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Wie der Name schon sagt
Rocket als Senkrechtstarter zu bezeichnen, klingt zunächst einmal nach einem üblen Wortspiel, aber wie soll man eine Band sonst nennen, die, ohne überhaupt ein Album veröffentlicht zu haben, von The Smashing Pumpkins auf Tour eingeladen wurde, als unsigned band zu Coverstars des NME avancierte und mit ihrer auch an dieser Stelle zur Platte der Woche gekürten Debüt-LP „R Is For Rocket“ letzten Herbst die Herzen all derer höher schlagen ließ, die vom 90er-Jahre-Indierock- und Shoegaze-Revival gar nicht genug bekommen können? Mit ihrer unschlagbaren Mischung aus verzerrten Gitarren und zuckersüßem Gesang begeistern Rocket auch bei ihrem Gastspiel im fast bis auf den letzten Platz gefüllten Bumann & Sohn in Köln vom ersten Ton an.
Schon der Supportact ist verheißungsvoll und fasziniert mit den gleichen Tugenden wie später die Headliner. Ähnlich wie Rocket fühlen sich auch Honey I’m Home klanglich von 90er-Jahre-Helden wie My Bloody Valentine, Sonic Youth oder The Smashing Pumpkins inspiriert, haben aber auch ein Faible für Alex G oder Slow Pulp und rücken so dem Zeitgeist ein Stück weit näher.
Das Amsterdamer Quintett mit Sofie Ooteman (Gesang, Gitarre – einigen vielleicht als Tourgitarristin von Marathon ein Begriff), Thom Schotanus (Gesang, Gitarre – zuvor bei Jagd), Jasper Meurs (Drums), Evelien Keesmaat (Bass, Synth) und Hugo de Groot (Gitarre) weiß an diesem Abend mit schimmernden Indie-Gitarren und federleichtem Dream-Pop genauso zu gefallen wie mit einem turmhohen Shoegaze-Wall-of-Sound.
Von verträumten Soundscapes zu dringlicher Intensität ist es in Songs wie „Wishful Thinking“ oder „Alive“ nur ein Katzensprung, und am Ende von beeindruckenden 30 Minuten ist dann auch klar, warum Honey I’m Home, ohne auch nur einen Song veröffentlicht zu haben, zum letztjährigen Reeperbahn-Festival eingeladen wurden und in wenigen Wochen sogar beim SXSW-Festival in Austin, Texas, zu Gast sein werden. Eine Band, die man sich merken muss!
Dass Honey I’m Home dennoch Rocket nicht das Wasser reichen können, spricht nicht gegen die ausgezeichnete holländische Vorgruppe, sondern unterstreicht nur, dass die vier Amis derzeit tatsächlich in einer eigenen Liga spielen. Denn auch wenn Acts wie Momma oder Blondshell fraglos Seelenverwandte sind: So perfekt wie Rocket gelingt es sonst keiner anderen Band, nicht nur den Sound der 90er-Jahre, sondern auch die komplette Ästhetik und das Gefühl der Dekade einzufangen, in der Grunge und Alternative Rock die Charts stürmten.
Doch selbst wenn man sich immer wieder an die bereits eingangs erwähnten Giganten oder die Lichtgestalten des female fronted indierock der 90er wie Veruca Salt erinnert fühlt: Altbacken klingen Rocket trotzdem nicht. „Rocket gelingt das Kunststück, den Sound von gestern brandneu klingen zu lassen“, schrieben wir vor wenigen Monate in unserem Review über die Songs ihres Debütalbums, und dieses Gefühl ist auch im Bumann & Sohn allgegenwärtig, wenn die Band mit Songs ihres 8-Song-Minialbums „Versions Of You“ ihre rohe Seite betont und mit den raffinierter ausstaffierten Nummern von „R Is For Rocket“ unterstreicht, dass kleine Läden wie an diesem Abend eigentlich längst zu klein sind für ihren überlebensgroßen Sound.
In 60 Minuten stürmen Alithea Tuttle (Gesang, Bass), Baron Rinzler (Gitarre), Desi Scaglione (Gitarre) und ein nicht weiter vorgestellter Ersatzmann für Cooper Ladomade (Schlagzeug) durch zwölf explosive Songs, die außer beim fast schon verträumt zu nennenden „Number One Fan“ kaum Platz für Atempausen lassen – und das ganz sicher nicht nur, weil der Bühnennebel so dicht ist, dass sich selbst die Band Scherze darüber nicht verkneifen kann. „Wir haben unseren Drummer angezündet“, erklärt Scaglione sehr zum Amüsement der anderen drei Rockets, als ein Zuschauer irritiert fragt, ob so viel dry ice denn Not tut.
Obwohl die vier das sympathischerweise bei einigen charmanten Ansagen zwischen den Songs nicht raushängen lassen: Wenn am Ende des Auftritts die beiden Superhits „Wide Awake“ und „Take Your Aim“ aus den Boxen donnern und sich die Schlussnummer „R Is For Rocket“ zu einem fast neunminütigen Orkan aufbäumt, dürfte den meisten im Saal bewusst sein, dass sie hier gerade zukünftige Indie-Superstars sehen.

























