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Dass Tyler Ballgame sein Debütalbum „For The First Time, Again“ getauft hat, kommt nicht von ungefähr. Gefangen in seinen Depressionen trat der amerikanische Crooner jahrelang auf der Stelle, bis eine Bauchentscheidung und ein Umzug von Rhode Island nach Kalifornien die Wende brachte. Auf seinem Erstling überzeugt er nicht nur mit Charisma und Stimmgewalt, sondern auch mit einer faszinierend großen Bandbreite, bei der es von Doo-Wop bis zu Balladen im Geiste der 70s-Singer/Songwriter nie weit ist.
Tyler Perry, wie Mr. Ballgame im echten Leben heißt, hat schon so einige Runden um den Block gedreht. Sein musikalisches Talent hatte ihn nach der Schulzeit zum renommierten Berklee College of Music geführt, wo sein Abschluss allerdings seinem Marihuana-Konsum und der damit verbundenen schlechten Anwesenheitsquote zum Opfer fiel.
Während der Pandemie lebte er, inzwischen fast 30, im Keller seiner Mutter in New England und schlug sich mehr schlecht als recht mit zermürbenden Auftritten in Cover-Bands durch. Ein impulsiver Umzug nach Los Angeles ließ ihn dann nicht nur menschlich aufblühen, sondern gab ihm auch die Chance, bei Open-Mic-Abenden eine neue musikalische Identität (und den spielerischen Bühnennamen Tyler Ballgame) zu finden.
Mit „For The First Time, Again“ präsentiert Tyler nun die Früchte seiner erfolgreichen Sinnsuche. Aufgenommen mit althergebrachter analoger Aufnahmetechnik der 60er und 70er, umfasst die LP zwölf zeitlos schöne Songs im Dunstkreis von Classic Rock, Indie und Americana, bei denen Gefühl wichtiger ist als Makellosigkeit und Tylers bereits des Öfteren mit dem großen Roy Orbison verglichene Stimme in den Fokus rückt.
Als Produzenten zur Seite standen ihm dabei Multi-Instrumentalist Jonathan Rado, der mit The Lemon Twigs, Whitney, Weyes Blood und seiner eigenen Band Foxygen wiederholt bewiesen hat, dass er den Sweetspot zwischen Vintage- und Zeitgeist-Sounds kennt, sowie Ryan Pellie, der selbst unter dem augenzwinkernden Namen Los Angeles Police Department Musik macht.
Bevor Tyler die Songs von „For The First Time, Again“ im April auch live auf deutschen Bühnen präsentiert, stand er vor einigen Wochen Gaesteliste.de am Morgen vor einem Konzert in Brooklyn Rede und Antwort.
GL.de: Tyler, welche Rolle spielt die Musik in deinem Leben und wie hat sich das mit der Zeit gewandelt?
Tyler Ballgame: Ich denke tatsächlich viel darüber nach. Ich glaube, Musik ist meine Verbindung zur Realität. Sie ist mein Geist, sie ist das Gefühl, mich von den Fesseln des menschlichen Lebens befreien zu können, und auch eine Art, das Menschsein zu feiern. Die Musik war auch eines der ersten Dinge, die mich mit meiner Mutter und meinem Vater verbunden haben. Sie ist definitiv eine Säule meines Wesens.
Was die Veränderungen angeht: Das Musikmachen war schon immer etwas, das ich angestrebt habe, etwas, das mich davor bewahren würde, etwas zu tun, was ich nicht mag. Im letzten Jahr hat das nun endlich geklappt, und jetzt ist es mein Beruf. Das hat mir eine neue Perspektive und eine neue Ernsthaftigkeit in Bezug auf mein Handwerk gegeben und darauf, wie es ist, die Ressourcen zu haben, damit ich – um es bildlich zu sagen – als Handwerker ein Leben lang gute Schuhe für das Dorf herstellen kann.
GL.de: Bevor es zu „For The First Time, Again“ kommen konnte, hast du menschlich und musikalisch bereits alle Höhen und Tiefen erlebt. Welche Lehren hast du aus alledem gezogen?
Tyler Ballgame: Lange Zeit habe ich Musik gemacht, aber es wollte nie so richtig funktionieren. Dann habe ich einen neuen Ansatz ausprobiert, und plötzlich hat es geklappt. Ich war aber immer noch ich selbst, es waren immer noch dieselben zwölf Töne – und auch dieselbe Stimme. Was sich geändert hat, war mein spirituelles Ich. Das klingt vielleicht prätentiös, aber ich glaube wirklich daran.
Etwas, das mich Tag für Tag inspiriert, ist die Frage, wie ich als Künstler mit dem, was ich mache und tue, dem Allgemeinwohl dienen kann. Wie kann ich meine Talente, meine Fähigkeiten, meine Verbindungen, meine Beziehungen und die Menschen, die ich getroffen habe, nutzen? Wenn wir alle zusammenarbeiten und auf das Gleiche abzielen, können wir dem dienen, was das höhere Bewusstsein braucht: Sich einer echten menschlichen Erfahrung hingeben, der Freude und Freiheit der Musik. Das ist es, was hinter meiner Musik steckt.
GL.de: Du hast eingangs gesagt, dass es auch um Befreiung geht…
Tyler Ballgame: Ja! Ich will jeden Abend diese Erfahrung der Befreiung leben und dem Publikum die Erlaubnis geben, dasselbe zu tun, denn dann können wir uns darüber verbinden. Ob bei einer Aufnahmesession oder live – das ist es, was mich erdet. Das ist eines der großartigen Dinge, die mir Sinn, Leben und Energie geben. Ich denke, es geht darum, herauszufinden, wie man sich nützlich machen kann. Das Universum funktioniert so. Wenn es etwas sieht, das es braucht, weist es ihm einen Wert zu und stellt Ressourcen zur Verfügung. Im besten Fall ist das genau das, worauf auch der Kapitalismus ausgerichtet ist, nämlich Angebot und Nachfrage. Es ist wirklich interessant, das Leben so zu betrachten und zu sehen, wie es funktioniert.
GL.de: Dein Album zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass der Sound in der Vergangenheit verankert ist, aber nicht unbedingt altmodisch klingt. Was macht für dich den Reiz der Musik und Technik der 60er und 70er aus, einer Zeit, die du ja selbst nicht miterlebt hast?
Tyler Ballgame: Es gibt einfach einen Geist und eine Menschlichkeit in der Art und Weise, wie damals Platten aufgenommen wurden. Wir wollten auch eine Platte auf diese Weise einspielen: Analog auf Tonband, mit kompletten Live-Takes und ohne Vocal-Dubbing – also ohne sie am Computer perfekt zu machen. Unbewusst hören wir diese alte Musik und wir hören die Fehler, und das fühlt sich menschlicher an. Es veredelt auch die Atmosphäre insofern, als dass es alles verstärkt, sodass deine Performance entsprechend gut sein muss.
Wenn man sich einen alten Song von Billie Holiday anhört: Da waren das gesamte Orchester und die Sängerin in einem Raum, und alles wurde mit nur einem einzigen Mikrofon aufgenommen. Es war ein einziger Track, und jeder musste sein Bestes geben, um eine klassische Platte zu produzieren. Ich denke, das verlangt einfach mehr von uns als Musikern und Künstlern. Das ist etwas, das mich von Natur aus anzieht. Nicht, dass es heute keine gute Musik mehr gäbe, aber was meine Arbeit angeht, ist es die alte Herangehensweise, die mich begeistert.
GL.de: Was konnten denn deine Produzenten und speziell Jonathan Rado zu diesem Prozess beitragen?
Tyler Ballgame: Jonathan Rado hat mir auf Instagram eine Nachricht geschickt und mich gebeten, vorbeizukommen. Ich war total begeistert! Ich kannte seine Arbeit mit der Band Whitney, das Album „Light Upon The Lake“, und ich kannte Foxygen. Ich war begeistert, weil ich wusste, dass er eine gewisse Lockerheit in seinen Aufnahmen hat, aber auch einfach Sounds erzielt, die sonst niemand hinbekommt.
Als ich ihn dann traf, wurden wir schnell wirklich gute Freunde. Wir sind einfach Musiknerds, wir sind wie die Musikfreaks in der Schule, die nie erwachsen geworden sind, und es war einfach total leicht, Freunde zu werden und Spaß daran zu haben, gemeinsam Musik zu machen. Das ist meiner Meinung nach unbezahlbar!
Es ist einfach ein Geschenk, einen Gleichgesinnten zu finden. Deshalb strahlen alle großartigen Platten Freude und Spaß aus. Selbst wenn das Material traurig ist, macht es Spaß, Musik zu machen. Es macht Spaß, Teil einer Band zu sein, laut zu spielen und sich dann die Ergebnisse anzuhören. Das schenkt dir Energie!
GL.de: Die Songs für das Album sind innerhalb kurzer Zeit entstanden. Wie kam es dazu? Hattest du das Gefühl, jetzt endlich deine Bestimmung gefunden zu haben, oder hast du dich eher Brill-Building-mäßig hingesetzt und wie ein Handwerker Songs am laufenden Band geschrieben?
Tyler Ballgame: Im vergangenen Jahr habe ich sehr viel geschrieben, weil die Musik nun gewissermaßen mein Broterwerb ist. Das war in der Tat ein wenig so wie dieses Brill-Building-Ding. Aber in der Phase zwischen meinem ersten Zusammentreffen mit Rado und dem Starttermin für unsere Aufnahmen hatte ich schon das Gefühl: Das Rotlicht leuchtet nun! Es gibt eine Deadline, der Druck ist da!
Ich bin von Natur aus jemand, der alles aufschiebt. Ich habe früher nie für Prüfungen gelernt, sondern mir davor nur kurz das Buch angesehen und dann eine 1 oder 2 bekommen. So habe ich meine gesamte Schulzeit verbracht, und mein Leben war immer so, dass ich mit allem, was ich von Natur aus tat, zufrieden war. Also bin ich einfach zu dem zurückgekehrt, was mir liegt.
Es war aufregend, mit Rado eine Platte aufzunehmen, aber dann dachte ich: Oh, ich habe gar keine Songs! Oder vielleicht habe ich ein oder zwei, aber ich muss zehn schreiben! Für den Song „Ooh“ auf der Platte habe ich den Text in der Gesangskabine geschrieben, während ich mich auf das Singen vorbereitet habe. Das ging Hand in Hand mit dem Aufnahmeprozess.
GL.de: Klanglich deckst du auf dem Album ein ziemlich breites Spektrum ab, es gibt eine ganze Reihe verschiedener Stimmungen und Stile auf der Platte. War das so eine Art Masterplan oder kannst du einfach nicht anders, weil du dich für so viele verschiedene Dinge interessierst?
Tyler Ballgame: Ich glaube, ich habe einfach so viel unterschiedliche Musik gehört. Jedes Mal, wenn man einen Song macht, hat man die Möglichkeit, eine Welt zu erschaffen. Je nach Song schlüpfe ich in die Rolle einer Figur, die ich mit meiner Stimme verkörpere. Ich bin wahrscheinlich zuerst Performer, dann Sänger und dann Songwriter. Diese drei Dinge zusammen ergeben eine Welt. Deshalb ist nicht jeder Song unbedingt derselbe Tyler Ballgame. Jedes Lied ist eine andere Welt. Ein Teil der Freude an der Arbeit im Studio besteht darin, herauszufinden, welche Einflüsse und welche Klangwelten dieser Figur in dieser Welt dienen würden und sogar, welche glücklichen Zufälle das beeinflussen.
GL.de: Textlich drehen sich die Lieder um den (lange unerfüllten) Wunsch, als Mensch und als Künstler akzeptiert zu werden, etwas Echtes zu erschaffen und die Freude am eigenen Tun – und manchmal auch die Freude an der Melancholie – einzufangen. Welchen Zweck erfüllt das Texten für dich?
Tyler Ballgame: Ich denke, es geht darum, die eigene Reise zu dokumentieren. Das ist Teil des Tagebuchcharakters des Songwritings. Es fängt einen Künstler in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort seines Lebens ein, besonders wenn man ganz schnell viele Songs schreibt. Mein Album ist eine Momentaufnahme, die mich zu einem bestimmten Zeitpunkt zeigt.
Ich schreibe Texte so, dass ich vielleicht erst später herausfinde, worum es darin geht. Ich mag die Mehrdeutigkeit, dass sie keine festgelegte Bedeutung haben. Wenn ein Wort sich gut singen lässt und sich gut anfühlt, werde ich es als Autor nicht hinterfragen oder versuchen, es mit Gewalt in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Ich glaube, dass der rationale Verstand beim Hören und Interagieren mit Musik viel weniger Einfluss hat als das Unterbewusstsein im spirituellen Selbst.
GL.de: Auch wenn du sagst, dass du einzelne Wörter oder Phrasen nicht hinterfragst – wie kam es denn zu der fabelhaften Zeile „Keep mе in your prayers like an atom bomb“ in „Got A New Car“?
Tyler Ballgame: Das ist der älteste Song auf der Platte. Ich habe ihn in Rhode Island im Keller meiner Mutter geschrieben, in einer Art bekifftem Fiebertraum. Das wollte einfach raus! Ich war kurz zuvor von einigen Erkenntnissen ereilt worden und betrachtete mein Leiden fast wie ein Außenstehender. Ich hatte die Maske meines Egos abgelegt und zum ersten Mal seit langer Zeit die Freiheit gewonnen, mich mit dem zu beschäftigen, was mich belastete, und mit meiner Denkweise, die mir so sehr zusetzte, weil ich mich selbst sabotierte.
Die Zeile „Keep me and your prayers like an atom bomb“ bezieht sich darauf, dass meine Familie alles sah, was mir widerfuhr: „Es wird etwas Schreckliches passieren oder zumindest läuft es wirklich nicht gut. Wir hatten doch so große Hoffnungen in Tyler gesetzt, und jetzt wohnt er im Keller, kriegt nichts ans Laufen, hat einen Job, den er verabscheut, und Musik macht er auch nicht mehr.“ Fast könnte man sagen, das Ganze ist ein Witz. Ich schaue auf mein Leben und mein Leiden, als sei es ein Witz.
GL.de: Zum Schluss: Welche Wünsche und Hoffnungen verbindest du mit „For The First Time, Again“?
Tyler Ballgame: Ich möchte einfach weiter Musik machen. Ich hoffe, dass das Album gut genug läuft, damit sich eine Dynamik entwickelt und immer mehr Menschen die Songs hören und genießen können. Ich mache mir aber nicht wirklich Gedanken über die typischen Erfolgskriterien. Ich möchte einfach nur weiterhin mit meinen Freunden Musik machen und Konzerte geben, am liebsten immer größere Konzerte, denn das macht Spaß. Solange das so bleibt, bin ich zufrieden.
„For The First Time, Again“ von Tyler Ballgame erscheint auf Rough Trade Records/Beggars Group/Indigo.




