Platte der Woche KW 02/2026
Mit ihrem ebenso eigenwilligen wie einzigartigen Sprechgesang-Wave war es für Dry Cleaning schon immer ein Leichtes, aus der Masse herauszustechen. Die ersten beiden Alben des britischen Quartetts, „New Long Leg“ und „Stumpwork“, erschienen 2021 und 2022 in schneller Folge, für „Secret Love“ hat sich die in London heimische Band nun etwas mehr Zeit genommen, um mit einem spürbar expansiveren Sound die oft herrlich abstrusen, von Frontfrau Florence Shaw deklamierten Geistesblitze, Momentaufnahmen und Geschichten heller als je zuvor erstrahlen zu lassen.
Waren die ersten beiden Platten in den sagenumwobenen Waliser Rockfield Studios mit PJ-Harvey-Intimus John Parish am Mischpult eingespielt worden, entstanden die Songs für „Secret Love“ in gleich mehreren Studios abseits der britischen Insel. In Chicago, Dublin und im französischen Loiretal entstand ein Werk, das Vertrauen und Verletzlichkeit in den Fokus rückt. Zur Seite stand Dry Cleaning dieses Mal Cate Le Bon, die in der Vergangenheit nicht nur mit ihren Solowerken, sondern auch als Produzentin für Deerhunter, Devendra Banhart, Wilco und Horsegirl von sich reden gemacht hatte.
Entstanden ist dabei eine Platte, die oberflächlich betrachtet immer noch prima mit Post-Punk beschrieben werden kann, tatsächlich aber dem unverkennbaren Dry-Cleaning-Soundkosmos zwischen kontrolliertem Chaos und dissonantem Unbehagen eine ganze Reihe neuer Impulse hinzufügt, die Shaw und ihre Mitstreiter Nick Buxton (Schlagzeug), Tom Dowse (Gitarre) und Lewis Maynard (Bass) jenseits ihrer avantgardistischen Anti-Haltung zu neuen Höhen führt. Der Weg von ätzender Schärfe zu einnehmender Verspieltheit ist dabei oft ganz kurz.
Im Waschzettel des Labels ist von paranoiden Untertönen des frühen US-Punks, dem coolen Strut der Stones, Stoner-Rock, No-Wave-Experimenten und zarten, fast pastoralen Gitarrenfiguren die Rede, und das ist nicht geflunkert. So hat der Opener „Hit My Head All Day“ bereits Vergleiche mit Iggy Pops „Nightclubbing“ und den unwiderstehlichen Basslines von Talking-Heads-Legende Tina Weymouth inspiriert, während an anderer Stelle „My Soul Half Pint“ Assoziationen an Nico und The Velvet Underground geweckt hat.
Öfter als in der Vergangenheit gibt sich nun sogar Shaw der Melodie hin – beim Titelsong oder „Cruise Ship Designer“ singt sie sogar ein paar Zeilen, anstatt sie nur zu rezitieren. Gleichzeitig öffnet sie sich auch als Texterin. „Da ist diese Spannung zwischen dem Wunsch, sich zu verstecken, und dem gleichzeitigen Bedürfnis, gesehen zu werden – und zu wachsen“, erklärt sie selbst diese Veränderung.
Als traurig und dunkel empfindet sie selbst viele der neuen Texte, mit denen sie einen Bogen schlägt von allgegenwärtigen gesellschaftspolitischen Problemen wie Desinformation und Einflussnahme zu persönlicher Unsicherheit und existenziellen Ängsten. Im Dunstkreis von Surrealität, Empfindsamkeit und lakonischem Humor erfinden sich Dry Cleaning damit nicht neu – entdecken aber dennoch neue Horizonte.
„Secret Love“ von Dry Cleaning erscheint bei 4AD/Beggars Group/Rough Trade.




