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Lande Hekt ist eine Musikerin, die sich selbst stets treu geblieben ist. Denn auch wenn es vom rauen Punk-Style ihrer noch zu Teenagerzeiten gegründeten Band Muncie Girls zu den schimmernden Jangle-Pop-Songs ihres just erschienenen neuen Soloalbums „Lucky Now“ auf den ersten Blick ein weiter Weg zu sein scheint: Den Geist des DIY verkörpert die inzwischen 32-jährige Singer/Songwriterin aus der Provinzstadt Exeter im Südwesten Englands noch immer, und auch ihr politisches Gewissen rückt nun wieder merklicher in den Fokus. Anders gesagt: Mit diesen zwölf Songs über queere Identität, Hoffnung, Selbstfindung und die Rückkehr in ihre alte Heimatstadt sucht sich Lande Hekt ihr Stück vom Glück.
Nach zwei Alben und einer Handvoll EPs mit den Muncie Girls ist „Lucky Now“ die inzwischen dritte Lande-Hekt-Solo-Platte, und noch dazu eine, die sich klanglich organisch, aber doch merklich mit ihrem dynamisch-druckvollen, vom Geist des Punk geküssten Sound im Dunstkreis von Jangle-Pop und Twee-Pop vom 2022 erschienenen Vorgänger „House Without A View“ absetzt, ohne dass Hekt ihre alten musikalischen Fixsterne The Sundays, The Wedding Present oder The Replacements deshalb völlig aus den Augen verliert.
Auch inhaltlich macht Hekt das, was sie schon immer ausgezeichnet hat, und fasziniert mit persönlich gefärbten Songs mitten aus dem Leben. Während sie auf „House Without A View“ die bisweilen traumatischen Erlebnisse ihrer Jugend verarbeitet hatte, ist der spürbar erwachsenere Nachfolger „Lucky Now“ – ihr erstes Album für das deutsche Label Tapete Records – das Werk einer Frau, die sich selbst und ihren Platz im (queeren) Leben gefunden hat.
Kein Song des Albums verdeutlicht das so gut wie die luftige Ballade „Middle Of The Night“, bei der häusliche Glückseligkeit die dunklen Zweifel besiegt. Auch „Favorite Pair Of Shoes“ macht diesen neu gefundenen Optimismus greifbar, schließlich geht es in dem Lied darum, sich aus dem Sumpf der Hoffnungslosigkeit zu befreien und etwas wirklich Positives zu tun.
„Coming Home“ thematisiert derweil Hekts Rückkehr von Bristol in ihre alte Heimat Exeter, während sie mit „Circular“ („They change the law like it’s a game and we’re the pawns getting played“) oder „A Million Broken Homes“ („You have to pick a side / When you want to have the freedom to choose“) klar Stellung bezieht und in Zeiten der politischen Spaltung zu mehr Zusammenhalt mahnt.
Gaesteliste.de hatte die Gelegenheit, mit Lande Hekt über Teenager-Ambitionen, ihre Hinwendung zu einem zeitlos schönen gitarrenlastigen Sound und ihr politisches (Wieder-)Erwachen zu sprechen.
GL.de: Lande, du hast dich schon sehr früh für Musik interessiert. Erinnerst du dich noch daran, wann Musik zum ersten Mal einen Eindruck auf dich gemacht hat?
Lande Hekt: Ich war etwa acht Jahre alt, als ich anfing, Alternative Music, Punk, Emo und solche Sachen zu hören. Ich hatte ältere Geschwister und habe ihnen ihre CDs geklaut. Meine Schwester hatte all diese Mix-CDs, die sie und ihre Freundinnen und Freunde füreinander gemacht hatten, und die habe ich stibitzt. Das hat mich definitiv sehr geprägt.
Ich hatte einen Discman und ich erinnere mich, dass ich die CDs mitgenommen habe, obwohl ich das nicht hätte tun sollen. Darauf waren Bands wie Rancid und Hot Water Music und viele Punk- und Emo-Bands aus den späten 90ern und frühen 00ern. Damals dachte ich, das sei das Beste auf der Welt! Viele meiner Freundinnen und Freunde mochten die gleiche Musik, aber nur wir, die ältere Geschwister hatten, hatten wirklich Zugang zu Underground- oder Alternative-Musik.
Die Musik, die all die anderen Kinder hörten, verachtete ich, denn wenn sie leicht zugänglich war, war sie einfach nichts für mich! So habe ich schon von klein auf empfunden. Man hat dieses Gefühl der Überlegenheit, weil man Underground-Musik für sich entdeckt hat, und daran hält man fest. Ich freue mich immer noch sehr, wenn ich eine Band finde, die mir gefällt und die in der breiten Masse nicht sehr beliebt ist. Das gibt mir ein wirklich gutes Gefühl. Ich weiß nicht warum, aber ich liebe das einfach.
GL.de: Wie hat sich deine Beziehung zur Musik über die Jahre verändert?
Lande Hekt: Seit meiner Kindheit ist Musik der Mittelpunkt meines Lebens. Das hat sich also überhaupt nicht verändert (lacht). Tatsächlich hat, sich seit ich mit 17 meine Punkband Muncie Girls gegründet habe, nicht wirklich viel verändert. Ich habe einfach so viele Konzerte wie möglich gespielt, bin so oft wie möglich auf Tour gegangen und habe mein gesamtes Sozial- und Berufsleben um Menschen herum aufgebaut, deren Leben genauso eng mit Musik verbunden ist wie meines. Nur die Art von Musik, in die ich eingetaucht bin, und die Szenen, in denen ich mich bewegt habe, haben sich vielleicht ein wenig verändert.
Früher war ich viel mehr in der DIY-Indie- und Indie-Pop-Szene involviert, aber bis heute sind es immer noch die gleichen Leute und Ideen. Die Musik ist im Grunde genommen alles, was ich in meinem Leben mache, abgesehen von Kunst und solchen Dingen. Es geht nicht nur darum, sich für Musik zu begeistern, sondern alles in meinem Leben mit ihr in Verbindung zu bringen – und ich bin mir sicher, dass das etwas ist, was die meisten Menschen, die ich kenne, nachvollziehen können (lacht)!
GL.de: Du hast gerade schon erwähnt, dass du Muncie Girls im Alter von 17 Jahren gegründet hast. Mit welchen Ambitionen hast du damals angefangen, und wie zufrieden bist du heute, mit 32 Jahren, mit deinem bisherigen Werdegang?
Lande Hekt: Nun, als wir die Muncie Girls gründeten, war das Einzige, was wir wirklich wollten, 7″-Single aufzunehmen, weil das viele Punkbands in unserer Stadt Exeter auch gemacht hatten, obwohl das für uns damals vollkommen unerreichbar schien. Die meisten hatten eine Split-7″ gemacht. Man suchte sich eine Band aus einer anderen Stadt und nahm dann eine Split-Single auf, vielleicht mit zwei Songs auf jeder Seite, und war dann gewissermaßen „vertraglich“ verpflichtet, auf Tour zu gehen. Dann konnte man in der Region der anderen Band touren oder sich gegenseitig bei Auftritten unterstützen. Wir fanden das unglaublich und wollten das auch unbedingt machen. Eine Platte aufzunehmen – und auf Tour zu gehen – war also damals unser Ziel, und das war das letzte Mal, dass ich wirklich klare Ziele hatte.
Denn als wir diese Dinge erreicht hatten, wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte (lacht)! Ich hatte nie darüber nachgedacht. Sobald wir Platten aufgenommen und Tourneen absolviert hatten, hatte ich das Gefühl, das abgehakt zu haben, was ich erreichen wollte. Alles andere ist jetzt nur noch ein Bonus, und das schon seit Jahren, und das ist ein wirklich schönes Gefühl. Allerdings denke ich immer noch, dass es ein großes Privileg ist, Platten herausbringen zu können, denn ich erinnere mich eben noch gut an die Zeiten, als das genau das war, was ich am meisten auf der Welt wollte, aber keinen Schimmer hatte, wie man das bewerkstelligt. Die Tatsache, dass ich das heute machen kann, wann immer mir danach der Sinn steht, ist das Schönste überhaupt!
GL.de: Wenden wir uns „Lucky Now“ zu. Obwohl die Veränderung sehr organisch klingt, ist das neue Album doch deutlich gitarrenlastiger als deine letzte LP. Was hat diese kleine Kurskorrektur bewirkt?
Lande Hekt: Ich glaube, dass ich oft nicht viel Kontrolle darüber habe, wie etwas am Ende klingt. Veränderungen passieren am ehesten, wenn ich andere Sachen höre und meine Umgebung anders ist. Aber ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass ich eine Solokünstlerin bin. Wenn eine Band ein Album aufnimmt, muss sie sich zusammensetzen und darüber sprechen, in welche Richtung sie damit gehen will und ob sie eine neue Richtung einschlagen will. Solche Dinge passieren nicht unbewusst, und sie können auch nicht unbewusst passieren. Deshalb ist es bei Bands üblich, dass sie darüber sprechen, wo sie hinwollen.
Deshalb ist es ziemlich interessant, ein Soloprojekt zu haben, denn ich schreibe einfach Songs, und wenn ich genug habe, nehme ich sie auf und plane die Veröffentlichung. Das ist so unkompliziert! Vielleicht versuche ich, die Songs anders klingen zu lassen als auf dem letzten Album, aber da ich alle Instrumente selbst spiele, verändert sich nicht viel, weil jeder einzelne Aspekt aus meinem Kopf stammt.
Natürlich gibt es Unterschiede, die ich kontrollieren kann: ein anderer Produzent, ein anderes Studio, und es ist bei jedem neuen Album ein anderer Zeitpunkt, aber wenn es trotzdem relativ ähnlich klingt, dann liegt das daran, dass ich mich nicht hinsetze und mit mir selbst ein Gespräch führe: „Okay, jetzt machen wir ein Metal-Album!“
GL.de: Als Produzent und wichtigsten Mitstreiter hattest du dieses Mal Matthew Simms von MEMORIALS und Wire an deiner Seite. Was hat er in die Arbeit eingebracht?
Lande Hekt: Nun, er hat mehr eingebracht, als ich mir erhofft hatte! Er ist keineswegs ein Produzent, der die Kontrolle übernehmen will. Wir haben alles gemeinsam gemacht, und wenn ich ihn nach seiner Meinung gefragt habe, hatte er jede Menge Ideen und Wissen, was ihn zu einer echten Bereicherung im Studio gemacht hat.
Ich wusste einfach, dass seine Art, Dinge zusammenzubringen, ziemlich einzigartig ist, ebenso wie sein Wissen über Gitarren, Sounds und Layering (etwas, was ich auf meinen Platten gerne einsetze). Wir haben auch viele gemeinsame Lieblingsbands, und bei diesem Projekt konnten wir viel davon einfließen lassen, wenn uns der Sinn danach stand.
Er hat auch ein großartiges Verständnis für meinen Gesangsstil. Ich bevorzuge es zum Beispiel, meine Stimme zu doppeln, aber im Studio haben sich in der Vergangenheit die meisten Produzenten dagegen gewehrt. Gewissermaßen musste ich, seit ich 18 bin, immer dafür kämpfen, mehr als eine Gesangsspur aufzunehmen. Aber als ich dann mit Matt zusammengearbeitet habe, meinte er: „Lass uns sechs deiner Gesangsspuren ausprobieren!“ Im ersten Moment dachte ich: „Wow, das ist doch verrückt!“, aber tatsächlich klingt es wirklich cool.
Früher habe ich im Studio oft gedacht, was ich mir vorstelle, ist seltsam. Zu Matts Arbeitsweise gehört es dagegen, genau diese Dinge aufzugreifen und sogar noch zu fördern, anstatt davor zurückzuschrecken. Ich glaube, wir konnten deshalb meine Ideen auf eine Weise vertiefen, wie ich es zuvor nie konnte.
GL.de: Du hast erwähnt, dass du nicht das Gefühl hast, immer die vollständige Kontrolle über die Dinge zu haben. Bist du manchmal überrascht, in welche Richtung dich eine Platte führt?
Lande Hekt: Auf jeden Fall. Oftmals merkt man, wenn alles zusammenkommt, dass man etwas geschaffen hat, das sich ein wenig von dem unterscheidet, was man sich ursprünglich vorgestellt hatte. Das ist Teil des spannenden Prozesses. Aber ich denke, sobald ich Songs als Demo aufnehme oder ins Studio gehe, um sie einzuspielen, habe ich zumindest eine klare Vorstellung davon, was ich erreichen möchte.
Weniger Kontrolle habe ich jedoch, wenn ich mich tatsächlich mit dem kreativen Teil des Songwritings beschäftige, da ich dabei nur halb bewusst vorgehe. Es kommt einfach so, wie es kommt. Wenn es dann an der Zeit ist, ein Demo aufzunehmen und den eigentlichen Sound zu formen, bin ich viel klarer im Kopf als beim Schreiben des Songs.
GL.de: An anderer Stelle hast du bereits gesagt, dass es dir inzwischen weniger wichtig ist, wie du dich selbst darstellst. Ist das Altersweisheit geschuldet oder doch vielleicht auch ein Stück weit der Tatsache, dass sie nach all den Jahren weniger das Gefühl hat, sich und anderen etwas beweisen zu müssen?
Lande Hekt: Es ist wahrscheinlich beides. Auf jeden Fall das Alter. Es heißt ja, dass man mit 30 nicht mehr so sehr darauf achtet, was andere über einen denken, und ich glaube, das trifft auf mich auch irgendwie zu. Noch mehr hat es allerdings mit Politik zu tun und damit, sich zu Themen zu äußern, die einem am Herzen liegen. Als ich viel jünger war und mir etwas wichtig war, habe ich es gesagt, in Interviews und in meinen Songs, und alles passte zusammen. Damals war ich ständig wütend über viele Dinge, vor allem aber über die Politik.
Dann aber wurde die politische Lage in Großbritannien wirklich schlimm, und die Idee einer sozialistischen Regierung wurde uns genommen. Die Menschen waren sehr traurig. Leute in meiner Position waren nicht mehr wütend, sondern einfach nur noch enttäuscht, und ich glaube, das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich von den politischen Themen abgeschottet habe. Dadurch habe ich angefangen, Musik zu schreiben, die eher eine Flucht vor diesen Gefühlen und dem Engagement in der Politik war.
Jetzt empfinde ich das nicht mehr so stark. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder bereit bin, beides miteinander zu verbinden und offenere Gespräche mit Menschen zu führen, ohne mich vor der Politik zu scheuen. Du machst dir Gedanken darüber, wie du rüberkommst, du fragst dich, ob du dich richtig ausdrückst oder ob es klischeehaft ist, sich in der Musik so direkt mit Politik auseinanderzusetzen. Aber plötzlich wird dir klar: Das ist überhaupt nicht wichtig! Wenn man dem Faschismus direkt ins Gesicht blickt, spielen diese egoistischen oder narzisstischen Gedanken keine Rolle mehr.
Wenn ich einen Song über ein politisches Thema schreiben möchte und die Texte für manche Leute etwas zu direkt sind, ist mir das heute wirklich egal, denn ich finde es wichtig, die Dinge anzusprechen, besonders in Zeiten wie diesen.
GL.de: Mit vielen dieser Songs strebst du nach etwas Positiverem. Spiegelt das wider, dass du persönlich in deinem Leben zufriedener bist, oder ist es eher so, dass du der Meinung bist, dass es schon genug Dunkelheit in der Welt gibt, dass man nicht noch mehr hinzuzufügen sollte?
Lande Hekt: Es ist tatsächlich beides. Es ist ein Spiegelbild davon, dass ich mich in meinem eigenen Leben positiver fühle, und das ist sehr schön, und es ist neu für mich, das in meine Musik einfließen zu lassen. Das gilt aber auch in Bezug auf das, worüber wir zuvor gesprochen haben, nämlich offener mit Politik und solchen Dingen umzugehen. Tatsächlich ist es positiv, diese Themen anzusprechen, denn das ist eine Form des Handelns oder eine Form der Konversation. Sich mit Dingen zu beschäftigen und allein darüber nachzudenken, ist negativ, denn letztlich bin ich überzeugt, dass Hoffnung ein wichtiger Teil progressiver Politik ist.
GL.de: Bevor unsere Zeit um ist, würden wir gerne noch wissen, welche Wünsche und Träume du mit „Lucky Now“ verbindest.
Lande Hekt: Nun, im Moment plane ich eine Tournee in Großbritannien und hoffe, dass ich auch für Konzerte auf das europäische Festland kommen kann. Ich bin schon jetzt sehr zufrieden mit dem Album und freue mich über all die netten Dingre, die bereits über die erste Single gesagt wurden.
Sobald das Album erschienen ist, werde ich auf jeden Fall auf Tour gehen und hoffentlich viele nette neue Leute kennenlernen. Bei der letzten Platte hatte ich das Glück, viele Freundinnen und Freunde in anderen Bands zu finden. Weiterhin selbst Shows zu buchen und alles ziemlich DIY-mäßig anzugehen, bedeutet, dass ich all die Beziehungen auskosten kann, die ich über die Jahre geknüpft habe.
Es gibt mir ein Gefühl von Stärke, Dinge selbst machen zu können, denn eine Tour zu buchen ist nicht einfach. Deshalb bezahlen so viele Leute andere dafür! Aber es war ein tolles Gefühl, all diese Dinge selbst in der Hand zu haben. So kann ich die Konzerte annehmen, die ich wirklich spielen möchte, und ich spiele nicht mit Bands, die ich nicht mag. Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, das tun zu können.
Im Grunde hoffe ich, dass ich das Ganze so lange wie möglich fortsetzen kann, und wenn dieses Album mir das ermöglicht, dann wäre das definitiv ein großer Gewinn.
„Lucky Now“ von Lande Hekt erscheint auf Tapete Records/Indigo.




