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Der Voodoo wirkt
So oft passiert es nicht, dass wir in einem Jazzclub zu Gast sind. Doch schaut man sich die Line-Ups auf Festivals wie den Leverkusener Jazztagen, Elbjazz oder Jazz Baltica an, dann scheint der Purismus Geschichte zu sein. Und letztlich vermischen sich heute in allen möglichen Genres die Stile. Wenn nun Ida Sand in Minden in einem Jazzclub gastiert, ist dieser Umstand der Offenheit des Veranstalters geschuldet, denn die Schwedin versteht sich selbst eher als Soul- denn als Jazz-Sängerin, auch wenn sie mit Dan Berglund am Kontrabass und Per Lindvall am Schlagzeug mit einem im Jazz üblichen Piano-Trio unterwegs ist.
Bereits die ersten Songs ihres rund eineinhalbstündigen Auftritts offenbaren die Bandbreite. „Burning“ ist ein lodernder Blues über Lindvalls straightem Drumbeat. Dem souligen „Waiting“ folgt ein erster Höhepunkt: Jimi Hendrix‘ „Manic Depression“. Anders als auf dem Tonträger hier ohne Gitarre. Geht das? Und wie: Berglunds tänzelnder Bass krempelt den Song zusammen mit Sands Rhodes-Piano und Lindvalls Besen-Spiel komplett um, bis sich Letzteres in heftiges Drumming hineinsteigert, so dass die Rockkomponente sich am Ende doch noch durchsetzt. Ähnlich fantasievoll gelingt die Lesung von „The Weight“. Der Americana-Song von The Band wird rhythmisch akzentuiert, mit allerlei Breaks und Re-Starts auseinandergepflückt, mit flinken Bass-Läufen veredelt und durch Sands bluesig-jazzige Tastenexkursionen erweitert. Faszinierend auch, wie sie mühelos von mittleren zu höheren Tonlagen gleitet.
Magisch dann der Trip nach New Orleans mit „It‘s Your Voodoo Working“, einer an Dr. John erinnernden Mischung aus Rhythm and Blues und kreolischer Soul-Musik, bei der die Sängerin dem Voodoo-Zauber des Gigolos willenlos zu erliegen droht. Mit „Don’t Run Away“ verabschiedet sich Sand in die Pause mit der Bitte, diese Aufforderung nicht wörtlich zu nehmen. Der Song stammt von ihrem letzten Album „Do You Hear Me?“, auf dem sie erstmals sämtliche Stücke komponiert hat. So auch die Singer/Songwriter-Ballade „Let Go“ in der Tradition der famosen Carole King. Ein Appell zur Selbstfindung, indem man sich Unterbewusstes vergegenwärtigt und versucht, sich von psychischen Altlasten zu befreien. Wenn Berglund zum Bogen greift und immer schräger und hektischer über die Saiten streicht, scheint das lyrische Ich zur dunklen Seite der Seele vorgedrungen zu sein. Mit perlenden Tastenläufen am Flügel ist das poppige Lied „If You Don’t Love Me“ verziert, ursprünglich als Duett mit dem Posaunisten Nils Landgren aufgenommen.
Einige neue Songs präsentiert die 48-Jährige ebenfalls. „I Will Be Right There“ empfiehlt Eltern, ihre Kinder mit Wurzeln und Flügeln auszustatten. Der Bass groovt dezent, die Besen zeichnen einen entspannten Shuffle-Beat und Sand spielt eine berückende Klaviermelodie. Immer wieder spannend ist der Umgang mit Fremdmaterial. Ob die souligen Versionen von Stevie Wonders „Heaven Help Us All“ oder Nina Simones „I Wish I Would Know How“ mit den Gospel-zugewandten Phrasierungen oder Neil Youngs melancholisches, auf Country-Erde gediehene „One Of These Days“ über einen dieser Tage, an denen man sich fest vornimmt, allen seinen alten Freunden zu schreiben – natürlich einen Brief auf Papier. Und wenn sich Sand zur Zugabe allein an den Flügel setzt und ihr neues Stück „I Don’t Know How To Love You Anymore“ anstimmt, hört man eine Seelenverwandtschaft. Man kann sich leicht Neil Young an seiner Pumporgel vorstellen, sich den Song der Schwedin zu eigen machend. Na ja, das wird wohl nicht passieren.























