Kurz gesagt haben die Brüder Gary, Ryan und Ross Jarman mit ihrem ersten Cribs-Album seit fünf Jahren zum gut 25-jährigen Bandjubiläum das Kunststück geschafft, die Zeit anschaulicher zu biegen, als das Bob Dylan oder Albert Einstein je gelungen ist. Das bedeutet, dass die Jungs ihren sympathisch effektiven Brit-Pop mit derselben jugendlichen Frische und Energie präsentieren, wie sie das zu Beginn ihrer Laufbahn als Recording Artists 2004 mit dem selbst betitelten Debüt-Album auch schon getan haben.
Heutzutage kommt zwar eine altersweise, nachdenkliche Note dazu – aber musikalisch haben die Herren immer darauf geachtet, ihre Brit-Pop-Edges nicht abzuschleifen oder gar in Sachen Virtuosität und sauberer Produktion zu machen. Das bedeutet: Der Sound der neuen Scheibe ist genauso ungehobelt und altbacken wie eh und je – kommt allerdings mit einer Prise produktionstechnischer Pop-Glanz-Note daher. Gerade das hört sich heute dann eben wieder aufregend und frisch an (und für alle, die die 90er und Nuller-Jahre noch nicht miterlebt haben, eben auch neu).
Die lange Pause seit dem letzten Album hat den Cribs in Sachen Fokussieren auf das Wesentliche dabei richtig gut getan. Geschuldet war dieser Hiatus sicherlich der Pandemie wie auch der Tatsache, dass die Brüder auf der ganzen Welt verteilt leben und sich bewusst eine Pause vom Hamsterrad-Business nehmen wollten, um sich wieder auf die wahren Werte ihrer Kunst zu besinnen.
Das Ergebnis ist nun eine vielschichtige Scheibe, die zwar von der üblichen Sturm & Drang-Mentalität getragen wird, die aber insbesondere in songwriterischer und struktureller Hinsicht auch neue Maßstäbe sitzt. Das vielleicht beeindruckendste Beispiel dafür ist der Song „Rose Mist“, der beispielsweise mit ausgefeilten Gesangsharmonien, rhythmischen Spielereien, einer komplexen Zeitsignatur und komplex verschachtelten Gitarrenriffs, Stops & Gos und Rhythmuswechseln überrascht – und dabei immer noch als Popsong funktioniert.
Nachdem sich die Cribs in der Vergangenheit immer wieder mit etablierten Schwergewichten wie Lee Ranaldo, Alex Kapranos oder Edwyn Collins sowie den inzwischen verstorbenen Ric Ocasek und Steve Albini als Gästen, Produzenten oder im Falle von Johnny Marr gar als Teilzeitmitglied zusammengetan hatten, setzten sie dieses Mal darauf, dass der Produzent Patrick Wimberly mit seinen Erfahrungen aus dem R’n’B-Pop (Caroline Polacheck, Lil Yachty oder Solange) die Pop-Aspekte ihres Tuns produktionstechnisch stärker herauskitzeln könnte – was diesem auch elegant gelang, ohne den Oldschool-Charakter des Projektes in Frage zu stellen – und schon gar nicht in eine stilistische Richtung zu biegen. Gebogen wird hier also nur die Zeit – und das in eine interessante Richtung.
„Selling A Vibe“ von The Cribs erscheint auf PIAS.




