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Wie niemand sonst
Nein, den ganz großen Hype wie Geese oder Turnstile haben They Are Gutting A Body Of Water nicht ausgelöst, trotzdem kann man ohne rot zu werden behaupten, dass das eigensinnige DIY-Quartett um Vordenker Douglas Dulgarian nach der Veröffentlichung seines vierten Albums, „Lotto“, im vergangenen Herbst in aller Munde war – und das nicht nur in seiner amerikanischen Heimat. Dass die Band aus Philadelphia mit ihrem Sound zwischen Noise-Rock, Shoegaze und Improv auch in Europa einen Nerv getroffen hat, unterstreicht auch die Tatsache, dass ihr Gastspiel im Kölner Bumann & Sohn schon Wochen vor dem Konzert ausverkauft ist. Doch nicht nur deshalb wird es ein ganz besonderer Abend.
Die erste Überraschung erleben zumindest die Uneingeweihten schon beim Betreten der kleinen Ehrenfelder Location. Dort, wo normalerweise das Bühnenpodest steht, gibt es an diesem Abend – nichts! Die Band hat ihr Equipment ebenerdig mitten im Saal aufgebaut, um das Konzert an allen Seiten umringt von den Zuschauerinnen und Zuschauern zu spielen. Da bekommt die Floskel „Mittendrin, statt nur dabei“ plötzlich ganz neue Dimensionen, und bei den wenigen älteren Semestern im Saal kommen vermutlich Erinnerungen an Fugazi hoch.
Das Vorprogramm bestreiten die local heroes grima, für die an diesem Abend gilt: „Mitgehangen, mitgefangen“, denn natürlich muss sich das Kölner Dreampop-Quartett mit dem ungewöhnlichen Aufbau arrangieren. Mastermind Javi wirkt ob der Tatsache, dass er – wie später Douglas Dulgarian bei TAGABOW auch – dem Großteil des Publikums während des gesamten Auftritts den Rücken zuwendet, doch ein bisschen verunsichert zu sein.
Hinzu kommt, dass das ganz auf den Community-Vibe ausgelegte Set-up dazu führt, das all diejenigen, die sich für einen Platz neben oder hinter der Band entschieden haben, zwar zu den wenigen Glücklichen gehören, die das Gesicht des Sängers und Gitarristen zu sehen bekommen, ihn aber praktisch nicht hören können.
Das ist besonders schade, weil Javi die Texte seiner bittersüßen, Reverb-getränkten Shoegaze-Songs in seiner Muttersprache Spanisch singt und die Band zumindest an diesem Abend so ausgerechnet ihr Alleinstellungsmerkmal einbüßt. Zum Glück gibt es schon wenige Tage nach diesem Auftritt die Gelegenheit, grima im Tsunami mit einem „traditionellen“ Bühnenaufbau zu erleben.
Was für grima Ausnahmezustand bedeutet, ist für TAGABOW die Werkseinstellung. Obwohl der im wahrsten Sinne des Wortes enge Kontakt zum Publikum für die Band klar Teil des Konzepts ist, üben sich Dulgarian (Gitarre, Gesang), Emily Lofting (Bass), PJ Carroll (Gitarre) und Ben Opatut (Schlagzeug) ansonsten in strikter Verweigerungshaltung.
Dulgarian richtet kaum mehr als zehn Worte an das Publikum, und auch sonst lassen sich die vier nicht bei irgendwelchen Gefühlsregungen erwischen. Das kann man als auf die Spitze getriebene Coolness interpretieren, in einigen Momenten kann man sich aber auch problemlos einbilden, dass irgendwas an diesem Abend nicht so recht stimmt.
Klanglich gelten bei TAGABOW die gleichen Einschränkungen wie bei grima. Auch beim Headliner hört man je nach Position im Raum nur die Hälfte, und das nimmt, das muss man leider so sagen, den Songs ein Stück von der monumentalen Urgewalt in bester My-Bloody-Valentine-Tradition, die auf den Platten so fesselt.
Dass TAGABOW eine Band wie kaum eine Zweite sind, ist aber selbst trotz der widrigen Umstände nicht zu überhören, wenn sie – wie es an anderer Stelle bereits so treffend hieß – mit übersteuerten Gitarren, abrupten Schnitten und digitalen Details eher an Mixtapes als an Hochglanzrock erinnert.
Wenn die vier gekonnt mit der Dynamik ihrer Songs spielen, die mal geradezu ausufernd lang wie die Eröffnungsnummer „63 Skies“ sind, dann in bester Hardcore-Tradition kaum länger als 90 Sekunden brauchen, um ihren kathartischen Höhepunkt zu erreichen, klingen sie paradoxerweise gleichzeitig wie unzählige andere Bands und wie niemand sonst.
Atempausen gibt bei dazwischen bei einem halben Dutzend „Interlude Jam“ genannten Instrumentals, bei denen die vier relaxt zu Sample-Collagen aus der Konserve jammen und Dulgarian die Gelegenheit hat, seine Gitarre wegzustellen, sich an Lofting und dem Publikum vorbeizuquetschen und die Einstellungen an seinem Verstärker millimeterweise zu ändern.
Obwohl der Sound und die Attitüte von TAGABOW tief in der Vergangenheit verwurzelt sind, sorgt die Dringlichkeit ihrer Songs dafür, dass sie am Ende doch modern klingen und ihre Musik ganz auf die Magie des Moments ausgerichtet ist.
Zum strikt konzeptionellen Rahmen des 55-minütigen Auftritts (eine Zugabe gibt es natürlich nicht) passt auch, dass die Songs in Blöcken gespielt werden. Den Anfang machen sechs Nummern aus dem 2019 erschienenen Album „Destiny XL“, danach folgen zwei aus „s“ von 2022 (darunter das mit dream-poppiger Sanftheit etwas aus dem Rahmen fallende „Behind The Waterfall“), und den Abschluss bilden vier Nummern aus der aktuellen LP „Lotto.“
Besonders die neuen Songs betonen mit knackigen Riffs den Emo-Faktor, der sich immer mal wieder einschleicht, und das macht sich krachig aufbäumende Songs wie „Trainers“ oder das vom LP-Opener zum Konzert-Schlussstück beförderte „the chase“ zu besonderen Highlights. Als um kurz vor 22.00 Uhr dann das Licht angeht, darf man sicher sein, an diesem Abend eine Band erlebt zu haben, die so ungewöhnlich ist wie ihr Name.



















