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Spätestens seit Mitski Miyawaki vor zehn Jahren mit ihrem Durchbruchsalbum „Puberty 2“ den bis dahin eingeschlagenen Weg als abrasive Indie-Queen aufgab und sich mit der Hinzunahme elektronischer Instrumente und einer bewussten Konzentration auf die harmonischen und melodischen Aspekte ihres Tuns auch einer größeren Öffentlichkeit gegenüber zugänglich zeigte, wurde deutlich, dass sich die Gute nicht auf einen bestimmten Stil festnageln lassen wollte. Die musikalische Weiterentwicklung beschleunigte sich dann mit dem Nachfolge-Album „Be The Cowboy“, bis Mitski mit dem fast reinen E-Pop-Album „Laurel Hell“ gar zum Idol von Teeny-Girls asiatischer Prägung wurde. Freilich: Mit dem nächsten Album „The Land Is Inhospitable And So Are We“ warf Mitski die E-Pop- und Disco-Elemente wieder aus dem Programm und experimentierte dann mit akustischen Singer-Songwriter-, Indie-Pop- und Folk-Elementen – die teils mit opulenter Grandezza in Szene gesetzt wurden. Kurzum: Mitski agiert auf der musikalischen und stilistischen Seite konsequent inkonsequent – und entschied sich jeweils dazu, im Moment der sicheren Hinwendung zum Mainstream-Pop-Star, dann doch einen anderen Weg einzuschlagen.
Kaum jemanden dürfte es dann wundern, dass nun – mit Album #8 – ein weiteres neues musikalisches Kapitel aufgeschlagen wird. Auch auf „Nothing‘s About To Happen To Me“ ist wieder ein Hinwendung zum klassischen Singer/Songwriter-Setting zu beobachten. Bei Songs wie „In A Lake“, „Cats“, „Dead Woman“ oder „Instead Of Me“ (die so oder ähnlich auch von Courtney Marie Andrews oder Angel Olson hätten stammen kommen) kommt dann noch ein unterschwelliger Country-Touch (meist in Form freischwebender geisterhafter Steel-Gitarren) hinzu. Und auch bei diesen Tracks kommt dann wieder eine plüschig/opulente, orchestrale Note hinzu, denn solche Songs enden oft mit Pomp und Circumstance in schwelgerisch/hymnischen Denouements. In dem Track „Rules“ (eigentlich auch ein Country-Song) schießt das Konzept mit aufgesetzten Fuchsjagd- und New Orleans-Style Bläsern dann sogar ein wenig über das Ziel hinaus.
Auf der anderen Seite gibt es dann Tracks wie „Where’s My Phone“, „If I Leave“, „That White Cat“ und besonders die abschließende Power-Ballade „Lightning“, die in dieser und jener Richtung auf Mitskis Rock-Roots zurückgreifen – nicht so stark, dass es das Gleichgewicht störte, aber doch immerhin so zupackend, dass es aufhorchen lässt. Mitski lässt dabei ihrer Live-Band The Land jedenfalls mehr Freiraum als auf den letzten Alben – und kann, wenn sie will auch noch ordentlich rocken.
Das, was sich aber in musikalischer Hinsicht besonders bemerkbar macht, sind die kunstvoll gestaffelten und harmonisch besonders ambitioniert angelegten Backing Chöre, die Songs wie „Where’s My Phone“, „That White Cat“ und insbesondere „Charon’s Obol“ einen besonderen Glanz verleihen – weil sie als integrativer Bestandteil der Songgestaltung einen wesentlichen emotionalen Beitrag leisten. Gerade die mythologische Elegie „Charon’s Obol“ (das ist die Münze, die verstorbenen auf die Augen gelegt werden, damit sie den Fährmann, der sie über den Fluss Styx in die Unterwelt fährt, bezahlen können) wäre ohne diese Chöre, die den Song wie ein fließendes Wasser umschmeicheln, kaum denkbar.
Und worum geht es inhaltlich? Keine Ahnung. Waren früher die Themen Selbstfindung, Verantwortung und Empowerment wichtig für Mitski, so singt sie heutzutage über verlorene Handys, Katzen oder das Schwimmen im See. Der autobiographische Kontext wird aber immer wieder aufgebrochen mit mythologischen, poetischen oder psychedelischen Elementen, die dem Ganzen dann einen mystischen Beigeschmack verleihen. Aber wer hört Mitski-Scheiben schon wegen ihres lyrischen Gehaltes wegen? Musikalisch jedenfalls setzt sie als Songwriterin in eigener Sache mit diesem Album neue Maßstäbe.
„Nothing’s About To Happen To Me“ von Mitski erscheint auf Dead Oceans/Cargo.




