungen zusammenzukommen. Es muss keinen bestimmten Zweck geben, damit Menschen durch Musik miteinander in Kontakt treten.
GL.de: Die Geschichte, dass du als Teenager eine Big Band gesehen hast und dich ins Saxofon verliebt hast, ist gut dokumentiert, aber gab es zuvor einen Moment, in dem Musik erstmals wirklich Eindruck auf dich gemacht hat?
Emma Rawicz: Es ist schwer, ein bestimmtes Ereignis herauszugreifen, aber die erste Musik, die mich wirklich bewegt hat, war wahrscheinlich Filmmusik. Das war auch der Rahmen, in dem ich mit vielen verschiedenen Arten von Musik in Berührung kam und begriffen habe, dass es viele verschiedene Sounds und viele verschiedene Genres gibt, obwohl ich das damals noch nicht in Worte hätte fassen können. Es gab ein paar Filme, die ich als Kind gesehen habe und bei denen ich dachte: „Das ist das Unglaublichste, was ich je gesehen habe!“ Dazu zählten Sachen wie die Soundtracks von John Williams, aber auch das Theremin im „Doctor Who“-Titelmusik oder die wirklich minimalistische elektronische Musik in Filmen wie „Pay It Forward“ (auf Deutsch: „Das Glücksprinzip“). Das alles interessierte mich sehr, und für eine ganze Weile wollte ich deshalb Filmkomponistin werden, weil ich Musik für Filme mit einer wirklich breiten musikalischen Farbpalette und der Fähigkeit verband, beim Publikum sehr viele verschiedene Emotionen hervorzurufen.
Ich habe mich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich auf Film- und Fernsehmusik gestürzt, weil es in meiner sehr ländlichen Heimat nicht viel Live-Musik gab. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum es für mich etwas ganz Besonderes war, wenn ich doch einmal die Gelegenheit hatte, Live-Musik zu hören. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit sieben oder acht Jahren mit meiner Mutter ein Musical in London gesehen habe, „Das Phantom der Oper“ von Andrew Lloyd Webber. Ich weiß, dass viele Leute keine großen Fans von Andrew Lloyd Webber sind, aber allein schon die ersten Akkorde des Musicals zu hören, die Kraft dieser von echten Menschen gespielten Musik selbst mitzuerleben, das war so dramatisch! Ich erinnere mich, dass das wirklich ein entscheidendes Erlebnis war. Dass mich die Musik aus Musicals, Filmen und dem Fernsehen anfangs so bewegt hat, lag sicherlich auch daran, dass das für mich die häufigste Gelegenheit war, verschiedene Arten von Musik zu hören.
GL.de: Du hast gerade beschrieben, dass du als Kind viele verschiedene Arten von Musik gemocht hast. Offensichtlich hat aber irgendwann der Jazz die Oberhand gewonnen. Was hast du in diesem Genre gefunden, was es für dich anderswo nicht gab?
Emma Rawicz: Es hatte einfach eine Tiefe, die ich in anderer Musik, die ich hörte, nicht spürte. Wichtig ist auch, dass ich, bevor ich zum Jazz kam, viel Musik hörte, aber nicht sehr gezielt, sondern eher zufällig, weil mir niemand sagte: „Oh, das solltest du dir anhören, damit solltest du dich beschäftigen!“ Also hörte ich einfach das, was im Radio lief, das, was meine Freundinnen und Freunde hörten, oder die Soundtracks zu Filmen, die ich mochte. Es war alles sehr zufällig. Ich hatte Spaß daran und war sehr aufgeschlossen, aber als ich dann den Jazz entdeckte, gab es da so viel mehr. Zunächst einmal steckt so viel Geschichte dahinter, es gibt so viel über das Spielen und die Beziehungen der Musikerinnen und Musiker untereinander zu wissen. Da steckt eine komplette social history dahinter, es gibt echte Stories, und das war etwas, das ich in anderer Musik nicht gefunden habe.
Außerdem war mir das Konzept des Improvisierens bis zu meiner Entdeckung des Jazz völlig fremd. Ich versuchte zu verstehen, wie um alles in der Welt die Leute diese Musik in Echtzeit erschaffen konnten und wie um alles in der Welt sie so einzigartig sein konnte. Das hat mich wirklich umgehauen. Ich wollte mir das wieder und wieder anhören: „Okay, aber wie haben sie das gemacht? Wie sind sie darauf gekommen?“ Ich hörte auch diese spontanen Momente der Verbindung zwischen den Bandmitgliedern, bei denen man selbst als absoluter Neuling erkennen konnte: „Oh, das wollten sie eigentlich nicht spielen, aber dann hat der Schlagzeuger das sofort aufgegriffen…“
Diese Art von sozialem Element, das man in Echtzeit miterleben konnte, war etwas, das ich bis dahin in keiner anderen Musik gehört hatte, da ich zuvor nur Pop, ein wenig Rock und etwas klassische Musik gehört hatte. Das gefiel mir auch sehr gut, ich fand das cool, aber natürlich gab es in all diesen Bereichen und insbesondere in der Musik, die ich aus diesen Bereichen hörte, überhaupt keine Improvisation. Alles war geplant, sehr produziert, und bei klassischer Musik war es natürlich niedergeschrieben und wurde viele Jahre lang auf die gleiche Weise gespielt. Das war damals meine einzige Beziehung zur Musik, diese vorbestimmte Vorstellung: „Okay, man schreibt Musik und dann wird gespielt, was auf dem Blatt steht.“ Der Jazz bot mir eine Möglichkeit, über Musik nachzudenken, die völlig außerhalb dieser Vorstellung lag. Da ich immer nur Musik nach Noten gespielt und in dieser Welt gelebt hatte, in der man weiß, was passieren wird, war das für mich ein großer Aha-Moment.
GL.de: Du hast deine Musik als „fröhlich, improvisiert und abenteuerlich“ beschrieben. Das ist eine sehr treffende Beschreibung, aber ist das eher das Ergebnis einer Rückschau, bei der du erkannt hast, dass deine Musik genau das ist, oder ist es eher ein Ziel, etwas, das du erreichen möchtest?
Emma Rawicz: Es ist definitiv ein Ziel! Ich versuche das stets zu kultivieren, besonders in einer Bandsituation, egal ob es sich um ein Duo, ein Sextett oder eine Big Band handelt. Für mich als Bandleaderin ist es wirklich wichtig, darüber nachzudenken: „Welche Art von Umgebung schaffe ich für die Menschen, die hier sind? Wie kann ich sie dazu ermutigen, eine noch bessere Umgebung zu schaffen?“ Denn wenn man improvisiert, ist es ungeheuer wichtig, dass es einen kollektiven Geist gibt, dass alle dasselbe Ziel verfolgen. Denn wenn das nicht der Fall ist, dann wird es sich flach anhören – selbst wenn alle technisch brillant spielen können und keine Fehler machen. Man braucht diesen besonderen Funken und muss Risiken eingehen, aber auf eine sehr unterstützende und freudvolle Art und Weise. Das versuche ich mir selbst immer vor Augen zu führen, wenn ich spiele: Wir probieren Dinge aus, wir experimentieren und wir unterstützen uns gegenseitig. Das klingt vielleicht etwas kitschig, aber ich finde es sehr wichtig, denn wenn man diese Art von Befreiung, dieses freudige Ereignis heraufbeschwören will, dann müssen sich alle sehr sicher fühlen und in der Lage sein, ganz sie selbst zu sein.
Rückblickend würde ich meine Musik als fröhlich, improvisiert und abenteuerlustig zumindest in den Fällen beschreiben, in denen das gelungen ist, aber es ist sicherlich keine statische Angelegenheit. Es ist etwas, das ich mir ständig in Erinnerung rufen muss, das ich in meine Zielsetzung einbeziehen muss, wenn ich spiele. Ich muss mir sagen: „Okay, wir wollen wirklich etwas Neues, Aufregendes und Fröhliches schaffen.“ Wenn das ernsthaft dein Ziel ist, dann ist es normalerweise immer noch ein gutes Konzert, selbst wenn alles schiefgeht (lacht).
Darauf komme ich immer wieder zurück: Egal, was passiert, ob es ein technisches Problem gibt oder jemand wegen eines annullierten Fluges zu spät zum Auftritt kommt oder wir die Noten vergessen und einfach alles schiefgeht – wenn wir mit der richtigen Einstellung daran gehen, kann es trotzdem eine wirklich positive Erfahrung für die Band und das Publikum sein. Das Erlebnis für das Publikum und die Band ist wichtiger als die technischen Details der Musik, denn sonst kann es ziemlich kalt wirken und die Verbindung geht verloren.
GL.de: Apropos Verbindung: Wie wählst du die Musikerinnen und Musiker für deine Projekte aus? Welche Qualitäten müssen sie besitzen, damit sie gut zu dir passen?
Emma Rawicz: Das ist interessant, denn ich glaube, bei den meisten Leuten, mit denen ich spiele und gespielt habe, sagte ich mir vorab nicht: „Mit dieser Person möchte ich gerne mal spielen!“ Natürlich ist das auch schon vorgekommen, und das war auf seine Weise toll, aber meistens trifft man sich einfach in einem musikalischen Zusammenhang und merkt, dass es funktioniert, und das war’s dann! Man fängt an, zusammen zu spielen! Was all diese verschiedenen Menschen, mit denen ich gerne spiele und die ich schließlich bitte, in meinen Projekten mitzuwirken, gemeinsam haben, ist eine wirklich starke musikalische Identität. Wenn sie spielen, erkennt man sofort, dass sie es sind. Das ist für mich sehr wichtig, denn das ist für mich der Sinn der Improvisation.
Wenn wir improvisieren, dann wird jede einzelne Performance in gewisser Weise einzigartig sein. Das sind die Dinge, die mich wirklich inspirieren, dieses: „Wow, so hätte ich das nie gesehen“ oder „Das ist ein unglaubliches Risiko – ich sollte auch mutiger sein, wenn ich improvisiere!“
Im Grunde genommen spiele ich gerne mit Leuten zusammen, die mich kreativ herausfordern, die mich als Mensch inspirieren und die mich dazu motivieren, besser zu werden. Das sind die Menschen, mit denen ich mich gerne umgebe. Ich finde es immer toll, die Schlechteste in der Band zu sein. Wenn ich auf der Bühne stehe, denke ich gerne: „Oh mein Gott, ich weiß nicht, wie sie das gemacht haben, ich würde das auch gerne können!“ Das möchte ich über alle sagen können, mit denen ich die Bühne teile.
Manchmal nähern sich Leute dem Improvisieren und den Konzerten aus einer egoistischen Perspektive. Sie haben Angst, von ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern in den Schatten gestellt zu werden. Ich dagegen möchte sogar, dass sie das tun. Denn dadurch fühle ich mich wirklich ermutigt und inspiriert und dazu angespornt, jeden Abend selbst neue Dinge auszuprobieren. Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, die mich in vielerlei Hinsicht beeindrucken, nicht unbedingt nur durch ihre brillanten technischen Fähigkeiten, sondern durch ihre Persönlichkeit, ihre starke Identität, und natürlich sollten sie auch nette Menschen sein. Das führt immer zu großartigen Ergebnissen, wenn man zusammen spielt.
GL.de: Angesichts der vielen verschiedenen Umgebungen, in denen du unterwegs bist – mit welcher Einstellung bist du an dein neues Album „Inkyra“ herangegangen?
Emma Rawicz: „Inkyra“ ist für mich definitiv eine Band. Es ist nicht nur eine Sammlung von Songs, die ich geschrieben habe, oder ein Album, das ich produziert habe. Es ist wirklich durch diese bestimmte Gruppe von Menschen geprägt. Bevor die Platte aufgenommen wurde, haben wir ziemlich viele Konzerte zusammen gespielt, und wir hatten auch eine gemeinsame Residency. Ich habe die Songs eingebracht, und es hat sich irgendwie ganz organisch entwickelt. Ich habe einfach nur versucht, weitere Möglichkeiten zu schaffen, damit es sich weiterentwickeln und mehr zu einem eigenen Sound werden konnte. Irgendwann kam ich zu dem Punkt, an dem ich dachte: „Das klingt wirklich einzigartig, das klingt wirklich wie etwas mit einer eigenen Identität!“
An diesem Punkt, drei Jahre nach unserem ersten Konzert, sagte ich: „Okay, lasst uns aufnehmen!“ Der gesamte Prozess war sehr, sehr kooperativ, und ich wollte immer, dass alle in der Band ein Gefühl der Eigenverantwortung für die Musik, für das Projekt, für das Album, für die Idee dahinter haben. Ich wollte diese echte Offenheit wirklich fördern, weil es meiner Meinung nach oft vorkommt, dass es einen Bandleader auf der einen und eine Band auf der anderen Seite gibt. Der Bandleader sagt, wie es läuft, und die Band eben nicht, aber ich mag diese Arbeitsumgebung weder als Bandmitglied noch als Bandleader besonders.
Wir haben viel geprobt, und bei jeder Probe habe ich alle dazu ermutigt, ihre Meinung zu sagen. Selbst wenn sie wirklich extreme Ideen hatten, um die Musik, die ich mitgebracht hatte, zu verändern, sagte ich: „Ja, lasst es uns probieren, lasst es uns versuchen!“ Ich habe die Arrangements so geschrieben, dass jeder seine Zeit im Rampenlicht hat, aber auch alle Instrumente optimal zum Einsatz kommen. Wir haben bei den Proben auch viel verändert, es hat eine Menge Feintuning gegeben, würde ich sagen. Ich habe zum Beispiel einen bestimmten Rhythmus geschrieben, und Kevin, der Bassist, sagte: „Ich mag den Rhythmus, aber vielleicht könnten wir ihn um eine Sechzehntelnote verschieben, damit wir ihn besser spielen können?“ Dann haben wir eine halbe Stunde lang damit verbracht, das auszuprobieren und zu vergleichen. Diese Liebe zum Detail und diese absolute Großzügigkeit, die von allen Bandmitgliedern ausging, haben mich wirklich umgehauen.
Ich glaube, ich war noch nie in einer Situation, in der die Leute so viel Zeit, Ideen und Energie in ein Projekt gesteckt haben, lange bevor es aufgenommen wurde. Diese Art von Perfektionismus, ohne uns deshalb zu sehr einzuschränken, zog sich durch den gesamten Prozess. Ich glaube, das hat dazu geführt, dass die Identität aller Beteiligten ein wirklich wesentlicher Bestandteil des Sounds der Platte ist. Das versuche ich auch bei den Shows beizubehalten, denn ich glaube, das ist das Besondere daran. Es ist nicht die Emma-Rawicz-Show, es ist etwas anderes!
GL.de: Das Album „Inkyra“ deckt ein breites Spektrum an Einflüssen ab. Bei den Konzerten hast du sowohl Joni Mitchell als auch brasilianische Musik als Inspiration erwähnt. Wie entscheidest du, was du für ein Album wie dieses verwendest und was du herausfilterst?
Emma Rawicz: Ich weiß es nicht! Ich glaube, oft nimmt ein Song auf eine bestimmte Art seinen Anfang und endet dann ganz anders. Vor allem den Song mit den brasilianischen Elementen („Marshmellow Tree“) habe ich eigentlich in einem anderen Takt und mit einem ganz anderen Groove geschrieben. Dann haben wir es gespielt, und ich glaube, Gareth, der Flötist, hat vorgeschlagen, es im 4/4-Takt zu spielen. Wir haben es ausprobiert, und ich dachte: „Das ist ja ein Partido-Alto-Groove!“ Das war so eine Art Aha-Erlebnis: „Oh, so soll der Song also sein!“
Meistens entwickeln sich diese Dinge mit der Zeit von selbst, und es ist schön, ihnen Raum zu geben, damit dieser Prozess stattfinden kann. Natürlich denkt man sich manchmal: „Ich möchte, dass das ein richtig heavy Rock-Stück wird“, aber meistens war das nicht der Fall. Meistens habe ich nur die Grundzüge von etwas mitgebracht, und während des Spielens hat sich dann wie von selbst eine Klangfarbe ergeben. Außerdem haben die Vorschläge der anderen Beteiligten Wege aufgezeigt, wie man den Song am besten präsentieren kann.
GL.de: Der Klang des Albums ist betont weitreichend, trotzdem fehlt nie der Zusammenhang. War das ein glücklicher Zufall, oder was war nötig, um den roten Faden zu finden, der sich durch das Album zieht?
Emma Rawicz: Ich glaube, das war eher ein glücklicher Zufall, aber ich stelle fest, dass das passiert, wenn ich viel Musik innerhalb kurzer Zeit schreibe. Kompositorisch gibt es immer Phasen, in denen wir bestimmte Mittel einsetzen, einen bestimmten Klang besonders mögen oder die Melodien, die wir schreiben, eine bestimmte Richtung einschlagen. Da ich fast die gesamte Musik in sehr kurzer Zeit geschrieben habe, hat sie meiner Meinung nach diesen Gruppensound, sie wirkt, als stamme sie aus derselben Periode. Ich denke, vieles davon kommt auch von den Leuten, die sie spielen. Die Spielweise ist wichtig. Wenn man dieselbe Musik verschiedenen Leuten vorspielt, kann sie tatsächlich ein ganz anderes Gefühl vermitteln. Es ist also schwierig zu erklären, was für dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit verantwortlich ist, aber ich bin wirklich froh, dass es rüberkommt, denn ich habe auch das Gefühl, dass es trotz seiner Vielfalt einen roten Faden gibt.
GL.de: In wenigen Tagen spielst du in Deutschland zusammen mit Gwilym Simcock als Duo, im Februar hast du hierzulande Auftritte mit deinem Quartett bzw. deinem Sextett und im März bist du in Leverkusen Gast bei der WDR Big Band. Würdest du sagen, dass jedes dieser Projekte kreativ gesehen andere Bedürfnisse befriedigt?
Emma Rawicz: Ja, es ist großartig, diese vielfältigen Möglichkeiten zu haben. Ich bin immer sehr dankbar dafür, dass ich mich in diesen verschiedenen Bereichen ausbreiten darf, und oft denke ich: „Wie kann es sein, dass ich all diese verschiedenen Dinge machen darf? Das ist unglaublich!“ (lacht) In diesem wirklich reduzierten Duo-Setting zu spielen, ist etwas ganz Besonderes, und es ist umso besonderer, weil es zusammen mit Gwilym ist! Ich finde es sehr herausfordernd, weil ich dort 50 % der Band ausmache, was der höchste Prozentsatz ist, den es je gibt (lacht)! Die Notwendigkeit, sich gegenseitig zu unterstützen und sich wirklich, wirklich zu konzentrieren, ist sehr anspruchsvoll, aber auch sehr lohnend. Wenn wir wirklich aufeinander eingehen, können diese wirklich magischen Momente entstehen, in denen wir das Gefühl haben, dass wir die Gedanken des Gegenübers lesen.
Das passiert manchmal auch in größeren Ensembles, aber es ist etwas ganz Besonderes, wenn man mit nur einer anderen Person wirklich im Einklang ist. Ich finde das Duo-Format in gewisser Weise auch beängstigend, weil man so exponiert ist und alle jede Note hören können, die man spielt. Man muss technisch wirklich in Topform sein und sehr gut zuhören können, aber ich liebe das. Ich finde, es ist eine großartige Herausforderung, und es hilft mir, neue Wege zu finden, um mich weiterzuentwickeln. Mir gefällt auch das kollaborative Element dieser Zusammenarbeit sehr, weil ich meine Musik einbringe und Gwilym seine und wir auch an gemeinsamer Musik arbeiten – das ist schön und sehr inspirierend!
GL.de: Zum Schluss: Angesichts all des bisher bereits Erreichten – was steht noch auf deiner bucket list?
Emma Rawicz: Da gibt es eine ganze Menge! Es gibt viele Musiker, mit denen ich unbedingt einmal spielen möchte, und viele verschiedene Orte, die ich gerne besuchen würde. Ich würde gerne irgendwann nach Brasilien reisen und mehr über brasilianische Musik erfahren, ich würde gerne mit einem Orchester zusammenarbeiten und für Orchester komponieren – das wird nächstes Jahr tatsächlich passieren! -, aber ich würde das gerne noch öfter machen. Da gibt es so viele Dinge! Ich möchte zum Beispiel ein Quartett-Album aufnehmen, denn das habe ich bisher noch nicht gemacht.
Ich habe immer 100 Ideen, und es ist schön zu wissen, dass ich all diese Ideen einfach köcheln lassen kann, bis eine davon reif ist. Ich würde auch gerne eines Tages in New York spielen und einige meiner Heroes treffen. Ich denke, das geht vielen Menschen so, aber ich möchte meiner Fantasie keine Grenzen setzen, wenn ich darüber nachdenke, was ich gerne noch tun würde. Es macht keinen Sinn, etwas auszuschließen, weil man es für unmöglich hält, denn: Man weiß ja nie!
„Inkyra“ von Emma Rawicz erscheint auf ACT Music.




